Patti Smith @ Tollwood, München, 2015-07-13

Patti Smith And Her Band Perform ‚Horses‘ In Its Entirety.

Das Schöne an diesen Toolwood-Konzerten ist: es geht immer pünktlich los, und so stand die lebende Legende Patti Smith Punkt acht Uhr auf der Bühne, hielt sich nicht groß mit Vorgeplänkel auf, sprich fackelte nicht lange, stieg konsequent konzertant bei „Gloria“ ein und exerzierte in den nächsten vierzig Minuten eines der wichtigsten Alben der Rock-Geschichte Stück für Stück und chronologisch mit einem Drive, einer Brillanz und vor allem dem Werk zu Gebote stehenden Energie durch, als wäre dieses Jahrhundertwerk erst vor ein paar Wochen eingespielt worden und müsste nun durch fleißiges Live-Präsentieren beworben werden. Über das Ausnahme-Album muss man nicht mehr viele Worte verlieren, ich habe es vor kurzem hier in der Spitzenprodukte-Rubrik besprochen, das Publikum war von der ersten Minute an schwer begeistert und feierte die acht Nummern frenetisch. Highlight des Abends war für mich das Uptempo-Wunderwerk „Free Money“, noch heute nach vierzig Jahren so etwas wie die Blaupause des Indie-Rock, ein Stück, bei dem das Zeltdach wegzufliegen drohte ob der berstenden Energie, die von der Bühne strahlte. Im Verlauf von „Kimberley“ sorgte die New Yorker Punk-Ikone für den Brüller des Abends, sie verließ während des Stücks für ein paar Minuten die Bühne, ihre irritierten Mitmusiker zurücklassend, die die ungeplante Pause improvisierend überbrücken mussten, um dann für den Schlussteil auf die Bühne zurückzukehren und das Publikum über das kurze Verschwinden aufzuklären: „Usually I Take A Piss Before The Show.“ Ein Schenkel-Klopfer, bei dem Gefahr bestand, dass es einem selbst auskam… ;-))
Im Horses-Abgesang „Elegie“ gedachte Patti Smith dann ergreifend den dahingeschiedenen Weggefährten wie den vier Ramones, Robert Mapplethorpe, Johnny Thunders, Jim Carroll, Allen Lanier, Joe Strummer und ihrem 1994 verstorbenen Mann Fred ‚Sonic‘ Smith.
So nahm der erste Teil des Abends mit der ‚Horses‘-Komplettaufführung sein würdiges Ende, den zweiten Part eröffnete die Band mit „Privilege (Set Me Free)“ und „Babelogue“ vom ‚Horses‘-Nachfolger ‚Easter‘ (1978, Arista), mit „Summer Cannibals“ ertönte das Highlight der zweiten Runde, die flotte Indie-Nummer vom ‚Gone Again‘-Album (1996, Arista) passte wie Faust auf Auge zur Sauna-artigen Hitze im Tollwood-Zelt. Für das Velvet-Underground-Medley verließ die Chefin die Bühne und übergab an ihren alten Weggefährten Lenny Kaye, neben J. D. Daugherty der letzte verbleibende Musiker der legendären Patti Smith Group, bei diesem überflüssigen Teil des Abends wurde schnell deutlich, welch durchschnittliche Band ohne die Ausstrahlung der Schamanin am Werk war, das Potpourri aus „Rock ’n‘ Roll“, „White Light/White Heat“ und „I’m Waiting For The Man“ verkam ähnlich wie die unsägliche Steppenwolf-Nummer vor ein paar Jahren beim Dachauer Musiksommer zur Belanglosigkeit (Bei Velvet-Covers bin ich sowieso heikel, da muss schon mehr kommen als beliebiges Runterschrubben, zumal der Günther in seinem feinen MONO-Plattenladen vor kurzem die österreichischen, leider bereits vergriffenen Preziosen der ‚Buben im Pelz‚ aus Wien abspielte, was die Messlatte erneut um einiges nach oben trieb), und so durfte der Saal aufatmen, als Patti zum feedback-krachigen Finale ausholte und abschließend den zum Motto des Abends passenden The-Who-Klassiker „My Generation“ abrockte, der damals die B-Seite ihrer zweiten Single „Gloria“, der Auskopplung des ‚Horses‘-Albums, zierte.
Unterm Strich konnte der zweite Teil des Konzerts das Niveau nicht halten, das mit der ‚Horses‘-Aufführung an dem Abend erreicht wurde, vor allem den Velvet-Underground-Part hätte die Band sinnvoller durch Interpretation einiger eigener alter Klassiker ersetzt, sowohl vom ‚Radio-Ethiopia‘- als auch vom ‚Wave‘-Album wurde kein Stück zu Gehör gebracht, „Pissing In A River“ hätte gut zum Konzert-unterbrechenden Harndrang der New Yorker Ikone gepasst, „Dancing Barefoot“ ist immer gern genommen und gegen eine Aufführung des ‚Boss‘-Klassikers „Because The Night“ hätte im Zelt sicher auch niemand Einwände erhoben. Um dem Abend gerecht zu werden deshalb heute eine zweigeteilte Wertung, wie im Fußball: in der 1. Halbzeit mächtig eingebombt und vorgelegt, in der 2. Halbzeit mit ein paar Gegentreffern den Sieg über die Zeit gebracht…
(Horses: ***** ½ / Rest: **** / Pinkelpause: ******)

Patti Smith / Homepage

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21 Kommentare

    1. Vielen Dank, Karin,
      und ich werd’s dem Mono-Günther weitergeben, wird er sich freuen.
      Der Laden ist wirklich tip-top und der Günther ein Super-Guter.
      ‚Buben im Pelz‘ kommen morgen nochmal exklusiv. Den heutigen Text muss ich korrigieren, die CD des Wiener Duos gibt es scheinbar doch noch, ich konnte sie jedenfalls gerade bestellen.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

  1. „Jesus died for somebody’s sins, but not mine.“
    Was für ein erster Satz zum Album „Horses.“ Danke Gerhard für die launige Konzertkritik. Besonders für die Wertung der Pinkelpause 🙂 Ich habe sie mehrfach live gesehen und bin nie enttäuscht worden. Als kleines Schmankerl ist hier das Interview nach dem Konzert von Patti Smith im Rockpalast, 1979, wo Alan Bangs versuchte ernsthafte Fragen zu stellen: https://youtu.be/dNx8mj3XJ1A
    Liebe Grüße
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Stefan,
      vielen Dank für Dein Feedback.
      Hab sie auch öfter live gesehen, am Besten über die volle Distanz fand ich sie vor ca. 15 Jahren, da hat sie tatsächlich sowas wie ein Best-Of-Live-Programm abgespielt, da blieben keine Wünsche offen. Die ‚Horses‘-Nummer war natürlich auch ganz großes Kino, keine Frage. Das Rockpalast-Interview kenn ich, Danke für den Link, da ging nicht viel ;-)) Substanzen-Missbrauch, was soll man sagen ;-)) Ihr ‚Horses‘-Produzent John Cale war ja ähnlich Panne in dem Rahmen, 1984. Gott sei Dank haben sich beide im Lauf der Zeit gefangen und gesünder gelebt, sonst könnten wir sie heute nicht mehr bewundern 😉
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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