Amy

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This is the Girl
For whom all tears fall
This is the Girl
Who was having a ball
This is the Girl
For whom all tears have shead
This is the Wine of the House it is said
(Patti Smith, Banga, This Is The Girl)

Der britische Filmemacher Asif Kapadia, der durch seine preisgekrönte Dokumentation über den brasilianischen Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna bekannt wurde, hat eine sehr persönliche Studie über den schnellen Erfolg und den ebenso rapiden Abstieg und Verfall der englischen Ausnahme-Soul-Sängerin Amy Winehouse produziert, der bereits als Festival-Beitrag in Cannes und beim vor kurzem zu Ende gegangenen 33. Münchner Filmfest lief und nun in den regulären Programm-Kinos gezeigt wird.

Der Regisseur konnte für die Filmbiografie ‚Amy – The Girl Behind The Name‘ neben Konzertmitschnitten und Fernseh-Aufzeichnungen von Interviews und Auftritten auf unveröffentlichtes Material, persönliche Videos, Tondokumente und Notizbücher zurückgreifen, er schuf daraus ein gelungenes Portrait einer faszinierenden Künstlerpersönlichkeit, die im realen Leben aufgrund ihres exzessiven Suchtverhaltens und nicht zuletzt wegen ihres völlig unfähigen persönlichen Umfelds keine Chance auf dauerhaften Erfolg und vor allem ein glücklicheres und längeres Leben hatte.

Im Film wird deutlich, wie vor allem Amys Vater Mitch Winehouse mit seinen über allem stehenden Geschäftsinteressen sowie ihr zeitweiliger Ehemann Blake Fielder, der in diesem Film in Interviews sein Gesicht als charakterloser, erbärmlicher Ex-Junkie zeigt, in ihrem Einfluss auf die Künstlerin verheerend und weit mehr Teil als mögliche Lösung ihrer massiven Probleme waren.

Der Film zeigt glänzende Konzertmitschnitte der Sängerin ebenso wie Katastrophen wie exemplarisch ihren letzten großen, desaströsen, alkoholvernebelten Auftritt im Juni 2011 bei einem Open Air Festival in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Die herausragende Bühnenpräsenz und vor allem das außergewöhnliche Sangestalent der jungen Musikerin sind in ihren großen Momenten greifbar, die uralte Soulstimme scheint in einem Körper zu sitzen, der die Lebenserfahrung, die dieses Organ simuliert, in Rekordzeit nachzuholen trachtete.

Eine unscheinbare Szene im Film bringt das Drama der Amy Winehouse auf den Punkt: eine kurze Sequenz zeigt die angehende Soul-Diva beim Pool-Billard in einem Pub in Birmingham mit ihrem ersten Manager und Jugendfreund Nick Shymanksy, anstatt die Kugel, der Konstellation erforderlich, mit dem entsprechenden Gefühl zu spielen, drischt die junge Amy unvermittelt in die Vollen, ein Bild von symbolischem Charakter, so wenig wie sie Einfühlungsvermögen beim Pool hatte, so wenig Sensibilität entwickelte sie für das eigene Leben.
Erschreckend ist die Feststellung der Sängerin im Rahmen ihrer Grammy-Verleihung durch ihr großes Idol Tony Bennett, die nach zwischenzeitlich erfolgreichem Entzug konstatiert, „ohne Drogen mache das alles keinen Spaß.“

Bezüglich der Machart beschreitet der Film durchaus neue Wege, aktuelle Statements und Interview-Beiträge der Protagonisten ertönen aus dem Off, die Aussagen werden jeweils mit historischen Bildern und Aufnahmen unterlegt, so entsteht eine rasante Abfolge von Eindrücken und Aussagen, die dem schnellen Leben der Amy Winehouse absolut adäquat gerecht werden.
Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt die Darstellung des raubtierhaften Paparazzi-Verhaltens der britischen Journaille, die die angeschlagene Künstlerin in ihren schwersten Stunden gnadenlos im Blitzlichtgewitter verfolgte, die unkommentierten Bilder zeigen dieses widerliche Verhalten ungeschönt und durchaus anklagend, aber, Hand auf’s Herz, hätten die Kameras damals nicht draufgehalten, den Filmproduzenten hätte etliches an Material für diesen Kinostreifen gefehlt, und so bleibt beim Zuschauer die beklemmende Frage, wo Dokumentation endet und Voyeurismus beginnt.

