1980-05-18 / The Day The Music Died

„No group that wants to do something original and special using guitars, bass, drums, voice and studio can avoid the sound and vision, the sound and fury, the sound and beauty, the sound and space, the sound and time, the sound and delay, the sound and Manchester of Joy Division.
(…)
He sang ‚Atmosphere‘ as if he felt that, despite the pain, he was going to live forever.
(…)
He sang ‚Love Will Tear Us Apart‘ as if he knew the exact moment when he was going to die.
(…)
‚On Sunday I am turning up my trousers, getting ready for the tour‘ said Stephen Morris. ‚On Monday morning I’m screaming.‘
(…)
The shock of Ian Curtis‘ suicide, as much as the brilliance of his words, would account for a fame that now heading his dead lost way.“
(Paul Morley, Piece By Piece, Writing About Joy Division 1977 – 2007)

Am 18. Mai vor 35 Jahren nahm sich Ian Curtis, der grandiose Sänger der englischen Postpunk-Band Joy Division, das Leben. Zerrieben von epileptischen Anfällen, exzessivem Valiumkonsum, überwältigt vom plötzlichen Erfolg und der daraus entstandenen Erwartungshaltung der Pop-Konsumenten und der Musikindustrie, hin- und hergerissen zwischen seiner Ehefrau Deborah, seiner Tochter Natalie und seiner neuen Liebe, der belgischen Musikjournalistin Annik Honoré, beendete Curtis in den frühen Morgenstunden des Tages, an dem Joy Divison zu ihrer ersten US-Tour aufbrechen sollten, gewaltsam sein Leben, nachdem er in der Nacht zuvor zum letzten Mal den Film „Stroszek“ von Werner Herzog sah und Iggy Pop’s „The Idiot“ lauschte.

„Die Originalität von Joy Division wurde deutlich, als sie langsamer wurden. Abzüglich des schnellen, verzerrten Punksounds klang die Musik karg und schlicht. Hooks Bass transportierte die Melodie, Sumners Gitarre lässt Lücken, statt den Mix mit dichten Riffs aufzufüllen, und das Schlagzeug von Steve Morris scheint den Rand eines Kraters nachzuzeichnen. Curtis singt von einem „einsamen Ort“ im Zentrum dieser leeren Fläche aus. Kritikern fielen sofort diese unglaublichen Räume auf, die sich in der Musik von Joy Division auftun: Sie wären auch ohne Curtis‘ Hinweise in Form von Titeln wie ‚Interzone‘ oder Textverweisen auf ein ‚No Man’s Land‘ kaum zu übersehen gewesen.
(…)
Der normalerweise nüchterne und spöttische Hannett beschrieb Curtis in einem Interview mit Jon Savage als „besessen“. Und gegenüber einer holländischen Zeitschrift sagte er, Curtis sei „touched by the hand of God“. „Er war einer jener Kanäle für etwas, das größer war als die Summe seiner Einzelteile: der Einzige, der mir in jener Zeit über den Weg lief. Ein Blitzableiter.“ Man muss kein Faible für mystische Schwärmereien haben, um Curtis als Seher zu betrachten, dessen persönlicher Schmerz für viele andere wie ein Prisma funktionierte, in dem sich das Unbehagen und das Leid im Großbritannien der ausgehenden Siebzigerjahre brachen.“
(Simon Reynolds, Rip It Up And Start Again, Postpunk 1978 – 1984, Kapitel 10, Just Step Sideways: Die Szene in Manchester)

Der Nachwelt hat Curtis großartige Texte über Isolation, Großstadt-Kälte und Verzweiflung hinterlassen, die vor allem auf dem Debüt-Album von Joy Division, „Unknown Pleasures“ (1979, Factory) und den Singles „Love Will Tear Us Apart“ (1980, Factory) und „Atmosphere / She’s Lost Control“ (1980, Factory) kongenial vertont wurden.
„Unknown Pleasures“ ist eine der wenigen Platten, ohne die – ähnlich dem ersten Velvet-Underground-Album – die Entwicklung der modernen Rockmusik, insbesondere in den Bereichen Postpunk, New Wave, Grunge, Independent- und Post-Rock, in der Form undenkbar gewesen wäre, und ich wage zu behaupten, eine der ganz wenigen Scheiben, die auch in, sagen wir, fünfzig Jahren nichts von ihrer Strahlkraft verloren haben wird, in Zeiten, in denen man „Never Mind The Bollocks“ längst über haben und bei „Sgt. Pepper“ vor (heute schon kaum erträglicher) Langeweile weggedöst oder gestorben sein wird…
Über den Wert des posthum veröffentlichen zweiten Studioalbums „Closer“ (1980, Factory), das mir an vielen Stellen zu Synthesizer-lastig ist, bin ich mir hingegen bis heute nicht sicher.
1980, im Jahr, als sich Ian Curtis umbrachte, hatte ich persönlich mit Joy Division noch nichts am Hut, geschweige denn, das ich die Band kannte – in dem Jahr war ich noch im klassischen Hardrock verhaftet und hatte mit The Who in der Münchner Olympiahalle mein erstes großes Rockkonzert gerade hinter mir – als ich ein, zwei Jahre später „Disorder“, die Eröffnungsnummer von „Unknown Pleasures“ zum ersten Mal im ‚Zündfunk‘ hörte, war dies ein Erweckungserlebnis, wie es mir in meinem Leben als Musikinteressiertem nur höchst selten zuteil wurde.

