Spitzenprodukte der Popularmusik (8)

Motor Boys Motor – Motor Boys Motor (1982, Albion Records)
Der geniale Experimental-Blueser und Zappa-Spezi Don Van Vliet aka Captain Beefheart hat zusammen mit seiner Magic Band einige der wichtigsten Platten in der Historie der Rockmusik eingespielt, im Gegensatz zu seinen oft mit dem Werk von Franz Kline verglichenen Gemälden spülte sein avantgardistischer Bluesrock-Ansatz nicht das große Geld in die Kassen, der Einfluss seiner Musik war/ist indes nicht zu unterschätzen, und so reichte er in den frühen achtziger Jahren unter anderem vom fernen Kalifornien ins United Kingdom nach London.
Die englische Pubrock-/Hardblues-Band Motor Boys Motor nahm den Stab auf, kurioserweise im selben Jahr, in dem der Captain mit dem exzellenten Tonträger ‚Ice Cream For Crow‘ (Virgin Records) seine letzte reguläre LP veröffentlichte. Über das Albion-Label brachte das Quartett 1982 ihr schwer vom Beefheart-Blues geprägtes Debütalbum unter die Leute, dass unter diesem Bandnamen das einzige bleiben sollte.
Den Namen der Band entliehen die Musiker einem Song von Joe Strummers erster Pub-Rock-Combo The 101ers.

Mit „Drive Friendly“ eröffnet der gewichtige Hardblues-Brocken, Gitarrist Bill Carter lässt hier unvermittelt seinen rhythmischen, harten, Feedback-durchwirkten Bluesrock auf den Hörer einprasseln, die zupackende elektrische Slide-Gitarre, gepaart mit dem Stakkato-artigen, mitunter an gebellte Parolen erinnernden Sprechgesang Tony Moons gibt von der ersten Sekunde die intensive Gangart vor, mit der sich das Album im weiteren Verlauf durch die insgesamt zehn Hard-Blues-Perlen rumpeln/mäandern wird.
Mit der Maultrommel kommt sporadisch ein Instrument zum Einsatz, dass nicht nur im Bluesrock sehr selten angestimmt wird, den Hörgenuss steigert das Blechteil in Punkto anregende Irritation durchaus.
Wie auf dem Stück „Hooves“ hören wir vermehrt schwer stampfende Gitarrenrock-Riffs, die auch den frühen Blues-/Hardrock-Bastarden Led Zeppelins zur Ehre gereicht hätten.
Der später von einem Teil der Combo unter dem neuen Band-Namen The Screaming Blue Messiah aufgenommene Indie-Hit „I Wanna Be a Flintstone“ erklingt hier in einer ersten Roh-Fassung unter dem Titel „Here Come The Flintstones“, das Potential zum Indie-Kneipen-Gassenhauer ist auch in der ersten Version unüberhörbar.
Den Schlusspunkt von Seite 1 setzt das abgebrühte „Clean Shirt And A Shave“, das Stück ist der letzte Freund, der Dir am Morgen nach einer durchzechten Nacht verbleibt.
Seite 2 beginnt mit „Sacred Pie“, einer Art Akustik-Skiffle-/Schepper-Blues zum Durchatmen, „Little Boy And Fat Man“ ist reiner Beefheart in seiner Gitarren-Wah-Wah-Kakophonie, mit Sinn für das große Drama und garniert mit abgehackten Gitarren-Stakkatos und Sirenen-artigen Soli, „One Down, One Down“ und „Claw Boys Claw“ bieten erneut hart nach vorne preschenden Blues-Rock und den Schlusspunkt setzt „Freeze Up the Truth“ mit einem experimentellen Psychedelic-Blues-Ritt, der dem Hörer final nochmal alles an Konzentration abverlangt.

Das offensichtlich nicht durch Photoshop oder ähnliches Software-Geraffel (gab’s damals noch nicht) nachbearbeitete Coverfoto vom Snakeman löste bei Veröffentlichung des Brachial-Blues-Meisterwerks einiges an angewidertem Entsetzen aus, in heutigen Zeiten, in denen via Prekariats-Fernsehen nahezu täglich grenzdebile C-, D- und E-Promis beim Schüssel-weisen Vertilgen von Maden, Würmern, Küchenschaben und anderem Ungeziefer gezeigt werden, dürfte die Aufnahme nicht mehr als ein müdes Gähnen hervorrufen.

Die Band löste sich sich nicht lange nach Veröffentlichung der Debüt-LP auf, Bill Carter und Chris Thompson gründeten 1983 zusammen mit Kenny Harris die – vermutlich nach einem Charles-Bukowski-Gedicht benannte – Band The Screaming Blue Messiahs und trimmten den Motor-Boys-Motor-Sound in Richtung massenkompatiblere Rhythm and Blues-/Punk-/Rockabilly-Mixtur, die Band veröffentlichte mit Good and Gone (1984) eine EP und drei sehr respektable LPs – Gun-Shy (1986), Bikini Red (1987) und Totally Religious (1989, alle: Warner/Elektra) – auf ‚Bikini Red‘ findet sich der bereits erwähnte Single-Hit ‚I Wanna Be A Flintstone‘, der im Januar 1988 immerhin Platz 28 der UK-Single-Charts erreichte.
Die Geschäftsbeziehung der Band zum Plattenlabel WEA war zerrüttet, nachdem die Firma die LP „Totally Religious“ einen Monat nach Veröffentlichung aus dem Vertrieb nahm und zuvor auch keine Singles aus dem Album veröffentlichen wollte, die Band wurde vom WEA/Elektra-Label letztendlich fallen gelassen und löste sich nach einem letzten Gig im Juni 1990 im Londoner Stadtteil Notting Hill auf.
2009 brachte das New Yorker Plattenlabel ‚Wounded Bird Records‘ die beiden Alben ‚Gun Shy‘ und ‚Bikini Red‘ als Wiederveröffentlichungen auf den Markt, nachdem sie seit den frühen neunziger Jahren vergriffen waren.
Das einzige, selbstbetitelte Album von Motor Boys Motor ist nach wie vor via Line/DA Music als Compact Disc erhältlich.
Im deutschen Wochenmagazin ‚Stern‘ gab’s ganz hinten immer die Rubrik „Was macht eigentlich…?“, sollten die mal abchecken, was Bill Carter so treibt dieser Tage, kauf ich mir die Postille vielleicht auch mal wieder….
(******)

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9 Kommentare

  1. Und wieder habe ich eine Bildungslücke geschlossen. Das Captain Beefheart dahinter stand wusste ich nicht. Aber es passt. Die Screaming Blue Messiahs waren mehr mein Ding. Wie wahr, Spitzenprodukte! Danke Gerhard für diesen, für mich, abendlichen Turbo. Bitte mehr von diesen Spitzenprodukten.
    Liebe Grüße,
    Stefan

    Gefällt 1 Person

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