Reingelesen (24)

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„2005 kam endlich die Umkehrung: Im Bayerischen Landtag wurde dem grünen Fraktionsvorsitzenden Sepp Dürr nach einem Zwischenruf vom unterbrochenen Redner öffentlich ins Gesicht geschleudert, er sei der verlängerte Arm der Biermösl Blosn!“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Heimat und Politik)

„Wir brauchen in Bayern keine Opposition, weil wir sind schon Demokraten!“
(Gerhard Polt, 1705)

„Manchmal hatte man das Gefühl, das Image Bayerns ist noch schlimmer als das der DDR.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Heimat und Politik)

Hans Well mit Franz Kotteder – 35 Jahre Biermösl Blosn (2013, Verlag Antje Kunstmann)
Dreieinhalb Dekaden Biermösl Blosn in ihrer Mission in Sachen Musik-Kabarett, Erhalt der bayerischen Volksmusik und Widerstand gegen den CSU-Staat inklusive Wackersdorf-WAA, Isental-Autobahn und Dobrindt’scher Volksverdummung sind das große Thema der Autobiografie von Hans Well, dem Texter des erfolgreichen und beliebten Trios, das sich im Januar 2012 zum großen Bedauern Wells und der zahlreichen Fans der Musikgruppe, die sich nach einem Moos zwischen München und Augsburg benannte, auflöste.
Well gibt erstaunlich offen und ehrlich Einblick in die Welt seiner musikalischen Groß-Familie, er ist das neunte von fünfzehn Kindern der Volksmusikerin Gertraud Well und des Schulmeisters Hermann Well, Konflikte unter den Geschwistern, das Auseinanderleben der Eltern und vor allem die kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Vaters bleiben nicht unerwähnt.

„Bis zur zehnten Klasse vertrat ich politisch eher die allgemein auf dem Dorf üblichen Meinungen und äußerte bei Diskussionen, was ich halt daheim so hörte. Zum Beispiel 1972 beim Olympia-Attentat, „dass für jeden israelischen Sportler, der durch die Geiselnehmer getötet wird, ein Baader-Meinhof-Terrorist an die Wand gestellt gehört“. Das galt keineswegs als radikal, sondern war beim Sportverein oder bei Diskussionen über dieses Thema im Dorf Konsens.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Hollaradiridi – Yeah, Yeah, Yeah)

Das außerordentliche musikalische Talent seines Bruders Christoph „Stofferl“ Well ist selbstverständlich Thema, der jüngere Bruder, ausgewiesener Humorist und Rampensau der Biermösl Blosn, konnte seine Konzertkarriere aufgrund eines Herzfehlers bei den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache nicht fortführen, entsprechend groß war sein Engagement im Verbund mit seinen Brüdern Hans und Michael.
Erste musikalische Gehversuche in Münchens Kleinkunstszene und im bayerisch-schwäbischen Umland, das frühe Zerwürfnis – ausgelöst durch das Vortragen des „BayWa-Lieds“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – mit dem Bayerischen Rundfunk und insbesondere der bayerischen Staatspartei CSU, die mit ihrer g’wamperten Mia-san-mia-Selbstherrlichkeit eine prädestinierte Zielscheibe für den kritischen Spott der Musikanten abgab, das spezielle Verhältnis und die Freundschaft zu ihrem jahrzehntelangen Bühnenpartner, Bayerns Kabarett-Schwergewicht Gerhard Polt, all das kommt in der Biografie ausführlichst zur Sprache.
Beim tendenziell auf Dauer etwas nervigen, anekdotenhaften Herumreiten auf den Vertretern der CSU und des katholischen Klerus inklusive – zumindest in Bayern allseits bekannter – Polit- und sonstiger Skandale mag einem irgendwann die Stellungnahme des pensionsberechtigten Akademikers aus Siegfried Zimmerschieds Soloprogramm „A ganz a miesa, dafeida, dreggiga Dreg san sie“ in den Sinn kommen, „Immer wieder die Kirche. Immer wieder die CSU, der Klerus und die Presse, mein Gott!“, Wells Namedropping, wen er nicht alles kennengelernt hat in seiner langen Bühnenkarriere, hat den Lesespass ebenfalls mitunter getrübt, wett macht er dies, indem er zwei alten Weggefährten, die das Zeitliche allzufrüh segneten, in sehr würdiger Form gedenkt: dem 2009 dahingegangenen grandiosen Film-, Theater- und Kabarett-Giganten Jörg Hube, über den hier im Kulturforum noch zu sprechen sein wird, sowie dem 2010 verstorbenen Ökobauern Sepp Daxenberger, dem politischen Hoffnungsträger der bayerischen Grünen und ehemaligen Bürgermeister von Waging am See.

