Reingelesen (26)

ICH_BIN_ZLATAN_IBRAHIMOVIC

„Du kannst einen Typen aus dem Ghetto holen, aber du holst niemals das Ghetto aus einem Typen“

„Man kan ta en kille fran Rosengård. Men man kan inte ta Rosengård fran en kille.“
(Zlatan Ibrahimović)

Zlatan Ibrahimović – Ich bin Zlatan Ibrahimović – Meine Geschichte erzählt von David Lagercrantz (2015, Piper)
Dass aus Schweden mitunter außergewöhnliche Menschen kommen, wissen wir spätestens seit den grandiosen Kinderbüchern von Astrid Lindgren: Einer der exzentrischsten, extrovertiertesten, bestbezahltesten und nicht zuletzt technisch brillantesten Profi-Fußballer der letzten Dekaden hat bereits im Laufe seiner aktiven Karriere seine Autobiografie zu Papier gebracht – Zlatan Ibrahimović, der schwedische Ausnahme-Kicker mit bosnischem Hintergrund, derzeit in Diensten des französischen Klassenprimus Paris Saint-Germain und mit seinen inzwischen fast 34 Lenzen immer noch Nationalstürmer des Svenska Fotbollförbundet, erzählt sein Leben unverblümt, mit vollem Einsatz, mitunter aggressiv und zupackend, so wie man ihn auf den Spielfeldern der großen Stadien dieser Welt kennengelernt hat, lediglich hinsichtlich technischer Brillanz, die er als Fußballer an den Tag legt, mangelt es dem vorliegenden Schmöcker mitunter massiv, Hochliteratur für Thomas-Mann-Fans ist das keine, was uns der Bolzplatz-Heroe hier serviert.

Ibrahimović berichtet ungeschönt über seine Kindheit und Jugend im hauptsächlich von Migranten bevölkerten Malmöer Problemviertel Rosengård, die geprägt war von der Trennung seiner Eltern, Drogenproblemen der Geschwister und kleinkriminellem Freundeskreis.

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„Während die anderen schon von Anfang an die neuesten Fußballstiefel von Adidas und Puma aus Känguruleder trugen, hatte ich meine Schuhe beim Discounter für rund zehn Euro gekauft, wo sie direkt neben den Tomaten und dem Gemüse gelegen hatten. Ich hatte in der Hinsicht nie etwas, womit ich Eindruck machen konnte.
(…) Im MBI standen die Väter der Schweden am Spielfeldrand und riefen: ‚Gut gemacht, Jungs. Los, weiter so!‘
Bei Balkan hieß es eher: ‚Ich fick deine Mutter von hinten!‘ Es waren verrückte Jugoslawen, die Kette rauchten und mit Schuhen um sich warfen, und ich dachte: Wunderbar, genau wie zu Hause.“
(Zlatan Ibrahimović, Ich bin Zlatan Ibrahimović, Kapitel 3)

Erste Gehversuche im Fußball unternahm der junge Zlatan bei Malmö Anadolu BI und FBK Balkan, einem überwiegend von Spielern aus Ex-Jugoslawien geprägten Verein, ehe er 1995 in der Jugendabteilung des schwedischen Erstligisten Malmö FF landete, in der er nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Trainern, Mitspielern und deren Eltern aus der schwedischen Upper-Class zum Stammspieler reifte und 1999 sein Profidebüt in der ersten Mannschaft gab, der er auch nach zwischenzeitlichem Abstieg des Clubs in die zweite Liga angehörte.
Mit viel Tamtam, unschönen Auseinandersetzungen und mit knallharten Gehaltsforderungen begleitet – ein Brimborium, das sich in seiner steilen Karriere noch des Öfteren wiederholen sollte – wechselte er für 7.8 Millionen Euro und damit als zu der Zeit teuerster Spieler Schwedens zum niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam, wo er nach Problemen mit Trainer Co Adriaanse unter dessen Nachfolger Ronald Koeman zum Stammspieler avancierte, zum Weltklasse-Spieler reifte, sein Champions-League-Debüt gab und in seinen drei Jahren in Holland, auch dank seiner Tore, zwei nationale Meisterschaften feiern konnte.
Nach persönlichem Hickhack mit dem holländischen Mittelfeld-Star Rafael van der Vaart brach Ibrahimović 2004 seine Zelte in Amsterdam ab und wechselte nach Italien zur alten Dame Juve, hier holte er mit dem Verein die beiden posthum im Rahmen des italienischen Fußball-Skandals aberkannten Meistertitel, nach dem Zwangsabstieg der Turiner zog er weiter zu Inter nach Mailand, für den Verein erzielte er in 88 Pflichtspielen sensationelle 57 Tore und hatte damit maßgeblichen Anteil an drei Meisterschaften für Inter in Folge, nachdem der Verein seit 1989 keinen Scudetto mehr gewinnen konnte.
Ende 2008 war Ibrahimović mit einer Jahresgage von 13.5 Millionen Euro der bestbezahlte Fußballer der Welt. Obwohl er seinen Vertrag bei den Lombarden bis 2013 verlängerte und seit 2008 mit José Mourinho einen von ihm hochgelobten Trainer als Mentor an seiner Seite hatte, suchte er beim FC Barcelona eine neue Herausforderung, der Wechsel, von wochenlangem Gezerre, unschönen Statements, weiteren Rekordablösesummen und millionenschweren Verträgen begleitet, sollte sich für Ibrahimović als schwerer Fehler erweisen, bei den Katalanen traf er auf seine persönliche Nemesis Pep Guardiola, dem er als Trainer jegliche Kompetenz im Umgang mit starken Spieler-Persönlichkeiten abspricht. In der aktuellen 11FREUNDE-Sonderausgabe ‚Erzrivalen‘ wird er im Beitrag „Messi – Der Feind in meinem Team“ wie folgt zitiert: „Er hat mich für Lionel Messi geopfert. Und er hatte nicht den Mut, mir das zu sagen. Messi ist ein brillanter Spieler, gar keine Frage, aber ich habe mehr Tore erzielt als er. Messi hat sich bei Guardiola beschwert, und das ist ein Problem.“

