Reingehört (73)

Shankar + Harrison

Ragamatic – Auditus (2015, Acre Recordings)
Da beschreitet einer ganz neue Wege in der Welt der indischen Sitarklänge. Der aus Weilheim stammende Reiner Heidorn hat jahrelang klassische hindustanische Musik auf der klassischen indischen Langhalslaute studiert und verbindet auf seinem neuen Werk die jahrhundertealte nordindische Musiktradition mit elektronischen Ambient- und Rhythmus-Elementen: “What would happen if a group of swāmi (hindu monks) would discover a synthesizer in one of their sacred forests?” Wahrscheinlich würde genau dieser hochspannende Crossover zwischen Tradition und elektronischer Moderne in Form von Sampling/Verfremdung passieren, der sich im vorliegenden Fall in einer spannenden Balance zwischen Meditations-Drone und rhythmischem, von Tempiwechseln immer wieder durchbrochenem, dezentem Groove findet.
Die Sitar selbst variiert zwischen vertrauter Melodienlandschaft und einer Art dezent angedeutetem, wohl der elektronischen Bearbeitung zu verdankendem Feedback, das derartige Ansätze aus dem Indie-Bereich, nennen wir mit Sonic Youth einen exemplarischen Namen, in andere Sphären geleitet. Zur Beschreibung der Klangvielfalt dieses Electronic Raga mögen Worte oft nicht ausreichen, in dem Fall muss man das selbst gehört haben.
Im oberbayerischen Weilheim gedeihen neben The Notwist und ihren gefühlt dreihunderteinundachtzig Nebenprojekten offensichtlich noch andere interessante musikalische Pflanzen…
Ragamatic ist konzertant zugange am 25. September im Münchner Haus der kleinen Künste.
(**** ½)

Stephan Micus – Nomad Songs (2015, ECM)
Der aus Stuttgart stammende Klassikkomponist und World-Musiker Stephan Micus hat eine gelungene Instrumental-Sammlung zum Themenbereich Nomaden/Wüste veröffentlicht, die getragenen, mitunter düster-melancholischen Stücke reflektieren in ihrer kargen, meditativen, ruhig angelegten Struktur beeindruckend das Leben in den entvölkerten, lebensfeindlichen Regionen des Planeten. Micus, der sich selbst als musikalischen Nomaden bezeichnet, beschäftigte sich auf seinen Reisen nach Asien, Südamerika und Afrika mit dem Studium traditioneller Instrumente und Kompositions-Techniken. Zum vorliegenden Werk schreibt seine Plattenfirma: „Nomad Songs is his 21st album for ECM; he plays nine different instruments, but emphasizes two he hasn’t used before: The first is the Moroccan genbri, a lute covered with camel-skin, played by the Gnawa in Morocco. The second is the ndingo, a lamellophone similar to the kalimba, used by the San people in Botswana.“
Das ambitionierte Album wurde, wie vom Münchner Nobel-Klassik/Experimental/World/Jazz-Label gewohnt, in aufnahmetechnisch und klanglich exzellenter Form produziert.
(****)

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8 Kommentare

  1. Weilheim scheint ein verkanntes Eldorado musikalischer Perlen und Entdeckungen zu sein. Danke Gerhard für den musikalischen Bogen und die Erinnerung an den Großen George Harrison.
    Liebe Grüße aus dem sonnenuntergangsverwöhnten Norden (zumindest heute wieder, wenn ich aus dem Fenster schaue),
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Naja, so verkannt ist das gar nicht, SZ und BR2 wissen das schon beizeiten zu würdigen, vor allem Notwist und ihre diversen Nebenbeschäftigungen. Irgendwas hat das Nest, was musikalische Kreativität in ungeahnte Höhen treibt… 😉
      Ja, der alte George, stand immer irgendwie im Schatten von Lennon und McCartney, dabei war er wahrscheinlich der beste und innovativste Musiker der Beatles.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

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