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Coco Schumann – Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt (1997, dtv)
Der 1924 in Berlin geborene und aufgewachsene Heinz Jakob „Coco“ Schumann kam bereits als Halbwüchsiger in der Spree-Metropole mit der Swing- und Jazz-Szene der dreißiger Jahre in Berührung, als Autodidakt eignete er sich das Schlagzeug- und Gitarrenspiel an, spielte bis 1943 in diversen Swing- und Jazzbands und war so ein fundierter Kenner des damaligen Berliner Nachtlebens.
1943 wurde Schumann als Halbjude in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, konnte dort im ‚Vorzeige-Ghetto‘ der Nazis aufgrund seiner Musiker-Vita im Swing-Orchester von Fritz Weiss spielen, er ist in dem zu nationalsozialistischen Propagandazwecken produzierten Dokumentarfilm „Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ in einer kurzen Sequenz als Schlagzeuger der von Martin Roman geleiteten Band ‚Ghetto Swingers‘ zu sehen.
Im September 1944 wurde Coco Schumann in das Vernichtungslager Auschwitz verlegt, welches er nur überlebte, weil nach eigenen Aussagen sein „Schutzengel wiederholte Male kräftig hinlangte.“

„Der Mensch ist eine merkwürdige Erfindung. Unberechenbar und gnadenlos. Die Bilder, die ich in jenen Tagen sah, waren nicht auszuhalten, und doch hielten wir sie aus. Wir spielten Musik dazu, ums nackte Überleben. Wir machten in der Hölle Musik.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, La Paloma)

Im Zug der Offensive der Roten Armee im Osten und der daraus resultierenden Auflösung des Lagers Auschwitz wurde Schumann in das bayerische Lager Kaufering, einem Nebenlager des KZ Dachau, transportiert, von dem aus er und die überlebenden Häftlinge völlig entkräftet und krank auf den sogenannten Todesmarsch Richtung Innsbruck geschickt wurden, dessen glückliches und jähes Ende in der Nähe von Wolfratshausen Coco Schumann in seiner unnachahmlich-humorigen Art wie folgt kommentiert: „(…) Als wir am nächsten Morgen abermals das Geräusch nahender Panzer hörten, schickten wir, klüger geworden, einen von uns voraus, der gucken sollte. Er meldete lakonisch: „Stern dran – Amerikaner!“ Das war’s.“

Pointiert berichtet er aus seinem Nachkriegsleben, dem Übersiedeln seiner Familie nach Australien und den dortigen Erfolgen als Swing- und Jazz-Musiker, der spontan getroffenen Entscheidung zur Rückkehr nach Berlin und den folgenden Jahrzehnten, die für Schumann geprägt waren durch den Überlebenskampf als Musiker und die Enttäuschung über die nicht geglückte Entnazifizierung im Nachkriegsdeutschland.

Der Humor ist das eigentlich Erstaunliche an diesem Buch, Coco Schumann, der als Insasse der Konzentrationslager mit den Grausamkeiten des ‚Dritten Reichs‘ konfrontiert wurde und in dieser Autobiografie tieftraurige und erschütternde Begebenheiten aus dem Lageralltag dokumentiert, hat ihn Zeit seines Lebens nie verloren, und das macht diese Buch so wertvoll. Nie gibt Schumann der Verbitterung über ein Schicksal Raum, über das er – wie so viele – erst nach Jahrzehnten sprechen und schreiben konnte, immer bewahrt er sich seinen zutiefst menschlichen und gewitzten Blick auf die Dinge.

„Eine besondere Vorliebe hatte ich für die coole Art von Dave Brubeck, Paul Desmond, Gery Mulligan, Astrud Gilberto, deren Musik ich genoß, deren Weise, Melodien zu empfinden, mir sehr entsprach. Das gleiche gilt übrigens auch für Jimi Hendrix, den ich gewissermaßen für sein Können bewunderte, dessen Spielweise ich aber nicht nachzuempfinden versuchte, weil ich nicht in meine kostbaren Gitarren beißen wollte.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, Razzle dazzle)

Coco Schumann kannte sie alle, unseren hochverehrten Altkanzler Willy Brandt, dessen Wahlkampf er musikalisch unterstützte, ebenso wie die Jazz-Größen Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, die bekannten deutschen Musiker Botho Lucas und Bert Kaempfert, und nicht zuletzt seinen jahrzehntelangen guten Freund, den Swing-Geiger Helmut Zacharias, er hat sie alle überlebt und so kann er uns noch heute seine Interpretation des Welthits ‚La Paloma‘ spielen und erzählen von einer Zeit, die uns Nachgeborenen, durch den Schleier der Zeit, zusehends unwirklicher vorkommt, dem Frieden und dem Lernen aus der Geschichte nicht trauend und immer mit einem gepackten Koffer im Schrank für den Fall, dass es noch einmal hart auf hart kommen sollte…

„Im Lauf der Zeit kam etwas anders hinzu: die Erkenntnis, daß dieses Land keinen Moment lang ernsthaft bestrebt war, Gerechtigkeit walten zu lassen und die eigene Geschichte zu verarbeiten; der Eindruck, daß es den Schuldigen, den Mitschuldigen und den „unschuldigen“ Tätern ein leichtes gewesen war, sich wieder ins reine, ins rechte Licht, in Amt und Würden zu setzen und abermals das Leben der „Überlebenden“ zu bestimmen. Mein Freund, der Autor Henryk M. Broder, sagte vor ein paar Jahren einen treffenden Satz, den ich nicht vergessen kann: ‚Coco, die werden uns nie verzeihen, was sie uns angetan haben!'“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, Autumn leaves)

Die Biografie ist eine ganz dicke Lese-Empfehlung für jeden, der auch nur einen Funken Interesse an der deutschen NS-, Nachkriegs- und Musik-Historie hat. Lange nicht mehr habe ich gleichzeitig so viel gelacht und getrauert wie bei der Geschichte vom Ghetto-Swinger.
(******)

Vinyl und CDs von Coco Schumann gibt es beim renommierten Münchner Indie-Label Trikont.

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7 Kommentare

  1. Da hast Du aber einen Fallstrick ausgelegt: Ich wollte keine neue Bücher mehr ins Haus lassen. Aber das scheint ein besonderer Mensch zu sein: So viel innere Widerstandskraft, so viel Überlebenswille. Und dabei offenbar auch so viel Humor. Danke für den Tipp!

    Gefällt 2 Personen

    1. Mach mal in dem Fall(strick) eine Ausnahme, ich kann Dir das Buch wirklich schwer ans Herz legen. Ich konnte es nicht mehr weglegen.
      Vor einem Menschen wie Coco Schumann ziehe ich meinen Hut. Muss demnächst eh mal zum Trikont nach Giesing, da steht schon eine Scheibe von ihm aufm Einkauszettel.

      Gefällt 2 Personen

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