„Ich glaube, dass der Junge starken Persönlichkeiten nicht gewachsen ist. Er will nette Schuljungen haben, und noch schlimmer: Er läuft vor seinen Problemen davon. Er schafft es nicht, ihnen in die Augen zu sehen, und das machte alles nur noch schlimmer.
(…)
Der Preis war, dass die großen Persönlichkeiten weggejagt wurden. Es war kein Zufall, dass der Mann Probleme mit Spielern wie Ronaldinho, Deco, Eto’o, Henry und mir gehabt hatte. Wir sind keine ‚gewöhnlichen Jungen‘. Wir haben ihn bedroht, und da versuchte er, uns loszuwerden, so einfach ist es, und ich hasse so etwas.“
(Zlatan Ibrahimović über Pep Guardiola)

Mit Riesenverlust reichte Barça den Schweden nach nur einem Jahr an den AC Mailand weiter, wo er 2011 die italienische Meisterschaft feiern konnte und mit 42 Toren in 60 Pflichtspielen erneut eine herausragende Trefferquote erreichte.
Hier endet die Biografie, der Wechsel nach Paris zu PSG und die französischen Meisterschaften werden von Ibracadabra möglicherweise irgendwann in einem Fortsetzungsband zu dieser launigen Biografie erzählt, in der viele Begebenheiten, Typen oder Spielszenen nicht weiter analysiert, vielmehr pauschal als „krass“ und die Macher speziell in der Fußball-Welt als „Big Shots“ bezeichnet werden. Hier mag das große Manko des Buches liegen, obwohl unterhaltsam zu lesen, macht es sich der extrovertierte Ibrahimović an vielen Stellen zu einfach mit der Analyse seiner komplexen und mitunter aggressiven Persönlichkeit, wenn Mitspieler oder Funktionäre den Kicker als arrogant und unbeherrscht empfinden, bleibt das in erster Linie deren Problem, das übergroße Ego des Superstars lässt kaum andere Schlüsse zu. Wie auf dem Spielfeld liebt der Star auch hier die langen Laufwege nicht und so wird bei Erklärungsversuchen, wenn überhaupt, der Turbo in Referenz zu seiner Liebe zu den schnellen Autos angestartet…
Selten gingen Rüpelhaftigkeit und fehlende Empathie gegenüber dem sozialen Umfeld und technische Brillanz bei einem Kicker mehr Hand in Hand als bei Zlatan Ibrahimović, und schenkt man der Biografie Glauben, ist das für den Protagonisten in der Form auch völlig akzeptabel und zementiert so seine Rolle als gesellschaftlicher Aussenseiter, die er seit frühester Kindheit mit Leben füllte – das nicht zu knappe Waschen schmutziger Wäsche im Rahmen des Buches dürfte ihr Übriges dazu tun.

