Reingehört (78)

Reingehört Sept 10

Low – Ones And Sixes (2015, Sub Pop)
Nie waren sie wertvoller: Das Slowcore-Trio um das Mormonen-Ehepaar Mimi Parker und Alan Sparhawk aus Duluth/Minnesota (Hometown von Bob dem Meister) liefert mit ‚Ones And Sixes‘ ihr bis dato reifstes Werk ab. Grundsätzlich immer wohlwollend beäugt, war ihr 2011er-Album ‚C’mon‘ (Sub Pop) bereits ein Riesenschritt in Richtung schwergewichtiger Wohlklang, und so brilliert die neue Scheibe nun endgültig mit ätherischem Ambient-Indie, der dieses Mal nicht nur gewohnt filigran, sondern auch durchgehend wunderschön, elegant und vor allem spannend tonal die großen Gefühle transportiert.
Schenkt man der Presse Glauben, war Sänger und Gitarrist Alan Sparhawk in den letzten Jahren von Depressionen geplagt, in diesem Umstand mag der musikalische und thematische Tiefgang der zwölf neuen Songs begründet liegen, die trotz herrlicher Melodienlandschaften ein unterschwelliges, bedrohliches Unbehagen mitschwingen lassen, die dräuende Schwermut bietet perfekten Schutz gegen die Kitsch-Gefahr.
Jede Menge legales Live-Bootleg-Material von Low findet sich im Übrigen bei nyctaper.com und archive.org.
Das Trio ist im Herbst in unseren Gefilden konzertant zugange, unter anderem am 19. Oktober im Münchner Ampere.
(*****)

Public Image Ltd. – What the World Needs Now… (2015, PiL Official Ltd / Cargo)
„Anger Is An Energy“, immer noch, beim guten alten Johnny Rotten. Zusammen mit Musikern wie dem ehemaligen Mekons-Mitstreiter Lu Edmonds und dem in Sachen Post-Punk bestens prädestinierten The-Pop-Group-Drummer Bruce Smith wütet, mault und schimpft sich John Lydon durch das aktuelle Songmaterial, das Anfangs in seinem radikalen Stakkato-Vortrag Reminiszenzen des großen Vorbilds an Epigonen wie die derzeit schwer angesagten Sleaford Mods erkennen lässt und im weiteren Verlauf zwischen typischen Post-Punk-Fisimatenten und für PiL-Verhältnisse geradezu hymnischen Indie-Pop-Exerzitien changiert.
An der ein oder anderen Stelle mag das neue Werk allzu retrospektiv daherkommen, und ein Meisterwerk wie seinerzeit die kultisch verehrte ‚Metal Box‘ (1979, Virgin Records) ist es beileibe nicht, aber gut ins Ohr geht es allemal…
Notiz am Rande: In der aktuellen September-Ausgabe des Fußball-Magazins 11Freunde schwadroniert John Lydon in seiner Funktion als jahrzehntelanger Arsenal-Anhänger über den Niedergang der Fan-Kultur in England und fragt sich, was er in einem Stadion verloren hat, in dem er nicht mehr stehen, geschweige denn fluchen noch rauchen darf und führt so die schöne neue Uli-H.-Fußballwelt vor Augen, die nur noch den mit dicker Brieftasche ausgestatteten Jubelperser im Blick hat und das Gekicke jeglicher ‚Street Credibility‘ beraubt, indem Stimmung per Tonband in der Arena eingespielt wird, weil der gemeine FCB-Konsument zwecks Kaviar-Verzehr beim Torjubel verhindert ist…
Anyway, zum Finger in solche Wunden legen, dafür ist der ex-Pistol allemal der Richtige.
(****)

Beirut – No No No (2015, 4AD / Beggars)
Nach 4 Jahren ein neues Werk der Indie-Folk-/Balkan-Pop-Institution Beirut aus Santa Fe/New Mexico unter der wie immer maßgebenden Führung von Kapellmeister Zach Condon, der dem Vernehmen nach in den letzen Jahren wenig Spaß ob Scheidung, Krankenhaus-Aufenthalten und abgebrochener Tourneen hatte.
Der Kosmopoliten-Pop früher Tage ist auf ‚No No No‘ auf das wesentliche reduziert, die neun Songs erscheinen als Skelette früherer, aufwändig arrangierter Balkan-Soundtracks, der Bläser- und Orchester-unterfütterte Übermut der ersten Südeuropa-Indie-Pop-Großtaten fehlt hier völlig, blanke Song-Gerippe in einem für Beirut-Verhältnisse fast minimalistischen Gewand mögen das Herz nicht recht erwärmen, und so ist in dem Fall der Griff zu altem Material wie dem klangfarbenfrohen ‚Gulag Orkestar‘-Debüt (2006, Da Da Bing) und der noch exzellenteren, im Reissue dazugepackten ‚Lon Gisland‘-EP von 2007 empfohlen.
Weniger ist oft mehr, heißt es mitunter. Mag im ein oder anderen Fall was für sich haben, bei der Nummer hätte etwas mehr Opulenz nicht geschadet und so ist es gut, dass der neue Beirut-Aufguss nach 29 Minuten sein erlösendes Ende findet. Latent belanglos.
(***)

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7 Kommentare

  1. Eine feine Auswahl, lieber Gerhard. Low sind über alle Zweifel erhaben…und das seit 20 Jahren. Sie wirken wie vertraute musikalische Freunde.
    Warum Johnny Rotten ein neues Album aufgenommen hat erschließt sich mir nicht. Es ist nicht wirklich schlecht, hat aber für mich keine Inspiration und wirkt lustlos. Und seine ehemaligen Mitspieler wie z.B Jah Wobble hatten auch keine Lust. Doch Musik ist bekanntlich Geschmacksache 🙂
    Beirut hatte ich aus den Augen verloren. Wenn ich daran zurück denke…wunderschöne Melodien. Das werde ich mir später noch in Ruhe anhören.
    Liebe Grüße,
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Stefan,
      danke und ja, sehe ich auch so hinsichtlich Low. Bezüglich der neuen PiL war ich recht angetan, die Besprechungen waren teilweise recht negativ, umso mehr hat es mich überrascht, dass ich schnell Zugang dazu fand. Die Vorgängerscheibe fand ich deutlich schwächer. Ich muss gestehen, ich hab mir die neue Scheibe schon öfter angehört, wie Du sagst, Geschmacksache … 😉
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

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