Reingehört (65)

QUADROPHENIA

Just wanna be misunderstood
I wanna be feared in my neighborhood
Just wanna be a moody man
Say things that nobody can understand
Coolwalkingsmoothtalkingstraightsmokingfirestoking
Coolwalkingsmoothtalking, yeah

(Pete Townshend, Misunderstood)

Pete Townshend – Truancy: The Very Best of Pete Townshend (2015, UMC)
Nach der anständigen Atlantic-Sammlung „The Best of Pete Townshend“ aus dem Jahr 1996 und der ebenfalls das Solowerk des Ausnahmemusikers gut abdeckenden SPV-Doppel-CD „Anthology“ (2005) ein weiterer Best-Of-Erguss über die Alleingänge des The-Who-Masterminds, und ich nehme es vorweg: mit Abstand sein überflüssigster.
Sein Solo-Debüt „Who Came First“ (1972, Track/Polydor) ist mit „Pure And Easy“, „Sheraton Gibson“ und „Let’s See Action“ noch würdig vertreten, von seiner Kollaboration „Rough Mix“ mit dem Small-Faces-Musiker Ronnie Lane (1977, Polydor) fehlt die geniale Misanthropen-Nummer „Misunderstood“ sowie die herzerweichende Ballade „Annie“, von der wunderbaren Erfolgs-Scheibe „Empty Glass“ (1980, Atco) sucht man „I Am An Animal“, den Titelsong und vor allem das herrliche „And I Moved“ vergeblich, das 1982er Werk „All the Best Cowboys Have Chinese Eyes“ (Atco) ist mit „The Sea Refuses No River“ und „Faces dances Pt. 2“ auch tendenziell ungebührend repräsentiert, ich hätte mir davon „Stop Hurting People“, „Exquisitely Bored“ und „Communication“ gewünscht, von der relativ schwachen „White City“-Scheibe (Atco) darf natürlich das grausame „Face To Face“ nicht fehlen, die einzige wirkliche Kracher-Nummer des 1985er-Albums, „Give Blood“, mit Dave Gilmour von Pink Floyd an der Gitarre, wird, passend zu diesem Compilation-Konzept, links liegen gelassen.
Das extrem schwache Konzept-Album „The Iron Man“ (1989, Atlantic) wird durch „I Won’t Run Any More“ repräsentiert, das einzig vernünftige Stück des Tonträgers, „Dig“, wird selbstredend ignoriert.
Die „Scoop“-Trilogie wird durch einen einzigen Song vertreten, was aufgrund der herausragenden Güte dieser Song-Rohentwürfe ein schlechter Witz ist, dafür gibt es in guter alter Beutelschneider-Manier zwei neue Townshend-Songs, die Protestnummer „Guantanamo“ und die Ballade „How Can I Help You“, irgendein Verkaufsargument braucht man als Plattenfirma für diese unausgegorene Sammlung, um dem Townshend/Who-Fan die Kohle aus der Tasche zu ziehen…
Ein größtenteils völlig überflüssiges Sammelsurium an Townshend-Songs, das dem Genie des Meisters über weite Strecken in keinster Weise gerecht wird. Schmeissen sie Dir beim Saturn in ein paar Jahren für drei Euro nach, den Krampf, wetten?
(** ½ – ***)