„Materazzi war 34. Er hatte Routine, er hatte entscheidend zum Gewinn einer WM beigetragen. Aber er schoss den Elfmeter schlecht. Der Torwart rettete, und die Zuschauer schrien vor Schmerz und Zorn. Ihr könnt es euch vorstellen. Es war ein Gefühl total Ohnmacht, und sicher, wenn einer damit umgehen konnte, dann war es wohl Materazzi. Er ist wie ich. Er wird von Hass und Rachegelüsten angespornt.“
(Zlatan Ibrahimović, Ich bin Zlatan Ibrahimović, Kapitel 18)

Umfassend dokumentiert das Buch seine Abneigung gegen polarisierende Alpha-Tiere der internationalen Fußball-Szene wie eben Pep Guardiola oder den niederländischen Trainer Louis van Gaal, der zu Ibrahimović‘ Zeit bei Ajax den Posten des Technischen Direktors bekleidete und demgegenüber der Schwede jeglichen Respekt fehlen lässt: „Hör mal, Meister, du hast mir gar nichts zu sagen – geh in dein Büro und schreib Briefe.“
Einen Geistesverwandten findet er in dem von ihm in höchsten Tönen gelobten portugiesischen Trainer-Exzentriker José Mourinho, über den der spanische Schriftsteller Javier Marais kürzlich im 11FREUNDE-Interview zur Champions-League-Sonderausgabe anmerkte: „Real Madrid war eine noble Mannschaft, Mourinho machte aus ihr eine unehrenhafte. Real Madrid stand für Fair Play, Mourinhos Mannschaft für Foul Play. Real Madrids Trainer waren wohlerzogene Lehrer, die das Lob an ihre Mannschaft weitergaben, Mourinho war schlecht erzogen und bezog alles Lob auf sich.“

„Bitte nennen Sie mich nicht arrogant, aber ich bin Champions-League-Sieger und jemand Besonderes.“
(José Mourinho)

Der bundesdeutsche Liga-Betrieb hat einiges an schrägen Figuren wie das Pähler Watschengesicht oder den Schwarzfahrer aus Dortmund am Start, den Glamour, den Glanz und den Hybris-getriebenen Pop-Star-Status eines Zlatan Ibrahimović werden sie nie auch nur annähernd erreichen. Ob das bedauerlich ist, mag der Leser bei Lektüre dieser ungeschönten Biografie selbst entscheiden.

Weit von einer literarischen Glanzleistung entfernt, liest sich die Lebensbeichte doch erstaunlich flüssig und gibt viel preis über das Geschäftsgebaren, die Söldner-Mentalität, den auf die Spitze getriebenen Kapitalismus in der Welt des runden Leders, das Raubtier-Verhalten und die charakterlichen Eigenschaften/Defizite berühmter Protagonisten und bietet damit letztendlich ein beachtenswertes Sittengemälde des Profifußball-Haifischbeckens.

Begleitet und in lesbare Form gebracht wurde die Rückschau durch den schwedischen Autor und Journalisten David Lagercrantz, der derzeit bei Krimi-Fans mit dem – glaubt man der Fachpresse fatal gescheiterten – Fortschreiben der hanebüchenen und mehrfach verfilmten ‚Millennium-Trilogie‘ des 2004 verstorbenen Schriftstellers Stieg Larsson in aller Munde ist.

Übertragen ins Deutsche wurde der Schmöker aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt, dem renommierten Übersetzer von skandinavischen Krimi-Schwergewichten wie Henning Mankell oder Arne Dahl, die Arbeit wurde ihm von seinem Freund, dem schwedischen Autor und bekennenden Ibrahimović-Fan Per Olov Enquist dringend ans Herz gelegt.

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Verwendung des Fotos aus dem aktuellen 11FREUNDE-Sonderheft „Erzrivalen“ mit freundlicher Genehmigung von 11FREUNDE / Getty Images.

8 Kommentare

    1. Er hat es im Buch mehrfach angedeutet: dann würde er wohl heute noch in Malmö Supermärkte ausräumen oder Schlimmeres…
      Manchmal ist der Sport schon ein Segen, damit solche Gesellen weg sind von der Straße.

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  1. Endlich – DIE Idee, was ich meinem Mann schenken kann :D Bei Ibrahimović verhält es sich ja nicht viel anders als bei einem Kahn oder, ein bisschen extremer, Typen wie „Gazza“: Genau diese Art von Charakter landet entweder ganz unten oder ganz oben (in manchen Lebensläufen findet sich da natürlich beides) – dazwischen funktionieren sie einfach nicht.

    Gefällt 1 Person

    1. Das kann man durchaus so stehen lassen ;-) Falls Du ein Fußball-Buch für Deinen Mann suchst, kann ich Dir auch „Damned United“ von David Peace empfehlen (der, der auch das geniale Red-Riding Quartet geschrieben hat), großes Leeds United/Brian Clough-Shakespeare-Drama.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

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