frameless02: Masayoshi Fujita, Nicolas Bernier, Timon Arnall @ Einstein Kultur, München, 2015-04-14

frameless02 @ Einstein Kultur München 2014-04-14

„frameless – eine Reihe zu experimenteller Musik im digitalen Zeitalter“ wird seit heuer komplementär zum jährlich stattfindenden Frameworks-Festival in loser Folge präsentiert, Veranstalter und Kuratoren der Reihe sind Karin Zwack und Daniel Bürkner, erstere Fotografin und bildende Künstlerin, letzterer selbst Minimal-Musiker und Moderator der „frameless-“ bzw. der „frameworks festival“-Veranstaltungen.
Mitveranstalterin ist auch hier dankenswerter Weise das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, was die kostenfreien Eintritte der Veranstaltungen gewährleistet. Dickes Lob hierfür, eh klar.

„Die Reihe frameless zeigt neue Ansätze experimenteller Musik, die sich mit den veränderten Lebensbedingungen im digitalen Zeitalter auseinandersetzen.
Digitalisierung erfasst immer neue Lebensbereiche, durchdringt unseren Alltag und prägt unsere Kultur. Auch wenn das Digitale sein einstiges utopisches Potential eingebüßt hat, sind der Einfluss und die Abhängigkeit von digitalen Technologien in unserer Gegenwart beispiellos und stellen uns vor neue Herausforderungen.
Vor diesem Hintergrund haben Entwicklungen der elektronischen Musik und der Medienkunst eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern hervorgebracht, die sich auf experimentelle Weise mit der gesellschaftlichen Relevanz des Digitalen befassen und danach fragen, was Musik im digitalen Zeitalter ist oder sein kann. Diese Auseinandersetzung kann sich in einer Hingebung an das Digitale oder einer Ablehnung gestalten, oder noch wichtiger: eine Differenzierung vornehmen.
Mit neuen Tendenzen auditiver Kunst möchte frameless sich den prägenden Gegensätzen widmen, die unser Leben unter digitalen Bedingungen bestimmen und eine inhaltliche Auseinandersetzung damit anregen, was die Digitalisierung immer neuer Lebensbereiche gesellschaftlich bedeutet.“

(Konzept zur Veranstaltungsreihe frameless)

Der über die Maßen interessante Abend am vergangenen Dienstag im Einstein Kultur wurde von dem in Berlin lebenden, extrem sympathischen japanischen Musiker Masayoshi Fujita eröffnet. Der junge Mann spielte minimalistische, oft ins meditative abdriftende Instrumentalstücke auf dem Vibraphon, das er für diverse Stücke auch mit Seilen, Handtüchern und Alufolio („By the Way, this is an aluminium foil from the kitchen, sounds very nice“ ;-))) präparierte, er bearbeitete das Instrument neben der klassischen Spielweise mit Schlägeln (Mallets) unter Verwendung von Cello- und Geigenbögen auch als Streichinstrument, unter anderem gab er in der Form sein „Requiem“ zum Besten, für mich der Höhepunkt des gesamten Abends, ein bisher unveröffentlichtes Stück von berührender, sakraler Schlicht- und Schönheit.
Der Musiker sprach zu jedem Stück kurze, einleitende Worte und erzählte die jeweilige Geschichte hinter seinen instrumentalen Wunderwerken, die größtenteils seiner CD „Stories“ (2013, Flau) entstammten und die Schönheit der Natur in musikalischer Form priesen. Besonders angetan war das Publikum von den Erläuterungen des Musikers zu seinem Instrument, der eingeschobene Musikunterricht machte sichtlich Spaß.
Fujita bediente sich zwar der Ästhetik elektronischer Musik, das an Philip Glass, Steve Reich, Moondog oder John Adams geschulte Ohr kam voll auf seine Kosten, der organische Vortrag hätte aber auch ohne weiteres im Rahmen eines klassischen Konzertabends bestanden, die Zuhörer versanken dankbar in der rhythmisch-melodischen Vibraphon-Musik, die ohne Umschweife ins tiefste Innere vordrang und zur Ruhe kommen ließ.
(*****)

Im krassen Gegensatz zum Vortrag Fujitas stand die abstrakte elektronische Arbeit „Frequencies (Synthetic Variations)“ des Kanadiers Nicolas Bernier, die nach seinen Worten von den Werken der Mathcore-/Grindcore-/Jazzcore-/Chaoscore-Band The Dillinger Escape Plan aus New Jersey inspiriert ist, das Stück erinnerte mich in seiner maschinellen Brachialrhythmik an das laute Dröhnen und Klopfen von MRT-Geräten, wie sie in der Kernspin-/Magnetresonanztomographie im medizinischen Bereich verwendet werden, aber my Experimental Buddy Anton beruhigte mich, er meinte, das wäre schon Musik und würde ihn an 90er-Jahre-Aufnahmen des deutschen Elektronik-Duos Mouse On Mars erinnern ;-)))
Begleitet wurde diese Industrial-Drone-Aufführung im völlig abgedunkelten Raum von elektronischen Lichtimpulsen, die durch Acrylglasplatten geschossen wurden und so für stoboskopartiges Blitzen sorgten.
Ich habe die Performance eher als Kunstinstallation denn als musikalischen Vortrag wahrgenommen, aber seit den Prä-Industrial-Exzessen von Throbbing Gristle und ihren diversen Nachfolgeprojekten ist einem ja nichts Verstörendes mehr fremd in Sachen Experimental-Mucke…
Nicolas Bernier ist als Dozent für elektronische Musik an der Universität Montreal tätig.
(*** ½ – ****)

Abgerundet wurde der spannende Abend im Nebenraum des Konzertkellers des Einstein Kultur durch die Videoinstallation „Robot Readable World“ des britischen Medienkünstlers Timo Arnall, die sich mit Aspekten der digitalen Gesichtserkennung, der Sondierung und Kategorisierung des Alltags durch automatische Erkennungssoftware auseinandersetzt.
Timon Arnall arbeitet als Wissenschaftler, Designer und Filmemacher an diversen Hochschulen in Großbritannien und Skandinavien.

frameless 03 findet am 12. Juni 2015 im Einstein Kultur statt. Teilnehmen werden der Niederländer Rutger Zuydervelt mit seinem Projekt Machinefabriek, Rayon, wohinter sich der Notwist-Musiker Markus Acher verbirgt, sowie der japanische Videokünstler Akihiko Taniguchi.

frameless / Homepage

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