„Das Unsagbare zeigen“ @ NS-Dokumentationszentrum München

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“
(Primo Levi, 1986)

Die ehemalige „Stadt der Bewegung“ hat es knapp vor dem siebzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs dann doch noch geschafft, das NS-Dokumentationszentrum München auf dem ehemaligen Gelände des sogenannten „Braunen Hauses“ an der Brienner Straße zu eröffnen. Was beispielsweise in Berlin mit der Dokumentationsstätte „Topographie des Terrors“ seit 1987 längst „State Of The Art“ ist, hat in der bayerischen Landeshauptstadt, in der die Uhren doch wieder etwas langsamer tickten, gefühlte Ewigkeiten auf sich warten lassen. Hinsichtlich Architektur, Präsentation und Technik ist die Münchner Dauerausstellung selbstredend auf dem neuesten Stand, aber ganz ehrlich: einige Jahrzehnte mehr an öffentlicher Auseinandersetzung mit der Münchner NS-Zeit hätten nicht geschadet, zumal keine andere deutsche Stadt von Beginn an ein derart enges Verhältnis zur NSDAP hatte wie das Isar-Millionendorf. Die ansonsten in ihrem Fach recht durchschnittliche Münchner Kabarettistin Luise Kinseher hat hierzu einen schönen Satz in der „Süddeutschen Zeitung“ zum Besten gegeben: „70 Jahre braucht der Münchner, um eine Idee davon zu bekommen, wie er seine Nazi-Vergangenheit aufarbeiten könnte. Wäre der Hitler nicht gestorben, hätten wir es wahrscheinlich ganz vergessen.“
Abgesehen davon, dass man Vergangenheit nicht aufarbeiten kann: ich befürchte es auch…

Am Standort des Dokumentationszentrums war ein 1928 errichtetes Palais beheimatet, dass 1930 zur Parteizentrale der NSDAP umgebaut wurde. In den folgenden Jahren diente das „Braune Haus“ als Sitz von Büros verschiedener Parteiorganisationen (u.a. SA-Leitung, Oberstes Parteigericht, Reichs-Pressestelle) sowie hochrangiger Parteifunktionäre (u.a. Adolf Hitler, Rudolf Heß und Hans Frank).
1945 wurde das Gebäude bei Luftangriffen auf München schwer zerstört, 1951 wurden die letzten Trümmer beseitigt.

Seit 1. Mai 2015 ist das NS-Dokumentationszentrum der Öffentlichkeit zugänglich, die Obergeschosse 2 bis 4 zeigen Dauerausstellungen zu den Epochen 1918 – 1933, 1933 – 1939, 1939 – 1945 und „Nach 1945“, in letzterer werden unter anderem Themen wie der aktuelle NSU-Prozess oder das Münchner Oktoberfest-Attentat dokumentiert. Mit den Obergeschossen 2 bis 4 habe ich mich bisher noch nicht näher auseinandergesetzt, insofern gilt hier im Blog zum Thema NS-Dokumentationszentrum: Fortsetzung folgt.

Im 1. Obergeschoss werden wechselnde Sonderausstellungen zum Thema „Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nach 1945“ gezeigt, den Auftakt macht die Präsentation „Das Unsagbare zeigen. Künstler als Warner und Zeugen 1914 – 1945“, in der bis zum 30. August 2015 Werke diverser Maler, Zeichner und Graphiker ausgestellt werden, die sich unmittelbar künstlerisch mit der Zeit und der politischen Situation zwischen 1914 und 1945 speziell in Deutschland auseinandergesetzt haben.
Interpretiert werden der Aufstieg und die Etablierung des Terrorregimes der Nationalsozialisten, gezeigt werden beklemmende Darstellungen bekannter Künstler wie Käthe Kollwitz, Otto Dix oder John Heartfield ebenso wie Arbeiten unbekannter Künstler, die in Konzentrationslagern entstanden und das Grauen unmittelbar aufzeichneten.

Das Unsagbare zeigen. Künstler als Warner und Zeugen 1914 – 1945
Bis 30. August 2015
NS-Dokumentationszentrum München, Brienner Straße 34
Sonderausstellung, 1. Obergeschoss
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10.00 – 19.00 Uhr
Eintritt für das gesamte Dokumentationszentrum bis 31. Juli 2015 frei.

NS-Dokumentationszentrum München / Homepage

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10 Kommentare

  1. Lieber Gerhard!
    70 Jahre dafür zu brauchen ist wahrlich unglaublich….und trotzdem, jetzt gibt es eure Dokumentationsstätte und das ist gut und wichtig! Aufarbeitung sollte sowieso immer und immer stattfinden!
    Die Bilder/Skizzen sind unglaublich stark!
    Liebe Grüße – Karin

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    1. Danke, Karin, für Dein Feedback.
      Ja, jetzt ist es endlich da, das Museum, und es war auch höchste Zeit dafür.
      Die Ausstellung ist wirklich sehr zu empfehlen, zeigt sie doch auch, das damals viele bekannte Künstler als Warner auftraten und leider doch kein Gehör fanden.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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  2. Sehr guter Beitrag! Das Zitat von der Kinseher passt…aber immerhin: Besser spät als nie. Und gerade jetzt, wo die Braunen sich wieder so offen zeigen, ist es auch wichtig, nicht nachzulassen, sondern diese Vergangenheit immer wieder zu thematisieren. Ich war noch nicht wieder in Minga, aber mein nächster Weg führt dann dort hin.
    Und auch noch ein Kompliment für Deinen thematisch dazu passenden Beitrag gestern – da musst Du nicht Döblin lesen, wenn Du Deine Zeit für so gute Beiträge aufwendest…sagt die Vorturnerin.

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    1. Liebe Birgit,
      vielen Dank für deine lobenden Worte. Das aus berufenem Munde, da werde ich gleich rot…
      Wie gesagt, die oberen Geschosse hab ich noch nicht so richtig erkundet, aber das Museum setzt sich auch mit aktuellen Entwicklungen im braunen Sumpf auseinander und das macht es wohl besonders wertvoll, vor allem im Zusammenspiel mit der Dokumentation der historischen Entwicklungen.
      Genau, schau Dir lieber das NS-Dokumentationszentrum an, das depperte Valentin-Musäum kannst Du Dir immer noch geben (nix gegen den großen Dadaisten und Humorgiganten Karl Valentin, aber das Museum taugt halt nix). Den Döblin werd ich wohl doch noch lesen, wo doch die Vorturnerin vor kurzem auch so schön drauf hingewiesen hat… ;-)))
      Viele Grüße,
      Gerhard

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      1. Das NS-Dokuzentrum steht so oder so an, der Valentin muss dennoch sein (das Desaster dann mit eigenen Augen sehen). Aber das Beste an Augsburg ist ja eh der Schnellzug nach München – wird Brecht nachgesagt der Spruch, ob er stimmt, das weiß man nicht…

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      2. Wenn Du Dir das Valentin-Musäum gegeben hast, können wir uns ja gern nachher auf ein Beruhigungs-Schnapserl treffen ;-)))
        Den Brecht-Satz lass ich jetzt mal unkommentiert ;-)))

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