Reingehört (68)

REINGEHÖRT_68

 

Joe Crookston – Georgia I’m Here (2014, Milagrito)
Bereits im letzten Jahr erschienenes, viertes Album des aus Ohio stammenden Folk-Musikers Joe Crookston, mit dem der junge Mann ein leichtfüssiges, entspannt-melancholisches Werk der amerikanischen Volksmusik vorlegt, fein instrumentiert und unaufgeregt vorgetragen, musikalisch irgendwo zwischen James Taylor, Tim Buckley und Simone Felice zu verorten, und wer mit den jüngsten Werken der Münchner Jung-Folker von der Moonband glücklich wird, dürfte hier auch auf seine Kosten kommen. Trotz des relaxten Ansatzes entfaltet das Werk eine unglaubliche Kraft und einen Sog, dem sich der geneigte Hörer schwer entziehen kann. Sind so die Nummern, die einen besonders freuen, dass man da unversehens drübergestolpert ist…
(*****)

The Hillbenders – Tommy: A Bluegrass Opry (2015, Compass)
Die Rock-Oper der Who, immer wieder gerne genommen. Nach diversem unsäglichen Soundtrack-, Musical-, und Orchestral-Gedöns sowie dem Indierock-13-Stücke-Extrakt der Smithereens (‚The Smithereens Play Tommy‘, 2009, Koch Records) nun also die Geschichte vom „deaf, dumb and blind Boy“ mit Fiddle, Banjo und Mandoline vorgetragen. Die Hillbenders, ein junges Bluegrass-Quintett aus Missouri, holten sich für die Umsetzung vorab den Segen von Pete Townshend und Roger Daltrey, Pete himself war von der Interpretation angetan und traf die Truppe im Mai 2015 nach ihrem ‚Tommy‘-Konzert in Nashville. In der instrumentalen Ausführung gibt es bei dieser 1:1-Hillbilly-Adaption des Konzeptalbum-Klassikers (1969, Polydor / Track Records) nichts zu knurren, die Gesangsparts sind für meine Begriffe an der ein oder anderen Stelle eine Spur zu pathetisch geraten und gemahnen weit mehr an Gospel als an Bluegrass, aber dieser Umstand könnte durchaus der pseudo-religiösen Thematik des ‚Tommy‘-Stoffs geschuldet sein. Als beinharter Who-Fan sage ich hierzu: mit einem Augenzwinkern läuft sie allemal gut rein, die Gaudi…
(****)

Leon Bridges – Coming Home (2015, Sony Music)
Das lange erwartete Debüt-Album des jungen Soul-Talents Leon Bridges aus Fort Worth, Texas. Tief reinbohrender Rhythm-and-Blues und selbstredend jede Menge Soul, wie in den sechziger Jahren analog eingespielt, mit satten Bläsersätzen, angenehmst eingesetztem Georgel und irgendwie total retro, was Wunder, fühlt sich Bridges doch seinen großen Vorbildern Sam Cooke, Percy Sledge und Otis Redding verpflichtet und denen kann er tatsächlich mit seiner begnadeten Gospel-Stimme in den allermeisten Stücken dieses gelungenen Debüts das Wasser reichen. Der Sound passt derzeit perfekt zu den Luftfeuchtigkeits-durchtränkten Sommernächten.
Leon Bridges ist konzertant am 15. September im Münchner Technikum zu bestaunen.
(**** ½)

Jello Biafra & New Orleans Raunch and Soul All-Stars – Walk On Jindal’s Splinters (2015, Alternative Tentacles)
Ami-Alt-Punk und Polit-Enfant-Terrible Jello Biafra macht jetzt auch einen auf Souler und liefert hier mit alten Kämpen von Mojo Nixon und Corrosion Of Conformity einen gewichtigen Live-Mix aus New Orleans Soul, R&B und Garagenrock, der des öfteren an die Sub-Pop-Ergüsse von Big Chief denken lässt.
Die Ansage verspricht “plenty of trademark Jello banter, and full-on soul/trash/frat/garage gumbo from eleven of New Orleans’ finest, just playing their asses off and having a good time doing it” und dagegen gibt es wenig zu sagen, schwere Bläser und Gitarren und Jello’s unnachahmliches Organ jagen durch handverlesene Coverversionen wie „House Of The Rising Son“, „Working In A Coalmine“, „Judy In Disguise“ oder Alex Chilton’s genialer Kaputt-Blues-Nummer „Bangkok“.
Der Albumtitel ist eine Verballhornung von Dr. John’s Song „I Walk on Gilded Splinters“ und feuert in alter Jello-Manier eine Breitseite auf den ultrakonservativen republikanischen Gouverneur von Louisiana und GWB-Freund Bobby Jindal ab.
Das exzellent abgemixte und aus jeder Pore Südstaaten-Schwere schwitzende Voodoo-Teil hast Du in Zukunft im Halfter und ziehst es für den ultimativen Gegenschlag raus, wenn Dich der DJ auf der nächsten Privat-Party zum tausendsten Mal mit diesem unsäglichen Blues-Brothers-Getröte nerven sollte… Machste nix falsch mit.
(**** ½)

