Jane Holzer, John Cale, John Giorno & Glenn O’Brien @ ‚Superstars Then And Now‘, Pinakothek der Moderne, München, 2015-06-28

RICHARD AVEDON Andy Warhol 1969 (2)

„I’ll put the Empire State Building on your wall
For 24 hours glowing on your wall
Watch the sun rise above it in your room
Wallpaper art, a great few“
(John Cale, Style it takes)

„‚Pop goes pop artist‘, the headline said
‚Is shooting a put-on, is Warhol really dead?‘
You get less time for stealing a car
I remember thinking as I heard my own record in a bar.“
(Lou Reed, Hello It’s me)

Warhol-/Factory-/Pop-Art-/Velvet-Underground-Geschichtsstunde: Im Rahmen der Ausstellung „Yes! Yes! Yes! Warholmania In Munich“ im Museum Brandhorst und der beim 33. Münchner Filmfest gezeigten cineastischen Arbeiten der Pop-Art-Ikone Andy Warhol interviewte der amerikanische Schriftsteller und Journalist Glenn O’Brien die ehemaligen Warhol-Superstars Jane Holzer aka ‚Baby Jane‘ und John Giorno sowie zu meiner großen Freude den nicht im Programm angekündigten, legendären Velvet-Underground-Mitbegründer und von mir seit mehr als 30 Jahren hochverehrten und konzertant oft genossenen walisischen Ausnahme-Musiker, Komponisten und Produzenten John Cale.
O’Brien, in den Anfangsjahren der Factory selbst Mitarbeiter Warhols, führte sachkundig und charmant durch die Veranstaltung, Baby Jane Holzer erzählte, wie sie von Warhol auf der New Yorker Lexington Avenue angesprochen wurde und so zu ihren Rollen in Werken wie „Kiss“, „Couch“, „Camp“ oder „Batman Dracula“ kam und fester Bestandteil des Personals der Factory wurde.
Der Beat-Dichter John Giorno, Weggefährte von Patti Smith, Laurie Anderson, William S. Burroughs, Robert Mapplethorpe und Keith Haring und einziger Darsteller des sechsstündigen Warhol-Films „Sleep“, in dem ein nackter Mann beim Schlafen gezeigt wird, antwortete auf die Frage, wie er zu der Hauptrolle gekommen sei, er hätte ganz einfach die meiste Zeit in der Factory auf einer Couch geschlafen und wäre somit für die Rolle prädestiniert gewesen.
Über die Zeit mit Warhol nach dem Valerie-Solanas-Attentat meinte er, Andy wäre nach seinem Krankenhausaufenthalt nicht mehr der Alte gewesen, aufgrund seiner Verletzungen durfte er keine stimulierenden Substanzen mehr zu sich nehmen, „and we all know what a good drug Speed is to keep you working“.
John Cale lobte die geschützte Arbeitsatmosphäre der Factory, in der sich The Velvet Underground optimal entfalten konnten, „work is more fun than fun“, erzählte vom Schock, als Warhol die teutonische Schönheit Nico anschleppte, „she came down from Woodstock and was Part of the Dylan/Grossman-Scene, but Lou and I felt immediately in Love with her“, die New-Yorker-Dylan-Mischpoke war offensichtlich nicht wohlgelitten in der Factory, Cale zeigte sich zudem noch heute völlig angewidert von der kalifornischen Hippie-/Bill-Graham-Szene, die in den sechziger Jahren in direkter Konkurrenz zur East Coast und zum New Yorker Kunst- und Musik-Umfeld stand.
Cale gab zum Besten, wie die Velvets zusehends von einer Kunst- zu einer völlig normalen Tour-Band inklusive gelangweiltem Rumhängen und der üblichen Suff- und Drogeneskapaden mutierten und dies im Zerwürfnis mit Lou Reed gipfelte, seine Verärgerung über sein Ausscheiden aus der Band im Jahr 1968 war auch 47 Jahre später nicht zu überhören.
Gegen Ende dieser unterhaltsamen und vor allem hochinformativen Nachmittags-Talkshow gab es Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum und so habe ich mir auch ein Herz gefasst und John Cale gefragt, wie er zu der Aussage Patti Smith‘ stehe, sein Einfluss auf das ‚Horses‘-Album als Produzent wäre gering gewesen, worauf Cale meinte, er wäre in der Tat nur der Produzent gewesen und niemand hätte damals auf seine Anweisungen gehört, Glenn O’Brien ergänzte grinsend, John Cale hätte viele Klassiker wie beispielsweise das erste Stooges-Album produziert und dummerweise habe nie irgendwer auf seine Anregungen reagiert.
Zum Abschluss der Veranstaltung erzählte Jane Holzer, die den Kontakt zu Andy Warhol im Gegensatz zu einigen anderen „Warhol Superstars“ über die siebziger Jahre hinaus permanent gehalten hatte, von den letzten Tagen und Stunden des Meisters, nach Komplikationen in Folge einer Gallenblasen-Operation verstarb Andy Warhol am 22. Februar 1987 im Alter von 58 Jahren in New York, wohl verursacht durch falsche medizinische Behandlung, seinen Tod bezeichnete Jane Holzer als absolut vermeidbar und völlig sinnlos.

Die Ausstellung „Yes! Yes! Yes! Warholmania In Munich“, mit der das Museum Brandhorst erstmals seinen Gesamtbestand von über 100 Warhol-Werken zeigt, ist noch bis einschließlich 18. Oktober 2015 in München zu sehen.

Remember Christa Päffgen, Andy Warhol, Sterling Morrison & Lou Reed.

Museum Brandhorst / Homepage

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16 Kommentare

  1. „Superstars…God and I.“ Gerhard you are still the man! Nochmals Gratulation zum unverhofften Treffen und dem pointierten Artikel. Für alle die die damalige Zeit überlebt haben, sind es wahre Lebenserfahrungen gewesen, die das spätere (künstlerische) Leben geprägt haben.
    Lieben Gruß nach München
    Stefan

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    1. Vielen Dank, Stefan.
      Ich hab an dem Tag einfach nur unverschämtes Glück gehabt … ;-))
      Ich denke auch, die Überlebenden haben da unschätzbar wertvolle Erfahrungen mitgenommen, die wohl einzigartig waren, sowas kann einem keiner mehr nehmen.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

  2. „Seine Verärgerung über sein Ausscheiden aus der Band im Jahr 1968 war auch 47 Jahre später nicht zu überhören“. Cale sollte froh darüber sein, daß Lou sich überhaupt mit ihm eingelassen hat. Cales Soloplatten sind in der Regel so langweilig wie ein Testbild.

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    1. Da triffst Du mich jetzt hart, ich bin absoluter und beinharter Cale-Fan ! Von Lou Reed hingegen halte ich zwar einige Scheiben für absolute Meisterwerke, etliches aber auch für total überflüssig. Glaubt man der Biografie von Victor Bockris, war er zudem ein ziemlich unangenehmer Ungustl. Karl Bruckmeier schreibt in seinem schönen Buch „Soundcheck“ (1999, Verlag C.H. Beck) im Zusammenhang mit der Cale-Platte ‚Music For A New Society‘: „(…) Cales tiefempfundner Humanismus, gern hinter Psychosen, Impertinenz oder Jovialität versteckt, wird auf keiner seiner LPs deutlicher, genau wie die Bedeutung, die er für Lou Reed hatte: der Fremde, der klügere Bruder aus Europa, der Mensch, der mit einem arroganten Arschloch über den Abgrund balancieren mag. Bis das Arschloch losläßt.“ 😉

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