Reingelesen (12)

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„Die grundlegende Erfahrung meiner Generation“, schrieb Havel 1958 an Paukert, „besteht darin, dass sie die kommunistische Vorstellung von Sozialismus in ihrer praktischen Umsetzung erlebte… und eine Sichtweise darauf formulierte, die leider zum größten Teil negativ war“.
(Michael Žantovský, Václav Havel, Olga)

Michael Žantovský – Václav Havel: In der Wahrheit leben (2014, Propyläen Verlag)

Michael Žantovský, ein ehemaliger Mitarbeiter Václav Havels, hat eine sehr gut lesbare, fesselnde, und – glaubt man der Fachpresse – definitive Biografie über seinen zeitweiligen Dienstherren geschrieben, die sich mitunter fast wie ein politisches Märchen liest. Nach einer behüteten Kindheit und Jugend im großbürgerlichen Prag trat der junge Havel als Dramatiker in Erscheinung, ob seine absurden, an Beckett gemahnenden Werke der sechziger und siebziger Jahre heute noch in Erinnerung wären, hätte er nicht den Lauf der jüngeren Geschichte mitgestaltet, steht wohl auf einem anderen Blatt.

Nach Einmarsch der sowjetischen Truppen und der damit einhergehenden Niederschlagung des Prager Frühlings und der Entmachtung Alexander Dubčeks, der einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ einforderte, versank die Tschechoslowakei lange Jahre in politischer Depression, aus der sie erst nach Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte im Jahr 1975 langsam wieder auftauchte. Die Gründung der Protestbewegung „Charta 77“ und die Verfassung eines Dokuments unter der Feder Havels und des tschechischen Schriftstellers Pavel Kohout, das Demokratie, Meinungsfreiheit und Achtung der Menschenrechte einforderte, darf heute als Anfang vom Ende des tschechoslowakischen Staatskommunismus betrachtet werden. Bis dahin war es allerdings noch ein langer Weg, Václav Havel musste für sein Engagement für die „Charta“ von 1979 bis 1983 eine Haftstrafe wegen „Subversion“ verbüßen, ehe er 1989 als Galionsfigur der „samtenen Revolution“ für das Bürgerforum um das Amt des Präsidenten kandidierte. In seine Regierungszeit als gewählter Präsident fällt die Loslösung der Slowakei, für den Staat Tschechien kandidierte er 1993 erneut als Präsident und blieb dies bis zum Jahr 2003, in dieser Zeit führte er das Land in die Europäische Union und in die Nato.

„Havel erwarb sich durch diese Episode eine dauerhafte Abneigung gegen jene Art von Politik, die durch Verhandlungen ins Ausschüssen und Mauscheleien in Hinterzimmern bestimmt wird. Er misstraute einer Politik, wie sie auf den Parlamentsgängen, in den Parteivorständen und in Redaktionsleitungen gepflegt wird. Andererseits hat er vielleicht niemals in vollem Umfang erkannt, dass Politik zum Großteil darin besteht, dass sich kleine Jungen gegenseitig ihre Sandburgen zerstören.“
(Michael Žantovský, Václav Havel, Eine Privatschule der Politik)

Havel wird in der Biografie als scheuer Intellektueller, behaftet mit teils massiven Selbstzweifeln, portraitiert, sein schwejkhafter Umgang mit der kommunistischen Staatsmacht kommt ebenso ausführlich zur Sprache wie seine zahllosen amourösen Abenteuer, war Václav Havel doch ein begnadeter Schürzenjäger. Sein Verhältnis zu den Freunden aus dem Widerstand wie Miloš Forman, Milan Kundera oder Jiří Dienstbier wird beleuchtet wie auch seine sich im Lauf der Zeit verschlechternde Beziehung zum späteren Staatspräsidenten Václav Klaus. Klaus, als Wirtschaftswissenschaftler ein Verfechter des Monetarismus der Chicago-Schule, glaubte an die Segnungen der reinen Marktwirtschaft, Havel vermisste in diesem Ansatz die Gebote von Anstand und Moral, was seinem Ruf im tschechischen Inland eher schadete.

Die Zusammensetzung der ersten Regierungsmannschaft Havels dürfte ein Novum in der Geschichte bleiben, die erste post-kommunistische tschechoslowakische Regierung wurde vor allem von Dichtern, Philosophen, Regisseuren, Schauspielern und Rockmusikern gebildet.

Václav Havel starb im Alter von 75 Jahren am 18. Dezember 2011 auf seinem Landsitz im nordböhmischen Hrádeček an den Folgen einer Atemwegserkrankung, die er sich während seiner Gefängnisaufenthalte zugezogen hatte – befreit von den Lasten der Politik, wie er selbst nach seinem Ausscheiden aus dem Amt anmerkte.

Der Autor der Biografie, Michael Žantovský, war in den Jahren 1988/89 Korrespondent für die Prager Niederlassung der Nachrichtenagentur Reuters, Mitbegründer des tschechischen Bürgerforums und 1990 bis 1992 Sprecher und politischer Berater von Präsident Václav Havel. Ab 1992 war er für fünf Jahre als Botschafter Repräsentant seines Landes in den USA. 2003 bis 2009 war er Botschafter in Israel, seitdem lebt er in London.

„Während der Rock ’n‘ Roll im Westen wegen seiner rebellischen und gegen das Establishment gerichteten Attitüde zu einem natürlichen Verbündeten der politischen Linken wurde, so wurde die Rock-Musik in der Tschechoslowakei aus dem gleichen Grund als antikommunistisch betrachtet, insbesondere von den Kommunisten selbst.“
(Michael Žantovský, Václav Havel, It’s Only Rock ’n‘ Roll)

(*****)

p.s. Auf Seite 445 f. wird ein Staatsakt thematisiert, bei dem einige Freunde und ich am 15. März 1990 in Prag live und in Farbe vor Ort sein durften: Anders als seine Landsleute 51 Jahre zuvor kam unser Bundes-Ritchie von Weizsäcker auf Einladung Havels „nicht mit Panzern, sondern einfach zu Fuß“ auf den Hradschin. Zwei Staatsmänner, denen man noch gerne zujubelte – aber wie überall, auch in Prag war damals selbstredend alles besser als heute: In den Veitsdom konnte man einfach reinspazieren, ohne vorher stundenlang anzustehen, auf dem jüdischen Friedhof in der Prager Altstadt war man im Zweifel alleine und das Glas Dunkles Bier hat im seinerzeit von Touristen noch nicht derart überschwemmten U Fleků umgerechnet fünfzig Pfennige gekostet…

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