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Frederick_Forsyth_Das_vierte_Protokoll_Piper_Verlag

„Das war jedoch nicht das Schlimmste; innerhalb von sieben Jahren nach seiner Ankunft hatte er seine letzten politischen Illusionen verloren. Alles war Lüge, und er war klug genug gewesen, dahinterzukommen. Er hatte seine Jugend und sein Mannesalter damit verbracht, einer Lüge zu dienen, für eine Lüge zu lügen, für eine Lüge zu verraten, er hatte dieses „grüne und angenehme Land“ verlassen, alles für eine Lüge.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Erster Teil, 1. Kapitel)

Frederick Forsyth – Das vierte Protokoll (2013, Piper Verlag, deutsche Erstausgabe 1984)

Polit-kriminalistisches Old-School-Entertainment vom englischen Agententhriller-Schwergewicht Frederick Forsyth, der vor allem dank seiner beiden herausragenden Frühwerke „Der Schakal“ über ein geplantes De-Gaulle-Attentat und „Die Akte Odessa“ über die NS-Vergangenheits-Aufarbeitung und Nazi-Seilschaften in der deutschen Nachkriegs-Wirtschaft  zu verdientem Weltruhm gelangte.
Forsyth, der nach eigenen Angaben selbst über gut 20 Jahre als Agent für den britischen Geheimdienst MI6 tätig war, unter anderem in der DDR und der damaligen nigerianischen Bürgerkriegs-Region Biafra, ist als Autor wie kaum ein anderer prädestiniert für einen Roman wie „Das vierte Protokoll“, dessen Titel auf vier fiktiven Zusatzprotokollen zum 1968 von der Sowjetunion, den USA und Großbritannien unterzeichneten Atomwaffensperrvertrag basiert, der das Verbot der Verbreitung und die Verpflichtung zur Abrüstung von Kernwaffen sowie das Recht auf die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie beinhaltet.

„Die Straßen waren um diese Tageszeit und bei dem heftigen Schneetreiben von dahinkriechenden Autos verstopft, aber der Tschaika mit dem MOC-Nummernschild war auf der Innenspur dahingerast, der für die Wlasti reserviert war, die Elite, die Stützen jener Gesellschaft, die Marx sich als klassenlos erträumt hatte: einer starr strukturierten Gesellschaft, in Schichten und Kasten eingeteilt, wie es nur eine riesige durch und durch bürokratische Hierarchie sein kann.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Erster Teil, 5. Kapitel)

Die lesenswerte Story beginnt mit einem Juwelenraub in einer Londoner Nobelwohnung, in diesem Zusammenhang fallen dem Dieb unverhofft politisch brisante Geheimdokumente in die Hände, die er anonym an den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 weiterleitet und damit eine Chronologie an politischen Skandalen, Agenten-Enttarnungen und ein Ringen um Macht und Führungsposten im Shakespeare’schen Sinne auslöst. Im weiteren Verlauf entspinnt sich eine komplexe Handlung um politische Intrigen auch im Verhältnis der Geheimdienste untereinander, Unterwanderung des Vereinigten Königreichs durch sowjetische Spionage und den Versuch der Russen, die anstehenden Parlamentswahlen mittels Sabotage zugunsten der oppositionellen Labour-Party unter Neil Kinnock zu manipulieren, die Partei stand im Übrigen Mitte der achtziger Jahre auch in der Realität sehr weit links, im Roman sollte sie von Moskau-treuen Marxisten übernommen werden, welche im Falle eines Wahlsiegs die einseitige Abrüstung und die Kündigung der Partnerschaft mit der NATO und den Vereinigten Staaten in die Wege leiten sollten.
Die Fäden werden von einem fiktiven russischen KPdSU-Parteichef gezogen, der in der Nachfolge Konstantin Tschernenkos im Buch namenlos bleibt, beraten wird er vom real existierenden britischen Doppelagenten Kim Philby, auf den auch John le Carré wiederholt in seinen komplexen Spionage-Romanen referenziert, Philby zeichnet im sowjetischen Exil das Bild einer instabilen britischen Demokratie und animiert somit den Staats- und Parteichef zum Handeln. Intrigante politische Ränkespiele bleiben auch im Sowjet-Reich nicht aus, nachdem General Karpow, seines Zeichens Chef der Abteilung für illegale Operationen des KGB, erfährt, dass seine Abteilung bei den Plänen zur Unterwanderung der britischen Linken völlig außen vor bleibt.