„Im Herbst tourten wir gerade mit dem Gerhard im Norden, als uns am 1. Oktober in Aachen die Nachricht erreichte, Franz Josef Strauß sei in der Nähe von Regensburg bei einer Hirschjagd des Grafen Johannes von Thurn und Taxis ins Koma gefallen. Gerhard meinte: „Wenn der Strauß stirbt, können wir das Stück nicht mehr spielen!“ Das sah ich anders, weil es in „Diridari“ ja nicht nur um Strauß ging, sondern um das System dahinter.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Theater)

Wiederum sehr lesenswert sind die ausführlichen Berichte über Reisen in die DDR und nach Afrika, bei Auftritten im Ostteil Deutschlands reifte in Hans Well die Erkenntnis im Umgang mit linientreuen DDR-Kabarettisten, dass der Arbeiter- und Bauernstaat im Wesentlichen der verbeamtete, kleingeistige Überwachungsstaat war, als der er sich letztendlich selbst entlarven sollte, die Reise nach Südafrika und Namibia führte die Biermösl Blosn mit ehemaligen Apartheid-Gegnern wie dem ANC-Unterstützer Denis Goldberg zusammen, die eindrucksvolle Begegnung sowie die Dokumentation von Auftritten mit schwarzen Musikern in den Townships ist auch ausführlich in der empfehlenswerten Arthaus-DVD „Plattln in Umtata“ dokumentiert.

„Waffen? Munition?“ Ich entgegnete übermütig: „Na nix, bloß hint im Kofferraum a kloane Bombn!“ Er nahm die Pässe, legte sie zur Seite und sagte ganz beiläufig: „Fahren Sie rechts ran!“ Nach etwas zwei Stunden kam er wieder: „Waffen, Munition?“ Ich entgegnete kleinlaut: „Nein!“ „Dann fahren Sie weiter!“ Das war genau die Art von Autorität, die ich gestrichen hatte.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Unbekannte Verwandte)

Das abschließende Thema, jenes, das Hans Well unübersehbar schwer am Herzen lag, ist das Auseinanderbrechen der Biermösl Blosn, das über 35 Jahre erfolgreiche Trio spielte im Januar 2012 in Fürth sein letztes Konzert, logische Konsequenz der gescheiterten Reformpläne Hans Wells bezüglich des Bühnenprogramms, der Texter der Volksmusik-Institution wollte etwas Neues wagen, weg von den ewig gleichen Klassikern, in dieser Sache hatte er die Brüder Stopherl und Michael nicht auf seiner Seite, und so kam es zum Zerwürfnis, das so manch treuer Fan entsetzt mit den Worten „Aus is, und gor is, und schod is, dass wohr is!“ kommentierte.

Jahrzehntelang habe ich die Biermösl Blosn mit Genuss verfolgt, konzertant wie auf Tonträger, mehr oder weniger fast über die volle Distanz, ob bei Demos, Konzerten für Gartenbauvereins- und Blaskapellen-Jubiläen im Bierzelt, zahlreichen Auftritten mit Gerhard Polt, bei der Oskar-Maria-Graf-Lesung wiederum mit Polt sowie dem großartigen Jörg Hube, bei den Theaterinszenierungen „München leuchtet“ und „Offener Vollzug“ oder zuletzt beim grandiosen Auftritt mit den südafrikanischen Gumboot-Dancern in der Muffathalle, erste Reihe, Mitte, mit Michael Wells Alphorn auf den Schultern (Michael Well: „Take it!“ ;-))), es waren durch die Bank ausnahmslos wunderbare Abende, und so kann ich Hans Wells Verbitterung und Enttäuschung über die Auflösung des Trios, die sich am Ende seiner Biografie Bahn bricht, mehr als nachvollziehen, den eines ist gewiss: Die Biermösl Blosn fehlen seitdem in der bayerischen Kulturlandschaft – und wie. Oder wie ein ehemaliger hessischer Ministerpräsident und gescheiterter Baukonzern-Vorstand sagen würde: „Brutalstmöglich.“

