The Handsome Family + pourElise @ Ampere, München, 2015-09-29

Bevor am Dienstagabend die Handsome Family Ernst machte mit American Gothic in Moll, wurde der Saal des Ampere im Vorprogramm bespielt von der Münchner Formation pourElise, die sich zu dem Anlass zusammensetzte aus der Songwriterin Henny Gröblehner und dem Kontrabassisten Hannes Oberauer, der die Sängerin einfühlsam-gekonnt begleitete.
Da wächst was heran: War ich beim letzten erlebten Auftritt der Musikerin im KAP37, die seinerzeit mit Harmoniegesang von ihrer Schwester Johanna begleitet wurde, absolut ratlos hinsichtlich der gefühlsbetonten, deutschsprachigen Folksongs, die sich so gar nicht in meinem Musikkosmos einnisten wollten, zeigte sich das Duo am Dienstag Abend deutlich ausgereifter hinsichtlich Instrumentierung, Raffinesse der Songs, musikalischem Tiefgang und internationalem Flair des Vortrags.
Der Piano- und Akustikgitarren-dominierte, an George Winston, Tori Amos und Norah Jones gemahnende Folk-Wohlklang wurde vom wunderschönen Gesang der Sängerin getragen, er forderte Aufmerksamkeit beim Zuhörer und bekam diesen auch andächtig und konzentriert lauschend von einem Publikum, das in dem Rahmen tendenziell gerne mal bei Bier und freudiger Erwartung auf den Hauptact in den Vortrag hineinkommuniziert, allein dies zeugt von der Qualität des halbstündigen Konzerts, das am Ende wohlverdient kräftig und mehr als artig beklatscht wurde.
(*** ½ – ****)

pourElise / Homepage

„Enter the dark forest of The Handsome Family.“ Vor über 20 Jahren zog The-Almost-Boheme-Mastermind k.ill das sensationell gute Handsome-Family-Debüt-Album ‚Odessa‘ (1994, Carrot Top) aus dem Hut, seitdem begleitet mich die Musik des Americana-/Alternative-Country-Ehepaars Rennie und Brett Sparks aus Chicago/Illinois wie ein guter Freund, zum letzten Mal durften wir sie in München live erleben im Clubzwei, als die heutigen Konzertveranstalter noch eine feste Bleibe unter ihrem Namen in der Kirchenstraße hinterm Ostbahnhof hatten, das dürfte inzwischen auch schon wieder an die 15 Jahre her sein, um so größer war selbstredend die Freude, als das Klienicum bereits im Sommer ankündigte, dass die Band, verstärkt durch einen dritten Mann an den Drums, im Herbst endlich wieder den Weg über den großen Teich zurück ins alte Europa finden würde.
Was heute an Themen wie Mord, Totschlag, Umgang mit berauschenden Substanzen und den Unbilden des Lebens am unteren Ende der sozialen Leiter seine in Songs gegossene Renaissance bei Muddy-Roots-Musikern wie Reverend Deadeye, Delaney Davidson und anderen Größen dieses Genres erfährt, war in den gespenstischen, aus dem Leben gegriffenen Moritaten der Handsome Family in den letzten Dekaden immer präsent, gepaart mit ihrer seelenvollen Spielart von Bluegrass-beeinflusstem Alternative Country/Americana repräsentiert die Combo the best of both worlds wie kaum eine andere, und so muss nicht weiter betont werden, dass die von Rennie Sparks in ihrer unnachahmlich charmant-morbiden Art anmoderierten Klassiker wie „Arlene“ vom Debüt-Album, „The Sad Milkmen“, „The Dutch Boy“, „Weightless Again“ oder die aus dem Fauna-in-der-freien-Wildbahn-Konzeptalbum ‚Wilderness‘ (2013, Carrot Top) stammende Nummer „Frogs“ beim Publikum auf dankbarste Aufnahme stießen.
„Far From Any Road“, das inzwischen einem größeren Fernsehpublikum bekannte, weniger von obsessiven Cops als vielmehr von Peyote-Missbrauch handelnde Titelstück der ersten Staffel der herausragenden HBO-Serie ‚True Detective‘, durfte keinesfalls fehlen und auch auf den aus dem Publikum herangetragenen Hörerwunsch „Please play Tesla“ ging die Band ein, abweichend von der Setlist kam eine wunderbar ergreifende Version der ‚Last Days Of Wonder‘-Nummer „Tesla’s Hotel Room“ über den 1943 in einem New Yorker Hotel verstorbenen serbischen Erfinder Nikola Tesla, einem in der amerikanischen Popularkultur präsenten, marottenbehafteten „mad scientist“, zum Vortrag, über Tesla merkte Rennie Sparks an, in seinen letzten Lebensjahren wäre er mit einem Pinguin verheiratet gewesen, der Wahrheitsgehalt der Aussage ist zweifelhaft, schätzungsweise…
Der schweren Erkältung der Songschreiberin geschuldet, blieben einige Nummern der Setlist wie „Don’t Be Scared“ und „When That Helicopter Comes“ ungespielt, beide von der 2000er-Preziose ‚In the Air‘ (Carrot Top / Loose Music), die das britische Musikmagazin Uncut nicht ohne Grund zu den wichtigsten Veröffentlichungen des 21. Jahrhunderts zählt. Und so war nach einer guten Stunde bedauerlicherweise Schluss mit einem hervorragenden Handsome-Family-Konzert, dass erwartungsgemäß an finsteren Lyrics und der ganzen melodischen Pracht des Alternative Country inklusive skurriler Geschichten aus dem Leben der Band nichts zu wünschen übrig lies, vom massiven Hustenanfall Rennie Sparks‘ beeinträchtigt gab die Spielfreude der Band schlicht und ergreifend nicht mehr her.
Für die restlichen Konzerte der Europa-Tournee im Oktober in den Niederlanden, Frankreich und Italien sei gute Besserung gewünscht, verbunden mit der Hoffnung auf eine wesentlich kürzere Wartezeit auf den nächsten Münchner Handsome-Family-Auftritt.
Den Kalauer des Abends lieferte Rennie Sparks schwarzhumorigst-morbide bezüglich des Geheimnises ihrer seit weit über 20 Jahren intakten Partnerschaft: „Writing Songs about killing People kept us together.“ So simpel kann Eheberatung laufen…
Ein verbaler Seitenhieb auf den Gatten durfte trotz allem nicht fehlen, im Nachgang zum Konzert erläuterte die gute Rennie am Bühnenrand den Interessierten ihre Ukulelen-artige Akustikbass-Gitarre, zur Plastiksaiten-Bespannung des Instruments meinte sie lakonisch: „My Husband didn’t like it so I love it even more.“
The Handsome Family: Der perfekte Soundtrack zu den Hardboiled-Romanen von Jim Thompson und Donald Ray Pollock und damit wie diese zeitlos und essenziell.
(*****)

The Handsome Family / Homepage

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