Reingelesen (16)

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„Warum lieben die deutschen Leser Sie so sehr?“, will der Moderator Joachim Scholl von Boyle wissen, worauf der überaus entspannte und freundliche Autor, ohne zu zögern, erwidert: „Weil ich ihnen Liebe bringe.“
Nicht als ob Boyle einen Liebesroman geschrieben hätte, im Gegenteil: Es ist ein Buch, das von Waffen, Hass und Gewalt nur so strotzt.

(Burghard Müller, Wir sind Barbaren, DIE ZEIT Nr. 8, 19. Februar 2015, S. 49)

T.C. Boyle – Hart auf Hart (2015, Hanser)

Die Schreibmaschine T.C. Boyle hat wieder einen rausgehauen, hinsichtlich Output-Frequenz wird er derzeit wohl nur vom Horror-König Stephen King übertroffen. „Hart auf Hart“ erschien in der deutschen Übersetzung noch vor dem amerikanischen Original, ein Umstand, der leider – wohl dem Termindruck geschuldet – zu Lasten des Korrekturlesens ging, an einigen Stellen darf man sich über ungewohnte Schreib- oder Druckfehler wundern und ärgern.
Erfreulich immerhin, dass der neue Boyle um einiges mehr inspiriert ist hinsichtlich Sprachwitz, Thematik und grotesker Situationskomik als das depressive, dröge, nahezu stinklangweilige Vorgängerwerk „San Miguel“ (2013, Hanser).
Um es vorweg zu nehmen: an Glanzleistungen des Autors aus vergangenen Tagen wie „Wassermusik“ (1987, Rogner & Bernhard, Neuübersetzung 2014, Hanser), „World’s End“ (1992, Deutscher Taschenbuch Verlag), „America“ (1998, Deutscher Taschenbuch Verlag) oder „Talk Talk“ (2006, Hanser) reicht das neue Werk jedoch wiederum bei weitem nicht heran.

„Der Staat Kalifornien war kein Ort mehr, wo sie leben wollte. Es war ein Gouvernantenstaat – abgesehen vom Atmen war alles, was man tat, reguliert bis zum Gehtnichtmehr, und an jeder Straßenecke und jedem Eingang zu jedem Park hing eine kilometerlange Liste von Verboten. Auf der Straße zu rauchen war verboten. Es war verboten, den Wagen über Nacht auf einem Parkplatz stehen zu lassen, es war verboten, den Brückenzoll für die Golden Gate Bridge bar zu bezahlen, und nicht mal im Internet konnte man irgendwas kaufen, ohne dass die Mehrwertsteuernazis einem zusätzlich was abknöpften.“
(T.C. Boyle, Hart auf Hart, Teil VIII, Ukiah)

Boyle erzählt die Geschichte des gesellschaftlichen Aussteigers Adam, der seinem historischen Vorbild John Colter, einem Trapper aus dem 19. Jahrhundert, nacheifert und sich der Zivilisation und ihren Regeln komplett verweigert. In der Systemkritikerin Sara lernt er eine Geistesverwandte kennen, die ebenfalls jegliche staatliche Autorität ablehnt, im Gegensatz zu Adam aber immer noch in sozialen Netzwerken verwurzelt ist und nicht wie dieser im Alkohol- und Drogenwahn versinkt.
Adams Eltern, Sten, ein pensionierter Schuldirektor und Vietnam-Veteran und seine Frau Carolee konnten Adam bereits in jungen Jahren keine Hilfe bei seinen psychotischen Ausbrüchen bieten, genau so wenig wie es Sara schafft, dem Dropout auf Dauer Halt zu geben, und so gipfelt der weitere Werdegang Adams in einer Orgie von Chaos und Gewalt.
An sich eine brauchbare Parabel über die negative Energie, die der übersteigerte amerikanische Freiheitsgedanke hervorbringt und die sich bei Überschreiten gängiger Gesellschafts-Konventionen ins Paranoide steigert, ist der Verlauf des Romans trotz seiner intensiven Thematik auf Dauer doch vorhersehbar, mir hat vor allem das Überraschungsmoment, mit dem Boyle in seinen besten Werken immer wieder aufwarten konnte, letztendlich komplett gefehlt.
Leider hat das Werk wenig Neues zum Thema „Freie Fahrt für freie Rednecks“ beizutragen, seit „Bowling For Columbine“ und der zum Teil völlig überdrehten öffentlichen Debatte über die Verstaatlichung des amerikanischen Gesundheitswesens, die auch in deutschsprachigen Medien ausführlich dokumentiert wurde, dürfte der Geist evident sein, der in gewissen US-amerikanischen Kreisen zum Thema „Staatliche Bevormundung“ durch die Hirnwindungen spuckt.

„Im Radio wurde geredet, allerdings größtenteils linke Kommunistenscheiße – staatlich finanzierter Rundfunk, und wie kam es eigentlich, dass deren Sender stärker waren als alle anderen?“
(T.C. Boyle, Hart auf Hart, Teil II, Willits)

Boshaft und abschließend bleibt mir zu dieser latent belanglosen Lektüre anzumerken, dass ich mich auf mancher Leich‘ schon besser amüsiert habe ;-))) (Bevor wer nachfragt: Ich bin keiner nekrophilen Neigungen verdächtig, die Leich‘ ist im ländlichen bayerischen bzw. österreichischen Sprachgebrauch beheimatet und bedeutet Leichenbegängnis / Beerdigung / Beisetzung).

Wer wirklich an die Nieren gehende und bis zuletzt spannende Dropout-Geschichten lesen will, greife zu den Krimis von Daniel Woodrell (besonders empfehlenswert: Die Bayou-Trilogie „Im Süden“, 2012, Heyne, enthält die drei Bände „Cajun Blues“, „Der Boss“ und „John X“ ) oder bestaune die sehenswerte Verfilmung seines Romans „Winter’s Bone“ von Debra Granik mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle.

(*** ½)

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