Reingehört (46)

rock-and-roll_2

Great Lake Swimmers – A Forest Of Arms (2015, Nettwerk / Soulfood)
Das sechste Vollwerk der kanadischen Great Lake Swimmers aus Ontario um den Songwriter Tony Dekker startet für die Band ungewohnt hymnisch, an Okkervil River zu ihren besten Zeiten erinnernd, um dann im gewohnten Folk-Rock-Fahrwasser fortzufahren. Gefällig, an manchen Stellen mitunter allzu wohlgefällig, hat die neue Scheibe dem Swimmers-Kosmos für meine Begriffe nichts Wesentliches hinzuzufügen, sie tut aber sicher auch niemandem weh. Wer die „Legion Sessions“-EP (2009, Nettwerk) oder eine der Vorgängeralben im Schrank stehen hat, erweitert seine Sammlung mit dem Neuwerk qualitativ nicht wesentlich. Unnützes Wissen am Rande: Kevin Kane von den Grapes Of Wrath musiziert mit.
(*** ½ – ****)

James Blackshaw – Summoning Suns (2015, Important / Cargo Records)
Auf den englischen, aus Hastings stammenden Akustikgitarristen James Blackshaw wurde ich erstmals vor einigen Jahren im Vorprogramm eines Swans-Konzerts aufmerksam, Blackshaw setzte damals mit seiner meditativen, von Robbie Basho, John Fahey und Jack Rose geprägten Instrumental-Gitarrenmusik einen schönen Kontrapunkt zum akustischen Brachial-Stahlbad der Männer um Michael Gira.
Die neue Platte ist ein abwechslungsreiches, spannendes Konglomerat aus Sakral-Intrumentals, beschwingtem, leichtfüßigem Folkrock, ätherischem Gesang und Blackshaws bekannter, ambient-artiger Akustikgitarren-Kontemplation. Van Dyke Parks hätte an der ein oder anderen Stelle sicher seine helle Freude, womit klar sein dürfte, dass dieses Werk um einiges leichter zu konsumieren ist als so manche nicht endend wollende Gitarren-Meditation des Briten.
(****)

Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit (2015, Milk! Records)
Erster Longplayer der australischen Indie-Rock-Musikerin aus Melbourne, über den ich offen gestanden nur wegen des tollen Titels gestolpert bin, die Lady war mir vorab völlig unbekannt.
Geradliniges, solides, an einigen – zugegeben wenigen – Stellen allzu bekanntes Indie-Geschrammel, genaueres Hinhören lohnt trotzdem aufgrund der beiden Album-Highlights: „Depreston“ ist ein wunderschöner Indie-Schleicher, wie man ihn seit den seeligen Tagen der Go-Betweens in der Form selten gehört hat und mit „Small Poppies“ hat der Songzyklus eine veritable Blues-Nummer in ihren Reihen, die dem Genre weiß Gott keine Schande bereitet.
(****)

