Reingelesen (29)

HeinzFlohe

„Heinz Flohe war ein Artist, ja, er war ein Brasilianer“
(Jupp Heynckes)

„Man muss wirklich sagen, dass er zu einer falschen Zeit gelebt hat. In der heutigen Zeit würde das natürlich honoriert werden, ein Spieler wie er würde viel mehr auffallen und wahrgenommen werden.“
(Günter Netzer)

„Er hatte ein feines Gespür für Menschen, die jenseits ihres gesellschaftlichen Stands interessant waren. Die Fassaden interessierten ihn nicht.“
(Anton Fuchs)

„Das Foul war abartig. Wir spielten damals noch im Münchner Olympiastadion und es war nicht sehr voll, so das man alles gehört hat. Es hat gekracht, ganz furchtbar.“
(Carl-Heinz Rühl)

Frank Steffan – Heinz Flohe – Der mit dem Ball tanzte: Ein Leben zwischen Triumph und Tragik (2015, Edition Steffan)

Das Buch zum Film, wird sich manche(r) denken, gleicher Titel, gleiches Cover, gleicher Autor. Stimmt aber nur sehr bedingt, der schöne großformatige Band, der in seiner Machart durchaus an diese wunderbaren, halbjährlich erscheinenden 11Freunde-Sonderhefte denken lässt, hat neben seltenen und zum Teil erstmals gezeigten Fotos thematisch durchaus Ergänzendes, Weiterführendes und Zusätzliches zu bieten, was in der exzellenten Filmdokumentation mit gleichem Namen nicht oder nicht in der Ausführlichkeit behandelt werden konnte.

Eine würdige Biografie über einen der technisch brillantesten deutschen Fußballer, Heinz Flohe, Kölner Kultfigur, tragischer Held der Anhänger von 1860 München, zumindest derer, die wie der Autor des Beitrags seit den siebziger Jahren diesem Wahnsinn verfallen sind – Autor Frank Steffan hat gründlich recherchiert, viele prominente Zeitzeugen interviewt und so, angereichert durch zahlreiche Anekdoten, das Portrait eines Ausnahme-Kickers gezeichnet, der nicht nur durch die Schicksalsschläge in späteren Jahren zu einer der tragischen Figuren der deutschen Fußball-Geschichte wurde.

Heinz Flohe war der erste deutsche Kicker, der auf dem Fußballplatz den sogenannten Übersteiger spielte, eine Parade-Übung, die selbst heute nur der bolzenden Welt-Elite gelingt, zusammen mit Wolfgang Overath bildete er jahrelang das Kreativ-Duo beim 1. FC Köln, der introvertierte Ausnahmespieler wurde in den siebziger Jahren von Helmut Schön nach Meinung zahlreicher Experten viel zu selten in der ersten Elf der Nationalmannschaft berücksichtigt, seine Nähe zur Kölner Box-Szene mag dies bedingt haben, sie war dem biederen Schön wohl ein Dorn im Auge, zudem fehlten für den Kölner die Fürsprecher beim DFB, wie sie damals vor allem die Borussen aus Mönchengladbach und die Münchner FCB-Stars bei Funktionären und Presse hatten.
1976 wurde er wie die gesamte Nation durch den in den Belgrader Nachthimmel gejagten Hoeneß-Elfmeter im Endspiel gegen die Tschechoslowakei um den EM-Titel gebracht, nachdem er eine exzellente Endrunde im Turnier spielte – der Münchner Steuerhinterzieher war bereits damals Experte in Punkto Betrug…
Das Jahr 1978 war für Flohe durchwachsen mit Licht und Schatten, nach dem Gewinn von Meisterschaft und DFB-Pokal, dem bisher einzigen Double des FC, folgte die Argentinien-WM, bei der er bis zu seiner schweren Verletzung im Italien-Spiel sehr gute Leistungen zeigte, der WM-Kick gegen die Azurblauen sollte sein letzter Einsatz im DFB-Dress sein. Das folgende Jahr verlief nicht minder tragisch für den Ausnahmespieler aus dem rheinländischen Euskirchen, nach einem Zerwürfnis mit Trainer-Legende Hennes Weisweiler zog es Flohe – auch Dank Vermittlung seines ehemaligen Kölner Mitspielers Jupp Kapellmann – zu 1860 nach München, hier sollte seine aktive Karriere nach einem brutalen Foul des damals für den MSV Duisburg tretenden Knochen-Brechers Paul Steiner am 1. Dezember 1979 ein jähes Ende finden.
In späteren Jahren war Flohe als Fußball-Trainer und Talentsichter tätig, ehe er 2010 für drei Jahre in ein Wachkoma fiel, aus dem er nicht mehr erwachen sollte.
Am 15. Juni 2013 ist Heinz Flohe im Alter von 65 Jahren gestorben.

