Reingelesen (21)

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„Hitlers Fähigkeit, die Massen zu begeistern, wirkte schon länger nicht mehr. Gleichwohl blieben Strukturen und Mentalitäten von Hitlers charismatischer Herrschaft bis zu seinem Tod im Bunker wirksam. So uneins wie die herrschenden Eliten waren, besaßen sie weder den gemeinsamen Willen, noch verfügten sie über die Mechanismen der Macht, um Hitler daran zu hindern, Deutschland ins Verderben zu stürzen.“
(Ian Kershaw, Das Ende, Anatomie der Selbstzerstörung)

Ian Kershaw – Das Ende (2011, Deutsche Verlags-Anstalt)
Vor siebzig Jahren ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen und unter welch erschütternden Umständen dies aus deutscher Sicht geschah, hat der britische Historiker Ian Kershaw auf eindrucksvolle Weise in seiner Abhandlung „Das Ende. Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45“ dokumentiert. Kershaw war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 Professor für moderne Geschichte an der University of Sheffield. Einer breiteren, geschichtsinteressierten Leserschaft ist er vor allem durch seine zweibändige Hitler-Biografie bekannt geworden.
Kershaw dokumentiert in „Das Ende“ die wesentlichen historischen Fakten nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 bis zum Tag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 wie die Ardennen-Offensive, den Massenexodus der Zivilbevölkerung aus dem Osten, die Auflösung der Konzentrationslager und die anschließenden Todesmärsche der bis dahin überlebenden Häftlinge und erörtert vor allem die zentrale Frage, warum so viele Deutsche Hitler und seinem Verbrecher-Regime bis zum bitteren Ende folgten und keinerlei Form von Widerstand oder Ablehnung der Ideen der Nationalsozialisten erkennen ließen, bis der Feind buchstäblich vor der Tür stand. Die wesentlichen Gründe dafür sieht Kershaw vor allem in den von den Nazis missbrauchten Tugenden wie Ehrgefühl und Pflichterfüllung, der von vielen empfundenen Alternativlosigkeit des politischen Systems, im Terror von SS und Gestapo gegen Zivilisten und Deserteure und der Angst der Bevölkerung vor dem „bolschewistischen Terror“ der Roten Armee. Vor allem letzteres führte zur Mobilisierung des Volkssturms, in dessen Aktionen unzählige Jugendliche und längst dem wehrfähigen Alter entwachsene Senioren sinnlos ihr Leben an der Front lassen mussten.
Kershaw zeigt auf, dass weit mehr als die Hälfte der Opfer des zweiten Weltkriegs auf deutscher Seite in den letzten 10 Kriegsmonaten zu beklagen waren, in dem Zeitraum fielen 2,7 Millionen der insgesamt 5,3 Millionen im Krieg getöteten Angehörigen des Heeres, der Luftwaffe, der Marine und der Waffen-SS. Im gleichen Zeitraum kamen abseits der Front über 400.000 Menschen aus der Zivilbevölkerung durch Luftangriffe und Flächenbombardements der Alliierten ums Leben, 800.000 wurden verwundet, 1,8 Millionen Wohnungen wurden vor allem durch die Bombenabwürfe der alliierten Luftwaffe zerstört und 5 Millionen Menschen wurden aus ihren Wohnstätten evakuiert.

„Der Führer erwartet, dass die Gauleiter die ihnen damit gestellte Aufgabe mit der erforderlichen Härte und Folgerichtigkeit durchführen und rücksichtslos jede Auflösungserscheinung, Feigheit und Defaitismus mit den Todesurteilen der Standgerichte niederhalten. Wer nicht für sein Volk zu kämpfen bereit ist, sondern ihm in ernstester Stunde in den Rücken fällt, ist nicht wert, weiter zu leben und muss dem Henker verfallen.“
(Martin Bormann, Verordnung über die Errichtung von Standgerichten, 15. Februar 1945)

Im Besonderen analysiert Ian Kershaw das Agieren der vier ergebensten Hitler-Paladine im Jahr des Niedergangs des Dritten Reichs. Beleuchtet wird das Agieren und politische Taktieren von Propagandaminister Goebbels, Partei-Kanzlei-Leiter Bormann und vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, allesamt nationalsozialistische Fanatiker, sowie des Karrieristen und Organisationstalents Albert Speer, von denen nur Goebbels dem „Führer“ bedingungslos bis in den Freitod folgte, Speer, Himmler und Bormann suchten in den letzten Kriegswochen ihr Heil in Separat-Verhandlungen mit den westlichen Alliierten oder in der Flucht aus dem Berliner Führerbunker.