Van Morrison – Duets: Re-Working The Catalogue (2015, RCA / Sony Music)
Der Mann war – und ich betone: war! – bei mir über Jahrzehnte sakrosankt. Meilensteine wie „Astral Weeks“ (1968, Warner), „Moondance“ (1970, Warner) oder die sagenhafte Live-Doppel-LP „It’s Too Late To Stop Now“ (1974, Warner), um nur die absolut wichtigsten zu nennen, bedürfen keiner weiteren Erläuterung, sie sind fester Bestandteil im Kanon jedes Musikliebhabers (oder sollten es zumindest sein). Ein sagenhafter, im TV live ausgestrahlter Rockpalast-Auftritt aus dem Jahr 1982 und zwei selbst erlebte, grandiose Auftritte im Kongress-Saal des Deutschen Museums Mitte der achtziger bzw. in der Nürnberger Messehalle Ende der neunziger Jahre taten bei mir ihr übriges zur Festigung seines Status als musikalische Kultgröße.
Mit „The Healing Game“ (Polydor) veröffentlichte er 1997 letztmals für lange Jahre ein mehr als respektables Studio-Album, die Outtakes-Sammlung „The Philosopher’s Stone“ von 1998 (Polydor) konnte ebenfalls begeistern, und mit „The Skiffle Sessions“ (2000, Point Blank), einer Live-Aufnahme, die er zusammen mit Lonny Donegan und Chris Barber veröffentlichte, habe ich mir dann für viele, viele Jahre die letzte Van-Morrison-Scheibe eingefangen, seither fand ich seine jeweils aktuellen Alben austauschbar, belanglos, ohne jeglichen Reiz und zusehends zu glatt und steril produziert.
Den absoluten Tiefpunkt hat er bei mir 2002 mit seinem katastrophalen Auftritt beim Münchner Tollwood-Festival erreicht. Nachdem er nur das damals aktuelle, höchst durchschnittliche Album „Down The Road“ (2002, Universal) sowie als Zugabe seinen Them-Hit „Gloria“ zum Besten gab und damit eine Konzertdauer von einer Stunde weit unterschritt, war ihm der Bierbecherhagel des erzürnten Publikums gewiss. Seinem Ruf als launische Diva gerecht werdend, äußerte er im Nachgang entschuldigend, er wollte den letzten Flieger nach Belfast noch erwischen, seither hat Van „The Man“ bei mir mächtig an Kredit verloren…
Nun also Duett-Aufnahmen ausgewählter Preziosen mit prominenten Duett-Partnern. Über den Wert derartiger Neueinspielungen mag man streiten, im Fall des „Belfast Cowboys“ zeigt die Leistungskurve immerhin erstmals seit langer Zeit aufgrund der über weite Strecken gelungenen Aufnahmen wieder nach oben. Das Material, das mehrheitlich aus der Spätphase Morrisons stammt, ist mit der erwarteten Sorgfalt eingespielt und Sangeskünstler wie Mavis Staples, Bobby Womack, Steve Winwood, Taj Mahal oder Chris Farlowe sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben, seine Tochter Shana Morrison begleitet den Alten beim wunderbaren „Rough God Goes Riding“, im Original auf „The Healing Game“ zu finden, Mark Knopfler kann – Überraschung!;-)) – immer noch nicht singen und bereichert selbstredend „Irish Heartbeat“ in keinster Weise, aber der Mann hat durch sein Mitwirken am VM-Klassiker „Beautiful Vision“ (1982, Mercury) bei mir immer einen gut.
Kopfschüttelnd wundern muss man sich indes über die Mitarbeit von höchst zweifelhaften Gestalten wie dem Simply-Red-Vogel Mick Hucknall oder dem grauenhaften Michael Bublé, die Songs “Streets Of Arklow” und „Real Real Gone“ erweisen sich aber in ihrer Qualität als derart strapazierfähig, so dass das Geheul dieser beiden Grattler keinen weiteren Schaden anrichten kann.
Die Platte ist für den Komplettisten sicher eine schöne Ergänzung und für den Alt-Fan immerhin ein erstes Lebenszeichen nach vielen Jahren durchschnittlicher bis belangloser Van-Morrison-Alben und ganz sicher als Neuinterpretation von höherem Wert als die völlig überflüssige „Astral Weeks Live at the Hollywood Bowl“ (2009, Listen To The Lion Records), mit der der Meister, einem Exorzismus gleich, dem Wunderwerk jegliche fiebrige Atmosphäre und allen Glanz des Originals austrieb.
(*** ½ – ****)

Advertisements

8 Kommentare

  1. Deine Auswahl ist wieder mal klasse. Bei Van „The Man“ warte ich auch immer noch auf das sog. Alterswerk als das neu eingespielte bekannter Songs, die mich nicht überzeugen. Doch vielleicht kommt da noch was unerwartetes aus dem Hause Morrison. Courtney Barnett hat diese besondere Stimme und einfach wunderbare Songzeilen wie „It’s a monday. It’s so mundane.“
    Herzliche Grüße und Dir einen schönen Abend
    Stefan

    Gefällt 1 Person

      1. Ich leider auch und denke deswegen noch an ein Konzert in Dublin zurück. Das ist so um die 20 Jahre her und war richtig gut. Doch wie man bei Dir immer wieder hören gibt es auch neue gute Musik. In diesem Sinne, Dir einen schönen Abend.
        Stefan

        Gefällt 1 Person

      2. Ich hatte Glück. Am Tag meiner Ankunft sah ich bereits die Plakate für das Konzert in Dublin und fragte einfach nach ob es noch Karten gibt und es gab tatsächlich noch Karten. Das war damals aufregend und die Stimmung einmalig und ein Van Morrison in bester Spiellaune. Fast ein Heimspiel für ihn. Und die Iren waren einfach toll. Trinkfest und sehr freundlich 🙂
        Viele Grüße zurück
        Stefan

        Gefällt 1 Person

      3. Tolle Sache! – manchmal hat man das Glück einfach auf seiner Seite ;-))) Wenn er gut drauf war, hat er phantastische Konzerte gegeben, aber wehe, wenn nicht…
        Viele Grüße und ein schönes Wochenende,
        Gerhard

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s