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„Zuweilen werden wir erst dann richtig erwachsen, wenn wir einen einschneidenden Verlust erlitten haben, so dass unser Leben uns gewissermaßen einholt und wie eine Welle über uns hinwegspült und alles mit sich reißt.“
(Richard Ford, Der Sportreporter, Eins)

Richard Ford – Der Sportreporter (2013, dtv)

„Jeder ist in seiner eigenen Welt, aber meine ist die richtige“ trällern die Lassie Singers den gleichnamigen Song ihrer LP ‚Die Lassie Singers helfen Dir‘ (1991, Flittchen Records), ein mögliches Motto für Richard Fords erstmals 1986 in den USA erschienenen Roman „Der Sportreporter“, „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ würde sich als Leitmotiv auch mehr als aufdrängen in der vom Sportreporter Frank Bascombe als Ich-Erzähler geschilderten Vita, seiner vermittelten Lebens-Eindrücke, -Umstände und -Ansichten, in seiner im Buch aktuellen Situation als End-Dreissiger in der Krise nach dem Tod seines Sohnes, nach gescheiterter Ehe, und nicht zuletzt nach gescheiterter Karriere als Roman-Schreiber.
Der Leser erlebt Bascombe in seinen streckenweise beängstigend grotesken Rechtfertigungen und Denkmustern, einem nahezu Kafka-artigen Verharren und Versagen, das unübersehbar die Unzulänglichkeit und das Sich-treiben-lassen des Protagonisten widerspiegelt und ihn wiederholt in latent verstörende Situationen befördert, deren Auflösung aufgrund der Verhaltensmuster des Erzählers für alle Beteiligten unbefriedigend bleibt.
In Rückblenden erleben wir Bascombe im Reflektieren seines Lebenslaufs und im weiteren Fortgang der Geschichte beim erneuten Scheitern einer aktuellen Beziehung zu einer jüngeren Frau und beim völligen Versagen als Ratgeber und Helfer für einen alten Freund, der Bascombe gegenüber homosexuelle Neigungen offenbart und den der Sportreporter gegen Ende der Geschichte auf tragische Weise verlieren wird.
Das Fatale an der Geschichte: Bascombes Betrachtungen und Reflexionen sind oft auch unkonventionell-geistreich, trotzdem bleibt er in Sachzwängen und Umständen gefangen, ohne die richtigen Ansätze in die Tat umzusetzen.

„Heute staune ich, wenn ich auf Sportler treffe, die vollwertige Menschen sein und sich gleichzeitig ihrem Sport „ausliefern“ können. Das kommt nicht oft vor, und es ist eine kostbare Gabe eines komplexen Gottes.“
(Richard Ford, Der Sportreporter, Zwei)

Die Geschichte vom amerikanischen Durchschnittstypen im New Jersey der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts fasziniert durch ihre mitunter hart an die Grenzen des Erträglichen gehenden Ereignislosigkeit, der Leser ist vielmehr eingebunden in die Gedankenwelt Frank Bascombes, weniger in spannende Handlungsstränge, wer die leisen, ruhigen Töne und das exakte Ausformulieren von Gedanken in der Literatur schätzt, dürfte hier bestens bedient werden.
In der Orientierungslosigkeit des „Helden“, in der sich der Leser unangenehm-beklemmend an manchen Stellen wiedererkennen mag, darin liegt der wahre Thrill dieses 500-Seiten-Werkes, das dem Leser nur zu deutlich zeigt, das die komplexen Lebensparameter für das Individuum schwer zu ordnen und in keinem Fall beherrschbar sind.

„Geschäfte, Fincher“, sagte ich lässig und drückte ihm die lange, knochige Hand; ich hoffte nur, Vicki kommt nicht so bald wieder, denn Fincher ist ein notorischer Lustmolch und hätte seine Freude daran, mich wegen meiner Reisegefährtin in Verlegenheit zu bringen. Es gehört zu den unangenehmen Eigenschaften öffentlicher Plätze, dass du dort manchmal Leute siehst, für deren Nichterscheinen du sogar bezahlen würdest.“
(Richard Ford, Der Sportreporter, Drei)

„Der Sportreporter“ ist der Auftakt zu den vom Autor so genannten „Bascombe Novels“, die in „Unabhängigkeitstag“ (1995), „Die Lage des Landes“ (2006) und aktuell mit „Frank“ (im September 2015 im Hanser-Verlag erschienen) ihre Fortsetzung erfuhren.
Die Bascombe-Romane wurde 2014 durch die 4 Short-Stories enthaltende Sammlung „Let Me Be Frank With You“ ergänzt.
„Unabhängigkeitstag“ war 1996 der erste Roman, der sowohl den Pulitzer-Preis als auch den PEN/Faulkner-Award erhielt.

„Ein literarischer Mensch ist jemand, der es, während er auf einem Flugplatz in Chicago festsitzt, genießt, einen Nachmittag lang Menschen zu beobachten, während einer, der sich streng an Tatsachen orientiert, nicht von der Frage loskommt, warum sich wohl sein Flugzeug aus Salt Lake verspätet, und abzuschätzen versucht, ob sie an Bord wohl noch ein warmes Essen oder nur noch einen Snack servieren werden.“
(Richard Ford, Der Sportreporter, Fünf)

Der 1944 in Mississippi geborene Richard Ford gilt zusammen mit John Cheever und Raymond Carver als Begründer des „dirty realism“ in der US-amerikanischen Literatur.

Vor kurzem hat Richard Ford in der ‚Zeit‘ ein längeres, lesenswertes Interview unter anderem über Gott, den Tod und seinen boxenden Großvater gegeben: „Ich bin ein Skorpion. Ich kann nicht anders als zuzustechen

9 Kommentare

  1. „Zuweilen werden wir erst dann richtig erwachsen, wenn wir einen einschneidenden Verlust erlitten haben.“ Das stimmt. Seit Lou Reeds Vorausgang 2013 habe ich dieses Gefühl. Mit positiven Auswirkungen: ich habe endlich begriffen, daß mir keiner etwas kann. Außer der Tod.

    Gefällt 1 Person

  2. Wieder einer dieser Zufälle: Offenbar liegt Richard Ford gerade – nicht nur wegen dem neuen Buch – in der Blogluft. Ich hab neulich die Bascombe-Bücher einem anderen Blogger empfohlen in Zusammenhang mit Richard Yates, von dem Ford nach eigener Aussage einiges gelernt hat. Deine Besprechung des Sportreporters triffts genau! Das ist so ein Typ, eben im Denken unkonventionell, aber im Umsetzen und im Tatendrang deutlich gehemmt (durch Sachzwänge und die eigene Prokastrination). Kommt in Unabhängigkeitstag fast noch deutlicher raus. Klasse Rezi!

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank, Birgit ;-)) Von Dir ist das ja fast wie ein Ritterschlag ;-)) Ja, scheint momentan, Thema zu sein, hab’s hauptsächlich wegen der Empfehlung eines guten Freundes gelesen, der großer Bascombe-Fan ist und wegen der Interviews von Richard Ford, die ich schon immer gut fand.
      Viele Grüße,
      Gerhard

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  3. Gestern Abend im Bett „Frank“ begonnen. Nach Deiner Rezension werde ich es aber lieber wieder beiseite legen und vorne beginnen. Frank Bascombe ist so einer der literarischen Typen, die mich wirklich interessieren. Wäre schade, seine Entwicklung nicht chronologisch nachzuvollziehen!

    Danke!

    Gefällt 2 Personen

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