Wäre Ian Curtis über die volle Distanz gegangen, er wäre ein Gigant seines Fachs geworden (im Grunde war er es bereits zu Lebzeiten) und hätte Bühnenheroen wie Bowie, Iggy, Bryan Ferry oder David Byrne ohne jeden Zweifel sehr schnell ins Reich der Schatten verbannt.

Der niederländische Fotograf Anton Corbijn, der bereits zu Lebzeiten Ian Curtis‘ diverse Joy-Division-Portraits schoss, brachte 2007 mit „Control“ einen wunderschönen biografischen Schwarz-Weiß-Film über den charismatischen Frontman der Band aus Manchester in die Kinos.

Nach Ian Curtis‘ Freitod formierten die verbleibenden Bandmitglieder Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris die in den folgenden Jahren kommerziell sehr erfolgreiche Postpunk-New-Wave-Band New Order, die vor allem durch ihren 1983er-Smash-Hit „Blue Monday“ allseits bekannt sein dürften.
Der Hamburger Musikjournalist Michael Ruff brachte es in der Indie-Gazette ‚Spex‘ einst treffend auf den Punkt: „Der einzige Umstand, warum ich mir New-Order-Platten einmal anhöre, bevor ich sie in die Mülltonne schmeiße, ist die Tatsache, dass diese Band einst Joy Division war.“
Zur Ehrenrettung von New Order muss ich anmerken, dass ihnen 2001 mit „Get Ready“ (London Records) ein einziges Mal ein großer Wurf gelang.

„With Joy Division, I felt that even though we were expecting this music to come out of thin air, we were never, any of us, interested in the money it might make. We just wanted to make something that was beautiful to listen to, and stirred our emotions. We weren’t interested in a career or any of that. We never planned one single day. I don’t think we were messing with things we should not have done, because our reasons were honourable.“
(Bernard Sumner in: Jon Savage, Joy Division, Heart And Soul, Linernotes)

„Joy Division / ‚Unknown Pleasures‘ / (Factory FACT 10) / Ein dunkles Manifest. Räumliche Themen. Inside-Weiß/Outside-Schwarz. Endloser Schutt des Industrie-Zeitalters. Joy Division aus Manchester. Lichtblitze in den kahlgemachten/leeren Stadt-Zonen des Heute-Menschen. Gespannte Visionen – übersetzt in schnelle/vibrierende und langsame/scheppernde Songs. Expressiver/angstvoller Gesang. Traumastimulierend. Periodisch wiederkehrende Musik-Strukturen. Basierend auf mächtigem Monoton-Drumming und rumpelndem/lautem Bass. Schrille Gitarren hängen schlagend dazwischen. Zischend. Fremde Töne. Sprech-Murmeln. Städtische Paranoia. Entfremdung. Vision. Atmosphäre. Spannung. Und bevor uns der tiefe Schlaf befällt, will ich das Licht sehen.“
(HaraldinHülsen: Von Emotionen / Von Ideen, Eine persönliche New Wave-Discographie, in: Rock Session 4, Magazin der populären Musik, herausgegeben von Klaus Humann und Carl-Ludwig Reichert)

„Walk in silence, don’t walk away in silence
See the danger, always danger
Endless talking, life rebuilding
Don’t walk away“
(Joy Division, Atmosphere)

Ian Curtis (1956-06-15 / 1980-05-18). Unvergessen. Möge er seinen Frieden auf der anderen Seite gefunden haben.

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10 Kommentare

  1. In der letzten Woche hörte ich im Radio eine Sendung zum Tode von Ian Curtis und dachte noch an einen eigenen Beitrag. Ich habe für mich Joy Division erst mit New Order kennen- und sehr schätzen gelernt. Danke für Deinen sehr guten Beitrag und die Auswahl. „Unknown Pleasures“ und „Closer“ sind Alben für die Ewigkeit. Möge er seinen Frieden gefunden haben.
    Liebe Grüße
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Stefan,
      vielen Dank für Deine Anmerkungen. Es dürfte wenige Bands geben, die mit einem überschaubaren Output derart nachhaltig Eindruck hinterlassen haben. Ich habe mir gestern „Closer“ erneut auf CD für einen Fünfer eingefangen und werde mich demnächst nochmal intensiv damit auseinandersetzten, mein Vinyl finde ich nicht mehr (vielleicht hab ich’s mal in einem Anfall von geistiger Umnachtung verschenkt).
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

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