Reingelesen (9)

TC BOYLE Freund der Erde

T. C. Boyle – Ein Freund der Erde (2003, dtv)
Der hat mir noch gefehlt von den Boyle-Romanen. Eine Wohltat nach dem extrem drögen und für TCB-Verhältnisse ungewöhnlich langatmigem „San Miguel“ von 2012.
„Ein Freund der Erde“ habe ich lange mit Nichtinteresse gestraft, handelt es sich doch um einen Science-Fiction-Roman. Völlig unbegründet, obskure Außerirdischen-Geschichten sucht man hier vergeblich, vielmehr handelt es sich um eine leider ziemlich realistische Zustandsbeschreibung dieser Welt nach der Klima-Katastrophe im Jahr 2025. Tyrone O’Shaughnessy Tierwater, der Protagonist des Romans, umgeben von mehr oder weniger ernstzunehmenden Weltrettern und Öko-Spinnern, kämpft auf seinem Weg zur Rettung von Flora und Fauna gegen Staatsmacht und Großkonzerne, und wie so oft bei Boyle, lauert hinter jeder Straßenbiegung die nächste Katastrophe. Eine glänzende Öko-Satire, die in Punkto Form, Inhalt und Sprachwitz an die besseren Boyle-Romane wie „América“, „Talk Talk“ oder „Der Samurai von Savannah“ heranreicht, die Qualität der beiden frühen, exzellenten Großromane „Wassermusik“ und „World’s End“ erreicht aber leider auch dieser Schmöker nicht mehr.
(**** ½)

„Mac hat seit jeher viel Trara um Weihnachten gemacht – Glitzerzeug, da steht er drauf. Plätzchen im Ofen, blinkende bunte Lämpchen, Klingelingeling, lauter so Sachen -, und das ist dieses Jahr nicht anders. Was macht es schon, wenn die Rahmenbedingungen etwas extrem sind? Was tut es, dass wir praktisch auf einer Insel leben und weder Supermarkt noch Krankenhaus, weder Sushi-Bar noch Futtermittelhandlung erreichen können? Was tut es, dass wir im Keller lauter scheißende, fauchende, fuchsteufelswilde und desorientierte Tiere haben? Hauptsache schmücken, so denkt er eben. Vor zwei Jahren karrte er fünfzig Mann an, die rings um das Haus an den Wänden Lichterketten in parallelen Bahnen anbrachten, so dass es aussah wie ein Geschenkpaket auf dem Gipfel des Hügels (oder, von innen, wie ein riesiger Elektrotoaster), an die zwanzigtausend Glühbirnen verbrauchten elektrischen Strom, den niemand hat und den sich niemand leisten kann, und Mac war nicht mal zu Hause. Letztes Jahr am 1. Dezember fuhr wieder eine fast ebenso große Crew vor, aber der Wind blies so heftig, dass die Arbeiter dauernd von den Leitern geweht wurden, und die Lichter, die sie noch anbringen konnten, knallten immer wieder gegen die Hauswand, bis nicht viel mehr übrig war als ein langes Kabel mit lauter leeren Fassungen, das vom Sturmwind gebeutelt wurde. Auch damals war Mac nicht hier. Diesmal aber ist er da, und das bedeutet volles Programm: wenn wir wegen dieses erbarmungslosen, meteorologischen Kataklysmus, der Tag und Nacht auf alles niederpeitscht, was nicht drei Meter tief in der Erde vergraben ist, nicht draußen für Weihnachten dekorieren können, dann tun wir’s eben drinnen (…) „
(T. C. Boyle – Ein Freund der Erde, Santa Ynez, Dezember 2025)

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