„Wir geben in Berlin Befehle, die unten praktisch überhaupt nicht mehr ankommen, geschweige denn, dass sie durchgeführt werden können. Ich sehe darin die Gefahr eines außerordentlichen Autoritätsschwundes.“
(Joseph Goebbels, Tagebuch, 28. März 1945)

Ian Kershaw versteht wie kaum ein zweiter Historiker, Geschichte detailgetreu zu dokumentieren, nachvollziehbar zu analysieren und gleichzeitig durch gut lesbaren Schreibstil zu unterhalten, nichts liegt ihm ferner als die hochtrabende, verkopfte Sprache des Akademiker-Elfenbeinturms. Dafür Respekt und eine dringende Leseempfehlung für „Das Ende“ an jeden Interessenten der jüngeren deutschen Geschichte.
Das Thema Hitler-Biografien hatte ich für mich bereits abgeschlossen, von Fest über Hamann, Haffner und Pätzold/Weißbecker bis Höhne habe ich hier in den letzten Jahrzehnten einiges mit Spannung gelesen, aber bei Ian Kershaw werde ich künftig noch einmal eine Ausnahme machen müssen.
(*****)

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15 Kommentare

  1. Kershaw ist toll. Ich muss gestehen, dass ich ein kleines Vorurteil mit mir herumtrage, das besagt: Historiker, die nicht selbst deutsch sind, können zwar ebenso gut recherchieren, bewerten und darstellen, was in der deutschen Geschichte passierte, nicht aber sich in die Gemütslage der hiesigen Kriegssituation einfühlen, ihnen muss da zwangsläufig doch irgendwie ein entscheidendes Stück fehlen, wenn es daran geht, sich in die Verbohrtheit, Verwirrtheit, Verrücktheit des Ganzen so gänzlich versenken zu können, weil sie eben nicht in einem Umfeld aufgewachsen sind, das noch viele Jahrzehnte danach von ebendieser Zeit beeinflusst war und ist. Und doch stelle ich immer wieder fest, dass gerade die britischen Historiker einen sehr genauen Blick für das besitzen, was sich nicht allein durch das Betrachten der Fakten und Zahlen erklären und verstehen lässt. Kershaw steht da an erster Stelle.

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    1. Danke für Dein Feedback, Sonja.
      Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, Deine treffende Anmerkung kann man genau so stehen lassen.
      Wer aus der Ecke auch absolut gut lesbar ist, ist Antony Beevor, auch ein Brite.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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  2. Himmler’s portrait is particularly vicious. However, all 3 portray madmen perfectly from an American viewer. Troubled with the how could they to could it happen again; I always pay attention.

    My perspective says yes, but my country hasn’t the backward and forward patience to contemplate. We prefer a „we won, you lost“ mentality. That storyline fits perfectly in to a society of „haves and have nots“.

    I see my countrymen as mostly selfish, sports mentality scorekeepers. We don’t have much interest in the losers, nor do we have the understanding to become faithful storytellers of history.

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    1. Point is: we have to be careful and awake, always.
      The portraits are actually shown at the ‚NS-Dokumentationszentrum‘-Exhibition.
      Thanks a lot, Barry, for your interesting thoughts on this.

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      1. You are welcome sir. Being American and Jewish, I had to overcome many prejudices by 1. Visiting Germany – Awesome
        2. Cultivating German Friends – Thank god for Guenther
        3. Letting go
        4. Learning history for myself
        5. Love – it’s all you need

        and the list goes on.

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      2. Oh but I could… I happen to adore the contribution Germany has made to contemporary Europe, culture, arts and especially music. There is a rebirth from my perspective between old world and new world.

        This is where the US fails to appreciate the front line issues that Germany and other European countries are tackling. Not is the environment number one as a „down the road“ but current problem, but is a leader in the EU.

        The EU has screwed me as a tourist, but believe a strong Europe is for the good of all countries who belong.

        Thinking that each country has lost it’s identity among the greater whole is foolish. Each visit I make to friends in France confirms this challenge.

        As a spectator from afar, I can only make observations, not having a stake financially or socially.

        I am not an economist, believe social justice and do know Europe is far ahead of anything we have tried with respect to it’s citizen’s health.

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      3. Each country or area needs its cultural identity, despite whatever European Spirit is or wants.
        Think Gemany is on a good way for an open society (was much worse in the past!), nevertheless not everything works as it should.
        Vote of the Greeks last night is a challenge for Europe, but showing an own democratic will is absolutely fair and we have to respect this.

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      4. I agree with individual identities 100%. A broad family working under a familiar roof would seem to be a noble experiment. However, my family has chinks in the armor and am certain this large family of Europeans has many.

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  3. Kershaw ist wirklich gut. Habe die Biographien gelesen. Vor einigen Jahren war er im München für eine Lesung wo er sein Buch davor vorstellte. Es ging darum, warum die Deutschen so lange durch gehalten haben und nicht viel früher revoltierten. Sehr interessant

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