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17 Kommentare

  1. Da sind sie ja, die Bluegrassler! Joa, nett 🙂 Und hallo, JELLLOOOO! Immer wieder eine Freude, und einer derjenigen, die auf meiner Typen-für-die-Ewigkeit-Liste stehen (auf der natürlich ebenso Frauen vertreten sind, da wird nicht getrennt, der Himmel ist ja keine Schwimmbad-Umkleide). Jello ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass man von mir aus aussehen kann wie ein alternder Versicherungsvertreter, wenn man eben eine solche Bombe ist. Von Joe Crookston bin ich übrigens gerade sehr angetan. Folk, denkt man, ist so einfach – stimmt aber nicht: Folk muss man können, sonst rutscht man schnell in die Beliebigkeitsbrühe ab. Ich hab mich eben bei Crookston mal ein bisschen mehr reingehört und find´s wunderbar! Liebe Grüße, Sonja

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    1. Liebe Sonja, danke für Dein schönes Feedback, bei der Schwimmbad-Umkleide hab ich gerade sehr lachen müssen !! 😉 Beim Jello bin ich völlig bei Dir, hab ihn vor ein paar Jahren mal wieder mit ‚Guantanamo‘ gesehen, 2-einhalb-Stunden Vollbedienung inklusive Andrew Weiss (ex-Rollins-Band) am Bass und diverser alter Kennedys-Klassiker, war super. Vom BR gab es mal einen Mitschnitt vom Alabama-Hallen-Konzert der Kennedys, hab ich noch auf Tape, ca. 80/81, ein Kumpel von mir war damals dort, da wirst Du grün vor Neid….
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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  2. Klasse Zusammenstellung, Gerhard. Endlich mal wieder der Große Jello Biafra. Da werde ich doch wieder die Dead Kennedys heraus holen. Was waren das für Cover!
    Bei Leon Bridges hatte ich von Beginn an ein gutes Gefühl. Beim Glastonburyfestival machte er auch Live eine gute Figur. Und ich mag besonders wie er den Soul entkernt hat und teils rau wie vor 50 Jahren seinen eigenen Stil entwickelt hat. Joe Crookston und die Hillbenders kannte ich bisher nicht. Da werde ich später hinein hören.
    Liebe Grüße aus dem wohl gleich gewittrigen Norden
    Stefan

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    1. Vielen Dank, Stefan.
      Von Leon Bridges habe ich ja zuerst von Dir gehört, da hattest Du in der Tat genau den richtigen Riecher. Mal sehen, vielleicht klappt es mit dem Konzert im Herbst, wäre glaub ich schon einen Besuch wert.
      Der Jello ist einfach unverwüstlich 😉
      Viel Spaß beim reinhören, ein schönes Wochenende und liebe Grüße,
      Gerhard

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      1. Solange Leon Bridges Bodenhaftung behält und keine großen Hits hat, wird er sich gut entwickeln und seine Karriere langfristig aufbauen können. Denn er hat großes Talent. Lieber klein anfangen und wachsen als gleich den Mega-Hit haben. Geld verdirbt oft in diesem Metier nicht nur den Charakter sondern auch das künstlerische Talent.
        Jello habe ich zwar nie live gesehen. Doch irgendwie mag ich diese Urgesteine. Musikalisch habe ich ihn immer mal wieder verfolgt. Es gibt ja nicht mehr so viele aus der wilden Zeit, die überlebt haben. Da ist Aussehen usw. völlig uninteressant.
        Lieben Gruß aus dem noch sonnigen Hamburg
        Stefan

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      2. Leon Bridges: Solange er auf dem Boden bleibt, ist alles gut. Amy Winehouse sollte ein warnendes Beispiel sein.
        Über genügend Talent für eine große Karriere verfügt er allemal, schätze ich.
        Der Jello ist immer wieder für eine Überraschung gut, in der Soul-Ecke hätte ich ihn nicht vermutet, aber er bringt das sehr überzeugend rüber.
        Liebe Grüße,
        Gerhard

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      3. Lemmy hat auch Soul Songs gecovert 😉 Wenn man ein Alter erreicht hat, hat man auch Narrenfreiheit. Wenn ich mir manchmal Iggy Pop´s Radioshow anhöre denke ich auch, was der für eine musikalische Breite hat.
        Drücken wir Leon Bridges einfach die Daumen. Hier ist sein kompletter Auftritt beim Glastonbury Festival https://youtu.be/410EkTtsgd8
        Liebe Grüße
        Stefan

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      4. Ich glaube die Aktionswoche mit den Karten für das kommende Jahr beginnt bald. Da muss man sich zuerst registrieren und dann abwarten.
        Bei YouTube habe ich einfach nach Leon Bridges beim Glastonbury Festival geschaut und war angenehm überrascht. Vermutlich wird das Video bald gelöscht. Also schnell schauen 🙂
        Stürmische Grüße aus Hamburg
        Stefan

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