Hoffnung bleibt allemal, der Well-Clan hat sich weiter fortgepflanzt, und so gibt Hans Well in seiner unterm Strich gelungenen und für Biermösl-Fans allemal sehr lesenswerten Biografie einen Ausblick auf seine Zusammenarbeit mit dem eigenen musikalischen Nachwuchs, seinen drei Kindern von den „Wellbappn“, die das musikalische Talent und die Liebe zur bayerischen Volksmusik-Tradition praktisch in die Wiege gelegt bekamen…

„Auch was das Verhältnis unter uns Biermösln betraf, war eine gewisse Endzeitstimmung nicht zu übersehen. Unversöhnlicher als sonst waren die Auseinandersetzungen. Die absolute CSU-Alleinherrschaft war mit der Wahl 2008 nach sechsundvierzig Jahren gebrochen. Bayern hatte sich verändert, unser Programm nicht! Nicht einmal der Münchner Merkur war noch, was er gewesen war.“
(Hans Well, 35 Jahre Biermösl Blosn, Staatstheater und andere Anstalten)

Biermösl Blosn Grüß Gott mein Bayernland

Biermösl Blosn – Tonträger – Eine Auswahl:

Grüß Gott, mein Bayernland (1982, Mood Records)
Livemittschnitt aus dem Münchner MUH vom Juni 1982. Für Hans Well die eigentliche Debüt-Platte, unter anderem mit dem Skandal-Lied „Gott mit Dir, Du Land der BayWa“, das auf Hintertreiben der CSU zur jahrzehntelangen Verbannung der Combo von den Sendezeiten des Bayerischen Rundfunk führte, mit der Anti-Kriegs-Nummer „Wer will unter die Soldaten“, dem Kommentar zur Entnazifizierung „Drunt in da greana Au“ und dem „Che Guevara Landler“. Der Ruf der Gruppe als fünfte Kolonne Moskaus war damit in der Frühphase der Volksmusikanten-Karriere im politisch tiefschwarzen Bayern begründet.
Bereits 1980 veröffentlichte die Biermösl Blosn mit ‚Ex Voto‘ ihre Debüt-LP bei Intercord. Die Scheibe ist längst vergriffen und Hans Well ist froh über diesen Umstand. Das sagt wohl alles über die Qualität der Platte. Ein Bekannter hat ein handsigniertes Exemplar in seinem Bestand, inklusive Autogramm von Gerhard Polt, dieser wollte seinerzeit nicht unterschreiben, weil er auf dem Tonträger nicht akustisch vertreten sei, nach Unbedenklichkeitsbescheid signierte er mit den Worten: „I derf aa unterschreim, Gerhard Polt.“

Tschüß Bayernland (1985, Mood Records)
Live im neuen MUH, 3. bis 5. September 1985. Enthält unter anderem die Punk-Version des Münchner Volkslied-Klassikers „Stolz von da Au“, die damals tatsächlich in ‚Live aus dem Alabama‘ im BR gesendet wurde, da hat wohl wer in der BR-Redaktion gepennt, sowie das Boris-Becker-Spottlied „Boris Bumm Bumm“.

Wo samma (1994, Mood Records)
Live in der Weilachmühle, Thalhausen, am 2. und 3. März 1994. Das Wirtshaus wurde damals von einem Bruder der Biermösl Blosn betrieben. Enthält konzertante Klassiker wie „Seid’s alle do“ und „Wie reimt sich das zusamm'“, ersteres kündigte Hans Well vor Auftritten gerne mit den Worten „Wer das nächste Lied nicht versteht, für den ist der weitere Verlauf des Abends sinnlos“ an, sowie „Da boarisch Hiasl“, einer Zusammenarbeit mit den Toten Hosen, die sich aus ihrem gemeinsamen Auftritt bei den Anti-WAA-Demos in Wackersdorf ergab.