„Doch im Laufe der Zeit war Karpow aufgestiegen, während Philby abgefallen war. Er hatte beobachtet, wie aus dem englischen Renegaten ein versoffenes Wrack wurde. Seit 1951 war Philby nicht mehr an englische Geheimdokumente herangekommen, abgesehen von denen, die der KGB ihm zustellte. Er hatte Großbritannien 1955 verlassen, um nach Beirut zu gehen, und war seit seinem endgültigen Absprung 1963 nie wieder im Westen gewesen. Vierundzwanzig Jahre. Karpow schätze, dass er jetzt der bessere Englandkenner war.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Zweiter Teil, 5. Kapitel)

Wie so oft bei Forsyth sind bestimmte Abläufe im Handlungsstrang früher oder später absehbar, der Leser ist aber nie gefeit vor überraschenden Wendungen, und so entwirrt sich das komplizierte Geflecht um Agenten und verdeckte Aktionen buchstäblich erst auf der letzten Seite, mehr soll hierzu zwecks Erhalt der Spannung selbstredend nicht verraten sein.

Frederick Forsyth besticht einmal mehr in diesem inzwischen über dreißig Jahre alten Roman mit detailliertem Fachwissen, grundsolider historischer, geographischer und (geo-)politischer Recherche, dem gründlichen Ausleuchten der Handlungsalternativen, Befindlichkeiten und Gefühlswelten seiner Protagonisten und einem gleichzeitig spannungsgeladenen und nüchternen Erzähl-Stil, der Geschichten – auch in den Seitensträngen – zur finalen Auflösung bringt, Gedanken zu Ende denkt und somit im Gegensatz zu vielen neueren Autoren eine narrative Sorgfalt und ein umfassendes thematisches Bearbeiten an den Tag legt, das wie bei so vielen seiner anderen hervorragenden Romane Respekt verlangt.
Blog-Kollege Gerhard Mersmann hat in seiner kürzlich veröffentlichten, lesenswerten Besprechung des Romans „The Son“ von Philipp Meyer folgenden schönen Satz geschrieben, ich zitiere: „Philipp Meyer ist mit diesem Roman etwas gelungen, das kaum noch gelingen mag in einer Zeit, in der die kurze Zeichnung das zu sein scheint, was das Gros der Leserschaft noch bereit ist zu akzeptieren und in der die schreibende Zunft den Atem verloren hat, die großen Geschichten bis zu Ende zu erzählen.“
Dieses Statement hinsichtlich Zu-Ende-Erzählen der großen Geschichten kann man uneingeschränkt als Lob für „Das vierte Protokoll“ von Frederick Forsyth übernehmen.

„Brian Harcourt-Smith war das Produkt einer sehr unbedeutenden Privatschule und litt unter einer beträchtlichen und völlig unnötigen Verbitterung. Hinter der glatten Fassade steckte ein gewaltiges Haßpotential. Von Jugend an haßte er die scheinbare Mühelosigkeit, mit der die Männer um ihn herum mit dem Leben fertig wurden. Er haßte ihr unübersehbares dichtgeflochtenes Netz von Beziehungen und Freundschaften, das oft schon in der Schulzeit, an der Universität oder beim Militär geknüpft worden war und auf das sie jederzeit zurückgreifen konnten. Man nannte es das „Netz der alten Knaben“ oder auch den „magischen Zirkel“, und am meisten haßte er, dass er nicht dazugehörte.“
(Frederick Forsyth, Das vierte Protokoll, Erster Teil, 5. Kapitel)

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