Die Geschichte des Ausnahme-Fußballers wird in dem schönen Band ergänzt durch zahlreiche Interviews mit Flohes ehemaligen Kölner Mitspielern wie Jupp Kapellmann, Wolfgang Overath, Harald „Toni“ Schumacher, Dieter Müller oder Hannes Löhr, internationalen Größen der Szene, Günter Netzer, Franz Beckenbauer und Jupp Heynckes seien hier genannt, und bekennenden Fans wie Johannes B. Kerner und Lukas Podolski, sowie einer ausführlichen Dokumentation aller Flohe-Spiele für die Statistik-Freaks im Anhang.

25.08.1973, FC - Kaiserslautern, sven simon

Der Mann, der aus verschiedenen, im Buch erörterten Gründen am Weltstar-Status vorbeigeschrammt ist und unbedingt mehr Länderspiele auf dem Konto haben müsste, bleibt den Kölner Fans vor allem als der herausragende Spieler der Double-Gewinner von 1978 im Gedächtnis und den leidgeprüften Anhängern der Münchner „Löwen“ als eine der tragischen Figuren, die sich einreihen in die lange Liste derer, die ohne die Schicksalsschläge des Lebens aufgrund ihres Talents so viel mehr für sich und den Verein hätten erreichen können, Olaf Bodden, Berkant Göktan oder Savio Nsereko sind dahingehend Namen aus der jüngeren Geschichte des Vereins, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass sich die beiden Letztgenannten vor allem aufgrund ihrer charakterlichen Defizite selbst im Weg standen – ein Urteil, das über Heinz Flohe niemand zu fällen wagte, der ihn näher kannte.

Trainingslager 1979, Schönsee, FMS

Autor Steffan nennt Heinz Flohe im Nachwort einen Rock ’n‘ Roller, und damit liegt er goldrichtig, nicht nur Flohes Spielweise hatte etwas Revolutionäres, auch aufgrund seiner Optik hätte er in seiner Zeit durchaus ins Line-Up der besten Progressiv-Rocker seiner Zeit gepasst, man nehme etwa eine der frühen Besetzungen von Ritchie Blackmore’s Rainbow, optisch grandios hätte er sich gemacht neben dem Meister himself und Granaten wie Cozy Powell oder Ronnie James Dio…

Der 1957 in Köln geborene Autor, Journalist und Filmemacher Frank Steffan, der Heinz Flohe persönlich kannte, ist Gründer des Verlags „Edition Steffan“, er hat zahlreiche Texte für den Musikexpress verfasst, Bücher über die Rolling Stones und den 1. FC Köln geschrieben und Filme über den FC, die Kölner „Haie“ und den walisischen Drogenhändler und Bestseller-Autor Howard Marks gedreht. In den achtziger Jahren war er der erste Chefredakteur der deutschen Ausgabe des renommierten Musikmagazins „Rolling Stone“.

Der Film „Heinz Flohe – der mit dem Ball tanzte“ läuft am 10. November um 20.15 Uhr in Münchens Fußball-Kneipe Nummer 1, dem ‚Stadion an der Schleißheimer Straße‘, Einlass ist um 19.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Regisseur Frank Steffan und Heinz Flohes Sohn Nino werden anwesend sein.

Herzlichen Dank an Autor Frank Steffan für das Re­zen­si­ons­ex­em­p­lar und die Fotos für diesen Beitrag.

Flohe_Steffan

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