Spitzenprodukte der Popularmusik (4)


Elvis Costello And The Attractions – Blood & Chocolate (1986, Demon)
Mit dem elften Studioalbum hat Elvis Costello in einer an Höhepunkten nicht eben armen Karriere einen wunderschönen Rohdiamanten in die Pop-Welt gestellt. Seine Karriere startete bereits fulminant mit den beiden Kritikerlisten-Lieblingen „My Aim Is True“ (1977) und „This Year’s Model“ (1978), der exzellente Eindruck, den seine ersten Scheiben hinterlassen haben, hält jetzt schon seit vielen Jahrzehnten und Veröffentlichungen unvermindert an.
Nachdem er im Frühjahr 1986 das von T-Bone Burnett sehr sauber und ausgereift produzierte Album „King Of America“ auf den Markt brachte, engagierte er für das Folgealbum seinen alten Kumpel Nike Lowe, der das Album quasi „Live im Studio“ mit der gesamten Band in einem Raum einspielte, was der Platte einen unvergleichlichen, rohen und spontanen Charme verleiht, heutzutage würde man das wohl ganz stumpf „blueslastigen Alternative Rock“ nennen, für Costello-Verhältnisse mutet das Werk an vielen Stellen extrem trashig an. Der Gruppenchemie war diese Arbeitsweise offensichtlich weniger zuträglich, die Beziehungen der Attractions zueinander waren nach den Aufnahmen laut Aussage von Elvis Costello eingetrübt und es sollte acht Jahre dauern, bevor die Band wieder in der Konstellation zusammenfand.
Die Scheibe ist ein singuläres Event im großen Costello-Gesamtkatalog, wo der Meister sonst eher filigran und bis ins Detail durchproduziert veröffentlichte, legt er hier einen ungefilterten, rauhen und ergreifenden Seelenstrip hin, mit Wut und/oder absoluter Hingabe vorgetragen, wie selten in der Pop-Welt zu Gehör gebracht. Die Platte enthält nicht ein schwaches Stück, besonders hervorheben möchte ich die über alle Maßen gelungene Pop-Nummer „Poor Napoleon“, der flotte Powerrocker „Blue Chair“, das ungestüme „Tokyo Storm Warning“, das er zusammen mit seiner damaligen Frau, der Pogues-Bassistin Cait O’Riordan komponierte, das hochdramatische „Battered Old Bird“, bei dem Costello gesanglich alle Register zieht, sowie last not least das schmachtende, fordernde, bis auf das Gerippe abgenagte Liebeslied „I Want You“.
Costello hat im Nachgang noch viele Großtaten vollbracht, nie war er wieder so direkt, roh und ungeschliffen.
1995 und 2002 gab es CD-Reissues von „Blood & Chocolate“ mit jeweils haufenweise Bonusmaterial.
(******)

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