Reingelesen (25)

Joe R. Lansdale Gluthitze Suhrkamp Verlag

„Lansdale in Bestform: Texas ganz unten.“
(Die Zeit 02/2012, Krimizeit-Bestenliste Januar 2012)

„Irgendwelche Überhöhungen, symbolisch, metaphorisch, allegorisch, sind wahrlich nicht Lansdales Ding. Davor und vor schicken Exegesen schützt glücklicherweise der hohe Trash-Faktor.“
(Thomas Wörtche, KrimiMag, CULTurMAG)

„Für mich ist die Menschheit wie ein hungriger, schmarotzender Köter ohne Zuhause, der permanent über den Highway trottet, immer hin und her. Früher oder später erwischt ihn ein Auto.“
(Joe R. Lansdale, Gluthitze, Alle Spieler auf Position, Kapitel 35)

Joe R. Lansdale – Gluthitze (2013, Suhrkamp)
Lansdale schickt in diesem Kriminalroman mit dem gescheiterten Journalisten und Irak-Veteranen Cason Statler einen Hauptprotagonisten ins Rennen, der in seiner ganzen alkoholisierten Niedergeschlagenheit die personifizierte Kaputtheit eines verkommenen Kleinstadt-Amerika repräsentiert, unter dessen Oberfläche, wie so oft bei diesem Autor, ein widerwärtiges Konglomerat aus Rassismus, sexueller Obsession und kranker Gewalt lauert.
Statler heuert in seiner Heimatstadt Camp Rapture als Lokalredakteur an und öffnet durch Recherchen an einem alten Vermissten-Fall ein Höllentor. Erpressung und pathologische Gewaltphantasien sind die maßgeblichen Zutaten dieser Geschichte, von denen auch der Bruder Statlers sowie seine neue Liebe aus der Zeitungsredaktion nicht verschont bleiben.
Mit Hilfe seines völlig neben der Spur laufenden Irak-Kameraden Booger entwirrt der Journalist das Rätsel auf eigene Faust, nachdem sich die lokalen Polizeibehörden als völlig unfähig erweisen.

Der Irakkrieg findet Ausfluss in der vollumfänglichen Verrohung des Kriegskameraden, Lansdale brilliert hier – wie so oft – mit seiner ureigenen Mischung aus Trash, Noir, Horror, Gesellschaftskritik und des bei ihm nie zu kurz kommenden, mitunter an Geisteskrankheit grenzenden Irrsinns, der sich in geschilderten Folterpraktiken Boogers sowie der verstörenden Veranschaulichung diverser Morde des gejagten Bonnie-und-Clyde-Pärchens Caroline und Snitch seinen Weg bahnt.
Die Figur des Psychopathen Boogers ist wunderbar gezeichnet, der Leser darf teilhaben an Rachephantasien und Folterpraktiken, getreu der Maxime nach Bush und Rumsfeld: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“, die Moral ist in dem Fall nicht nur hinten runtergefallen, sie kommt in der Nummer schlichtweg erst gar nicht vor. Wenn der Wissensträger vor kaum zu ertragendem  Schmerz laut schreit, beginnt der Spaß.

„Bevor ich nach Camp Rapture kam, habe ich ein paar Tage bei ihm auf dem Schießstand verbracht und danach in seiner Bar. Und obwohl wir uns gut verstehen, ist es immer ein wenig riskant, wenn wir uns zusammentun. Eine gewisse Veränderung des Lichts, ein Furz, der in seine Richtung weht, und es kann sein, das er schneller vom rechten Pfad abkommt als ein Baptistenpfarrer in Las Vegas mit einer Packung gerippter Kondome und dem Kirchenvermögen in der Tasche.“
(Joe R. Lansdale, Gluthitze, Vorspiel, Kapitel 15)

Der mit absolut reichhaltig Ironie und Sprachwitz gespickte Krimi ist selbstredend nichts für literarische Feinschmecker, allein der Inhalt dürfte passionierten Schöngeist-Lyrik-Konsumenten den Tag verhageln, Leser, die eine Mixtur aus, sagen wir, Stephen King, Bukowski und Jim Thompson schätzen, sind mit diesem brillanten Crossover aus Trash und Splatter-Horror bestens bedient.
Das literarische Pendant zur ‚Muddy-Roots‚-Underground-Country-Musik von musikalisch-thematisch schwergewichtigen Erweckungspredigern vom Schlage eines Joe Buck Yourself oder den Reverends Deadeye, Beat-Man und Dad Horse Ottn.

Der Roman ist erstmals in deutscher Übersetzung im Jahr 2010 im Berliner Golkonda Verlag unter dem Titel Gauklersommer erschienen.

Der Texaner Joe R. Lansdale veröffentlicht seit Mitte der achtziger Jahre Romane und Kurzgeschichten. Neben der Kriminalliteratur ist er auch in den Genres Western und Horrorliteratur zugange. Vor kurzem ist im Heyne-Verlag in der Reihe ‚Heyne Hardcore‘ seine geniale Horror-Trash-Trilogie ‚Drive-In‘, eine Art ‚From Dusk Till Dawn‘ im Pulp-Fiction-Autokino, wiederaufgelegt worden.

„Hast Du auch einen richtigen Namen?“ fragte ich weiter.
„Gregore.“
„Was ist denn das für ein Scheißname?“ sagte Booger. „So heißen doch die Gehilfen von irgendwelchen buckligen Glöcknern, oder?“
„Das ist halt mein Name.“
„Tja, der ist echt das Letzte“, sagte Booger.
Und das von einem Mann, der den Namen Booger angenommen hatte. Ich wusste wirklich nicht, was ich davon halten sollte.
(Joe R. Lansdale, Gluthitze, Wettlauf mit der Zeit, Kapitel 40)

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