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Jakob Arjouni Cherryman jagt Mr White

Jakob Arjouni – Cherryman jagt Mister White (2011, Diogenes)
Eine der letzten Arbeiten des Frankfurter Schriftstellers Jakob Arjouni, der im Januar 2013 leider viel zu früh im Alter von 48 Jahren nach längerem Krebsleiden verstarb. Seine fünfteilige Krimireihe über den Frankfurter Privatermittler Kemal Kayankaya gehört für mich nach wie vor zum Besten, was die deutsche Krimi-Kost zu bieten hat. Für „Ein Mann, ein Mord“, den dritten Teil der Serie, erhielt Arjouni 1992 den Deutschen Krimi-Preis. Schwer begeistert war ich auch von seinen sarkastischen Schelmenromanen „Magic Hoffmann“ (1996) und „Der heilige Eddy“ (2009).
Im Roman „Cherryman jagt Mister White“ thematisiert Jakob Arjouni die (ost-)deutsche Rechtsradikalen-Problematik in seiner sehr eigenen, schnörkellosen und schnell zu lesenden Prosa, die in ihren besten Momenten an den harten Schreibstil des traurigerweise auch viel zu früh verstorbenen, großartigen Jörg Fauser erinnert.
Der arbeitslose Comiczeichner Rick Fischer gerät in seinem Brandenburger Dorf in die Fänge der ortsansässigen Nazi-Prolls, die ihm einen Job in Berlin verschaffen und deren Verbündete aus der einschlägigen Berliner Rechtsaußen-Szene hierfür eine Gegenleistung von Rick verlangen. Den Schritt vom Mitläufer zum Täter kann der junge Rick nicht gehen, zu emotional-persönlich sind seine Beziehungen zu potentiellen Opfern. Der Ausweg aus diesem Dilemma endet in einer katastrophalen Gewalt-Eskalation.
Der Griff nach dem Glück, verbunden mit einem faustischen Pakt und einer dramatischen Auflösung – ein klassischer Stoff mit einem leider nach wie vor topaktuellen Bezug. Eine empfehlenswerte Parabel über Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, die, so denke ich, auch gut für die Schullektüre geeignet ist.
(**** 1/2)

„(…) Mario war auffallend klein, dünn, knochig, mit blondierten Haaren und Ohrensteckern mit Hackenkreuzen. Er machte keine Umwege. Immer sofort drauf. So war er schon im Kindergarten gewesen: Gib her, oder ich hau dir in die Fresse. Dabei war er weder dumm wie Heiko, noch krank wie Robert, sondern schien für normales Verhalten einfach keine Zeit zu haben. Als hätte er Wichtigeres zu tun (…)“
(Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mister White, Kapitel 1)

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3 Kommentare

    1. Das Buch ist mit seinen nicht mal 200 Seiten auch was für zwischendrin, es liest sich sehr flott, da bist Du in ein bis zwei Tagen durch.
      Die Kayankaya-Romane sind meiner bescheidenen Meinung nach ein absolutes Muss für Krimi-Fans.
      Viele Grüße, Gerhard

      Gefällt 1 Person

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