Reingelesen (14)

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„Morgen früh würde er dieses Haus verlassen, ohne seiner Mutter vorher oder überhaupt Bescheid zu geben, die schäbige Tür hinter sich schließen, die kaputten Stufen hinunter gehen und die breite Straße hinaufmarschieren, vorbei an all den doppelreihig geparkten Wagen und den Leuten, die auf den Treppen vor ihren Häusern hockten, ganz so, als befände er sich in einem gottverdammten Song von Bruce Springsteen, aber nicht dem Springsteen von ‚Nebraka‘ oder ‚The Goast Of Tom Joad‘, sondern dem Springsteen von ‚Born To Run‘, ‚Two Hearts Are Better Then One‘ und ‚Rosalita (Won’t You Come Out Tonight)‘, dem Hymnen-Bruce“
(Dennis Lehane, Mystic River, Tränen in ihrem Haar)

Dennis Lehane – Mystic River (2014, Diogenes)
Obwohl ich seine Gennaro/Kenzie-Krimi-Reihe sehr anständig fand, den Historien-Schinken „Im Aufruhr jener Tage“ über Sozial- und Rassen-Konflikte im Boston des Jahres 1918 als gut lesbar und unterhaltsam schätzte und den von Michael Scorsese mit Leonardo Di Caprio verfilmten Psycho-Thriller „Shutter Island“ für mit das Beste in diesem Genre halte, habe ich eines seiner Hauptwerke, das meisterlich erzählte Krimi-Drama „Mystic River“, lange Jahre vernachlässigt, zu gegenwärtig war mir die gelungene Film-Adaption unter der Regie von Clint Eastwood mit Sean Penn, Tim Robbins und Kevin Bacon aus dem Jahr 2003.
Seit 2014 liegt der Roman in einer Neuübersetzung von Sky Nonhoff beim Diogenes-Verlag vor. Lehane erzählt eine beinharte Geschichte über die Freundschaft dreier Jungen, die in den Glasscherbenvierteln Bostons gemeinsam aufwuchsen, bereits in der Jugend durch ein schändliches Verbrechen miteinander auf tragische Art und Weise verbunden waren und deren Wege sich durch ein grausames Verbrechen an der Tochter eines der Hauptprotagonisten, Jimmy Marcus, unerwartet nach fünfundzwanzig Jahren wieder kreuzen.

„Einen Schaden fürs Leben, dachte Jimmy und nahm seine Hand herunter. Er sah, wie Dave ihm zunickte und dann die Jalousie herabließ, um sich wieder in die totenstille Wohnung mit den braunen Wänden und den tickenden Uhren zurückzuziehen, und Jimmy spürte, wie sich die Traurigkeit weiter in ihm ausdehnte, sich in seinem Inneren einnistete wie in einem Kokon, doch er versuchte nicht einmal, gegen sie anzukämpfen, da er wusste, dass es ohnehin zwecklos war.“
(Dennis Lehane, Mystic River, Vier Tage)

Ein großartiger, sehr gut zu lesender und literarisch anspruchsvoller amerikanischer Krimi und ein großartiges Drama von Shakespeare-haften Ausmaßen über Freundschaft, Misstrauen, Rache, Lüge, Wut, Trauer und Mord in Bostons Working-Class-Milieu, das die Fakten Zug um Zug seziert, die Spannung über die gesamte Strecke auf hohem Niveau hält und in einem stimmigen Plot endet. Das Buch reiht sich ein in die großen amerikanischen Hard-Boiled-Werke, wie sie von Größen des Genres wie James Ellroy, Don Winslow, Elmore Leonard oder George P. Pelecanos in den vergangenen Jahrzehnten verfasst wurden.
(*****)

„Und das war es, was man mit nach Hause nahm, in die Bars und die Umkleideräume des Reviers: die erschütternde Einsicht, dass die meisten Menschen miese Schweine waren, stumpfe, charakterlose Existenzen, die nur allzu oft selbst vor Mord nicht zurückschreckten und grundsätzlich logen, sobald sie den Mund aufmachten – und wenn einer von ihnen ohne ersichtlichen Grund verschwand, konnte man sicher sein, dass er über kurz oder lang entweder tot oder in noch verheerenderem Zustand aufgefunden wurde.“
(Dennis Lehane, Mystic River, Roter Regen)

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13 Kommentare

  1. Natürlich habe ich den Film gesehen. Der war großartig! Wegen dem Buch, mal überlegen, aber scheint sich ja zu lohnen. Im Moment bin ich mit zwei neuen Bukowski Büchern beschäftigt, die ich zufällig entdeckt habe und Haruki Murakami habe ich zwei Bücher gekauft. Da bin ich einge Zeit beschäftigt.

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      1. Neu wahrscheinlich nicht, ich habs halt entdeckt. „Pittsburgh Phil & Co. Stories“ Sehr gute Kurzgeschichten, ganz großes Kino! Und dann noch: „Den Göttern kommt das grosse Kotzen“ Naja, ist wohl ehr ein Tagebuch aus den Jahren 91 und 92. Ich hab zehn Seiten oder so gelesen und jetzt erstmal beiseite gelegt um Pitts… zu Ende zu lesen.

        Ellroy? Der schreibt doch Krimis, oder?

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      2. Ich würde Dir für den Einstieg den ersten Teil der ersten LAPD-Tetralogie empfehlen, „Die schwarze Dahlie“ (gab’s vor einigen Jahren auch im Kino, die Verfilmung soll aber nicht so toll gewesen sein, ich hab’s nicht gesehen). „LA Confidential“ wurde auch verfilmt (mit Kim Basinger, Kevin Spacey und Russell Crowe).

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