Wellcome to Bavaria (1998, Mood Records)
Live in der Weilachmühle, Thalhausen, am 6. und 7. Mai 1998. Sehr gelungenes Album mit den Konzert-Standards „Welcome to Bavaria“, „De Schand vom Oberland“ und der kirchenkritischen Techno-Nummer „Ravermess'“.

Räuber & Gendarm – Bayrische Räuber- und Wildschützenlieder (2002, Mood Records)
Lohnende Sammlung klassischen bayerischen Liedguts über bajuwarische Rebellen und Wilderer wie den bekannten Outlaw Matthias Kneißl und den Wildschütz Jennerwein, die fester Bestandteil der bayerischen Geschichts-Schreibung wurden und sich noch heute beim Volk höchster Beliebtheit erfreuen.
Die CD erschien seinerzeit zur Ausstellung „Im Wald da sind die Räuber. Kneißl, Hiasl & Co. Räuberrromantik und Realität“ im Bauernhofmuseum Jexhof des Landkreises Fürstenfeldbruck.
Das Jennerwein-Lied wird gesprochen von Gerhard Polt.

Jubiläum (2009, Kein & Aber)
Eine Art Best-Of-Doppel-CD mit ausgewählten Biermösl-Preziosen und exemplarischen Solo-Nummern von Gerhard Polt, ersetzt keinen regulären Tonträger weder des Trios noch von Polt, gibt aber einen schönen Überblick über 30 Jahre „im Dienst der Rampe“ und enthält mit „Banca rotta“, dem im gregorianischen Kirchengesangs-Stil vorgetragenen Kommentar zur Finanzkrise, wahrscheinlich eines der besten Biermösl-Blosn-Stücke überhaupt.

TTIP STOPPEN ! G7 DEMO München 2015-06-04 HANS WELL + DIE WELLBAPPN (3)

Und zu guter Letzt – Back to the Roots:

Kraudn Sepp – Sonntag (2005, Trikont)
Großes Vorbild Hans Wells: Dem 1977 im Alter von 80 Jahren in Greiling bei Bad Tölz verstorbenen Josef Bauer also known as The Kraudn Sepp hat das Trikont-Label mit einer Doppel-CD-Sammlung seiner derben und oft boshaften bayerischen Wirtshauslieder ein schönes Denkmal gesetzt. Der Kraudn Sepp besitzt in der bayerischen Volksmusik einen Stellenwert, der im amerikanischen (Alternative) Country allenfalls mit dem von Größen wie Hank Williams oder Johnny Cash vergleichbar ist.
Der Augsburger Schriftsteller und Musikjournalist Franz Dobler schreibt im Begleitheft zur CD unter anderem folgende wunderbaren Sätze: „Der Kraudn war und ist die beste alte Verbindung für alle Bastard-Volksmusiker seit den 80er Jahren, seien es die kurzlebigen Dullijöh oder die weiterhin an ihrer Blues-Verbindung aus „Son House und Kraudn Sepp“ arbeitenden Williams Wetsox. Sein Echo ist auch bei den Radikalsten zu hören: in den Gstanzln von Attwenger, deren Hans Falkner mit der Scheißleitn Musi auch die heftigere Wirtshausunterhaltung pflegt; und bei Hans Söllner, in der Art, mit dem Publikum umzugehen oder vom derben Humor zur Herzensangelegenheit zu springen. Josef Bauer war kein Rebell, aber die Rebellen mögen ihn.“

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2 Kommentare

    1. Liebe Birgit,
      vielen Dank, aber zuviel des Lobs, die ganze Geschichte ist es nicht, es steht schon noch etwas mehr drin im Buch 😉
      Und ja: wenn ein Revival Sinn machen würde, dann da ….
      Viele Grüße,
      Gerhard

      Gefällt mir

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