V.A. – Pete Townshend’s Classic Quadrophenia (2015, UMO/Decca Classics)
Der nächste Sündenfall: Orchestriert von Pete Townshend’s Lebensgefährtin Rachel Fuller, dirigiert von Robert Ziegler, eingespielt vom Royal Philharmonic Orchestra, haut der alte Pete die Mod-Saga „Quadrophenia“ als Oper auf den Markt, der unsägliche Billy Idol darf sich bei der Gelegenheit auch die Rente aufbessern und spätestens wenn der Tenor Alfie Boe den Gesangspart Roger Daltrey’s übernimmt, muss der Hardcore-Who-Fan ganz stark sein und um Contenance ringen, damit er beim Konsum dieser abscheulichen, durch nichts zu entschuldigenden Vergewaltigung nicht rückwärts frühstückt…
Was bei der Weiterverwertung der Rockoper „Tommy“ und der finalen, maximalen Ausschlachtung als symphonisches Werk bereits tendenziell ziemlich in die Hose ging, gerät bei „Quadrophenia“ zum allumfassenden Debakel. Wo „Tommy“ seinerzeit tatsächlich als Oper konzipiert wurde und Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in entsprechenden Häusern wie beispielsweise der Carnegie Hall in New York von der Band selbst aufgeführt wurde und insofern als orchestrales Werk noch irgendwo Sinn machte, erzählt das Konzeptalbum „Quadrophenia“ (1973, Track Records) die straßentaugliche Geschichte der britischen Mod-Bewegung und ihrer Kämpfe mit Elternhaus, Arbeitgebern und den verhassten Rocker-Gangs, eine Story, die denkbar ungeeignet ist für die Hochkultur-Tempel dieser Welt. Langer Rede kurzer Sinn: ich kann nur empfehlen, die Finger von diesem unappetitlichen Auswurf zu lassen, die Beschäftigung mit „Quadrophenia“ macht beim Hören des Original-Prog-Rock-Meisterwerks von Townshend, Daltrey, Entwistle und Moon, dem The-Who-Spectrum-Philadelphia-Bootleg von der 1973er US-Tour der Band oder mittels der immer noch sehr sehenswerten cineastischen Adaption durch Regisseur Franc Roddam aus dem Jahr 1979 mit Phil Daniels in seiner Rolle als Jimmy Cooper sowie unter weiterer Beteiligung von unter anderem Leslie Ash, Toyah Willcox und Sting wesentlich mehr Spaß.
Sollte „Who’s Next“ eines Tages auch noch durch den orchestralen Fleischwolf gedreht werden, kündige ich Townshend die Freundschaft…;-)) Irgendwann macht die Gaudi a Kurven, wie wir hier in Bayern so schön sagen.
(*)

Advertisements

11 Kommentare

  1. Viel zu oft neigen Künstler und Plattenfirmen dazu ihr Werk bis auf den letzten Cent auf der Verwertungskette auszuquetschen. Der Beispiele gibt es leider zuhauf. Doch glücklicherweise gibt es soviel Hörenswertes in der Wunderwelt Musik. Du hast es zudem sehr humorvoll geschrieben.
    Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Stefan, da muss ich wieder mal den alten Helmut Schön strapazieren: „Da gehe ich hundert Prozent mit Ihnen chloroform.“ ;-)))
      Schade, dass ein hochverehrter Alt-Held wie Pete Townshend so einen Müll in die Welt setzt. Ich habe vor kurzem ein Interview mit ihm in der „Zeit“ gelesen, er sieht sich inzwischen in einer Linie mit seinem großen Vorbild Henry Purcell. Kann er meinetwegen gerne machen, aber indem er sein zum Teil geniales Frühwerk schändet, tut er sich für meine Begriffe absolut keinen Gefallen.
      Liebe Grüße + viel Spaß am Wochenende,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

      1. Das ist leider richtig, Gerhard. Zum Auftritt der WHO beim Glastonbury Festival hörte ich im Radio ein Interview mit Roger Daltrey und Pete Townshend. Da klangen beide sympathisch, ließen die alten Zeiten Revue passieren. Wobei ich bei den Künstlern nie 100% weiß, wer letztlich die Rechte an den Songs besitzt. Das scheint mir eine Frage des Geldes zu sein. Die Plattenfirma zahlt und der Künstler nickt ab. Und große umfangreiche Box-Sets, die Lizenzrechtem und das Remastering usw., kosten viel und verkaufen sich wenig.
        Das Interview in der ZEIT habe ich leider verpasst.
        Hier ist irgendwie kein Wetter ohne Wolken und leicht grau. Dafür warm 😉
        Dir auch viel Spaß
        Stefan
        P.S. Was lese ich…Poschner als GF abberufen, bleibt aber Sportlicher Leiter und die Vereinsführung fährt zum Verhandeln nach Abu Dhabi. Das ist wie hier. Da musste sich Bruno in der Schweiz erst vorstellen und die Vereinsführung um Geld betteln. Das sind Abhängigkeiten die einfach nicht gesund sind.

