Reingehört (87)

DEAD MOON NIGHTS

Dead Moon – Tales From The Grease Trap, Vol. 1: Live At Satyricon (2015, Voodoo Doughnut Recordings / Broken Silence)
Irgendwann Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre spielte die Alternative-/Powerpop-Combo The Lemonheads um den Gram-Parsons-Wiedergänger Evan Dando in der Münchner Theaterfabrik ein Konzert und beging in dem Zusammenhang den schwerwiegenden Fehler, neben einer längst wieder vergessenen griechischen Punk-Band die Garagen-Trash-Kapelle Dead Moon das Vorprogramm bestreiten zu lassen, nach dem Auftritt des Trios aus Portland/Oregon interessierte sich für die Zitronenköpfe im Saal kaum mehr jemand.
Was das Ehepaar Toody und Frank Cole an Bass, Gitarre und Gesang mit Hilfe ihres kongenialen Begleiters Andrew Loomis und seines an den vordersten Bühnenrand gerückten Schlagwerks inklusive der obligatorischen brennenden Kerze auf der umgedrehten Jack-Daniels-Flasche veranstalteten, lies so manchem Konzertbesucher an dem Abend die Kinnlade vor Erstaunen herunterfallen, selten wurde der geneigte Konzertbesucher mit mehr Bühnenpräsenz, energetischem Gitarrentrash, Sympathie für das Publikum und beseeltem Vortrag des durchweg exzellenten Songmaterials von der ersten Sekunde an überfallen.
Rick Blaine meinte nach dem Konzert lakonisch: „I think this is the beginning of a beautiful friendship“, und so haben wir mindestens im folgenden Jahrzehnt kein Münchner Dead-Moon-Konzert hintengelassen, die Band tourte dankenswerter Weise jährlich fleißig durch die Republik (Toody Cole: „Genau wegen solchen Typen wie dir kommen wir ja immer wieder ;-))), und so waren uns noch viele unvergessliche Abende beschieden, an denen Frau Cole ihr Wolfsgrinsen grinste, Andrew Loomis schweißgebadet das Drumkit malträtierte und der mit dem Toten Mond auf der Backe tätowierte Fred Cole seine Gitarrentrash-Riffs locker aus der Hüfte schoss und seine Songs in einer Art kreischte, die Sänger aus dieser Liga wie etwa einen Bon Scott im Nachgang ganz blass aussehen ließen.
Ein guter Freund bringt in der Rückschau immer wieder ein gesteckt volles Substanz-Konzert ins Spiel, dass in seiner Erinnerung sagenhafte, Grateful-Dead-Konzert-verdächtige vier Stunden gedauert haben soll, an derart lange Spielzeiten mag ich mich nicht erinnern, mehrere Stunden dauerte das Spektakel ob ausgeprägter Spiellaune der Band indes oft allemal – aber wie pflegen die Alt-Hippies an der Stelle einzuwenden: „Wer sich erinnert, ist nicht dabeigewesen…“ ;-)))

Einem breiteren Publikum wurde die Band in späteren Jahren durch die Pearl-Jam-Version des DM-Klassikers „It’s OK“ bekannt, Eddie Vedder ist ein großer Fan des Trios.
Dead Moon löste sich nach Ausstieg des Drummers Loomis im Dezember 2006 auf, das Ehepaar Cole betreibt derzeit in Oregon den Tombstone General Store und tritt sporadisch mit dem Drummer Kelly Halliburton unter dem Namen Pierced Arrow auf, einer Band, die leider auch nicht nur annähend die Genialität der Vorgängerformation erreicht.

Nun erschien mit ‚Live At Satyricon‘ ein mustergültiger Konzert-Mitschnitt der Combo, die im übrigen alle ihre CDs und LPs selbst und in klassischem Mono veröffentlichte beziehungsweise in Eigenregie die Auslandslizenzen vergab. Das Konzert wurde in einer Musik-Kneipe in Portland im April 1993 aufgezeichnet, dementsprechend viele frühe Konzertklassiker wie „Dead Moon Night“, „Don’t Burn the Fires“, „Dagger Moon“, „D.O.A.“, „Parchment Farm“ oder „Johnny’s Got A Gun“ erklingen in ihrer mit Punkenergie, Country und 13th-Floor-Elevators-Psychedelic durchwirkten Garagenrock-Pracht, hinsichtlich Güte und Intensität des Vortrags, Aufnahmequalität und Suchtfaktor steht die Veröffentlichung dem ‚Live Evil‘-Klassiker aus dem Jahr 1991 (Tombstone / Music Maniac Records) in nichts nach.
Wer von den Trash-Giganten aus Oregon noch nichts im Giftschrank stehen hat, greife hier beherzt zu. Und wer sich in der Bandgeschichte weiter vertiefen will, dem sei die hervorragende DVD-Dokumentation „Unknown Passage: The Dead Moon Story“ aus dem Jahr 2006 schwer ans Herz gelegt.
It’s OK!
(*****)

„It’s OK“ von Pearl Jam, in English & en Español: guckst Du hier.

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6 Kommentare

  1. Lieber Gerhard, das verschönert jetzt meinen Samstag noch zusätzlich! Über den guten Eddie Vedder bin ich auch mal irgendwann über Dead Moon gestolpert, aber kam wieder drüberhin – schön, dass Du die hier mal vorstellst. Liebe Grüße, Sonja

    Gefällt 1 Person

  2. oh ja, das ein oder andere Dead Moon Konzert habe ich auch noch in bester Erinnerung, wie es der Zufall will, lag „Live Evil“ noch vor 3Wochen auf dem Plattenteller 🙂
    Was mich aber nun verwundert….laut songkick spielen die auch immer noch als Dead Moon auf:
    http://www.songkick.com/artists/375181-dead-moon/gigography

    aber leider:
    „It is with sadness that due to unforeseen health issues, Andrew Loomis is no longer able to take part in the upcoming scheduled Dead Moon shows. However, with Andrew’s blessing, Kelly Halliburton, drummer for Pierced Arrows, will be joining Dead Moon onstage for these performances. As it stands today, we plan to follow through with all scheduled DM shows. Hope to see you there. Fred & Toody“

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deine Anmerkungen – Schau einer an, haben sie es wieder unter dem alten Namen gepackt. Das Dead-Moon-Material war auch immer um Längen besser als das Zeug, das sie als Pierced Arrow rausbrachten. Sehr schade, dass Andrew Loomis außer Gefecht ist, hoffentlich wird er wieder. Das wär ja was, wenn die nochmal in Originalbesetzung hier aufschlagen würden.
      Viele Grüße,
      Gerhard

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