Der Niedergang der großartigen Sängerin mit den massiven selbstzerstörerischen Tendenzen wird im Film ausführlichst dokumentiert, die Antwort, worin dieses destruktive Verhalten in der Vita der Amy Winehouse begründet liegt, bleibt er weitestgehend schuldig.

„The fact that she died at 27 years old is just horrible to me. If she had lived, she would’ve been right up there with Billie Holiday and Dinah Washington. It’s just a tragedy.“
(Tony Bennett)

Amy Winehouse ist am 23. Juli 2011 in ihrem Appartement in Camden, London, an den Folgen einer massiven Alkoholvergiftung gestorben. Sie reihte sich damit ein in den ‚Club 27‘, einer viel zu langen Liste von weltberühmten und bahnbrechenden Ausnahmemusikern wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain, die alle im zarten Alter von 27 Jahren das Zeitliche segneten und Millionen von Fans trauernd und fassungslos zurückließen.
Die begnadete Soul-Sängerin wurde auf dem jüdischen Edgwarebury Lane Cemetery im Nordlondoner Stadtteil Barnet beigesetzt.

Amy Winehouse gewann zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeiten, unter anderem war sie die erste Britin, die fünf Grammy Awards in einem Jahr erhielt, ihre Aufnahmen verkauften sich millionenfach, ihr Album ‚Back To Black‘ (2006, Island) wird vom amerikanischen Rolling Stone in der Liste der „500 Greatest Albums Of All Times“ auf Platz 451 geführt, letztendlich Schall und Rauch angesichts der Tatsache, dass derart überwältigender Erfolg bei ihr Hand in Hand ging mit einem unfassbar rasanten Ausbrennen, wie es in der Musikwelt in jüngster Vergangenheit in dieser Intensität nur im Falle Kurt Cobains zu beobachten war.

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6 Kommentare

  1. Gute Besprechung, Gerhard. Ich hab mir den Film gestern angesehen – und insgeheim die Befürchtung gehabt, da wird die Vermarktungsmaschine gnadenlos weitergedreht. Ich finde, der Regisseur hat das gut gemacht – die Ursachen für diese (Selbst-) Zerstörung kann man vielleicht sowieso nie ganz klären, vielleicht wußte die Sängerin das ja auch selbst nicht. Aber wie schädlich manche der Menschen um sie rum für sie waren – insbesondere dieser ekelhaftige Vater, bei dem ich eh immer das K….kriege, wenn ich den irgendwo im Fernsehen sehe….

    Jedenfalls finde ich, dass der Film meine Befürchtungen nicht erfüllt hat und doch einen Zugang zu dieser KÜnstlerin brachte…

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    1. Vielen Dank, Birgit.
      Ich hab mir ehrlich gesagt schon was Vernünftiges erwartet, im Rahmen des Filmfest wurde er schon gut besprochen.
      Im Bezug auf den Altvorderen geb ich Dir völlig Recht, noch wesentlich widerlicher fand ich allerdings diesen ex-Mann, ein Exemplar Mensch, den ich schon immer zum davonlaufen fand.
      Ewig schade um die Frau, war wirklich eine begnadete Musikerin. Bin nun wirklich nicht der ganz große Soul-Experte, aber ihre Stimme fand ich immer sehr stark.
      Viele Grüße,
      Gerhard

      Gefällt mir

      1. Ja, die Stimme war stark…aber eben auch, weil da der ganze Schmerz raus kaum, Schmerz&Seele – was den Soul so richtig gut macht. So fürchterlich das ist, aber die ganz großen Sängerinnen – Edith Piaf und Janis Joplin und sogar die Callas – konnten vielleicht nur so singen, weil sie innerlich so verletzt waren. Trübseliger Gedanke.

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