        Gefällt 1 Person

      2. Die Rechte liegen noch beim Townshend, der hatte da immer den Daumen drauf. Das Problem bei den Who war in den letzten Jahrzehnten, das kaum mehr was Neues nachkam, da wärmt man dann halt mal die alten Sachen auf.
        Als Band auf der Bühne funktionieren sie immer noch hervorragend, wenn man die alten Sachen mag. Ich hab sie das letzte Mal 2007 gesehen, da waren sie überraschend exzellent, lag aber auch sehr an Zak Starkey, er ist einfach der ideale Keith-Moon-Ersatz.
        Ich hab mal vor Jahren das Buch „The Who and the making of Tommy“ von Nigel Cawthorne gelesen, da ging es in einem Kapitel auch um die maximale kommerzielle Ausschlachtung des Stoffs in allen möglichen Formaten (Film, Musical, Oper…) Das gleiche wird jetzt eben mit Quadrophenia durchexerziert, wobei, wie gesagt, der Film damals (im Gegensatz zu ‚Tommy‘) in meinen Augen sehr gut gelungen ist.
        Zum Fußball muss ich Dir – wieder mal – Recht geben. Ich frage mich auch, was die Aktion soll, dieser Ismaik-Cousin Noor Basha als neuer GF ist der einzige Mensch im Verein, der von Fußball noch weniger Ahnung hat als Poschner. Es ist und bleibt ein Graus !
        Hier ist der Sommer voll zurückgekommen, liebe Grüße, schönes Wochenende,
        Gerhard

        Gefällt 1 Person

      3. Ich bin nicht ganz auf dem laufenden wer z.B. die Mastertapes hat.
        Die Quadrophenia-Verfilmung fand ich auch sehr gelungen.
        Mich würde zum Fußball interessieren, wie der FC Chelsea oder ManUNT. arbeiten, mit dem Investor im Hintergrund.
        Für mich ist das noch nicht mal amateurhaft. Hier geht auch das Gerücht umher, dass die Frau vom Edelfan entscheidet. Daumen hoch oder herunter. Sie mochte van der Vaart, lies sie einfliegen und deswegen musste der Gatte ihr den Spaß finanzieren, gegen den Willen der Vereinsführung. Auch Tuchel wurde eingeflogen, auf Vereinskosten, und musste sich vorstellen. Kein Wunder das Tuchel später sagte, dass er Muffensausen bekam und Angst hatte sich zu übernehmen. Man kann dies nur noch mit Ironie begleiten. Denn die Nieten in Nadelstreifen tangiert das schon lange nicht mehr. Sie haben schließlich einen Vertrag. Vetternwirtschaft hat noch nie einen Verein Erfolg gebracht.
        Man hört es auch hier. Der Sommer ist zurück und die Rasenmäher und Heckenschneider laufen heiß 🙂
        Liebe Grüße
        Stefan

        Gefällt 1 Person

      4. Beim HSV und beim TSV geht’s zu wie in einem schlechten Film, mehr fällt mir dazu langsam nicht mehr ein.
        Bei den Löwen hieß es die letzten Wochen, man wolle sich einvernehmlich vom Investor Ismaik trennen und die Anteile woanders hintransferieren,
        jetzt ist plötzlich sein Cousin Geschäftsführer…
        Liebe Grüße,
        Gerhard

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s