Albert Ostermaier @ Bayern 2-Diwan, Gasteig, München, 2015-11-26

Ursprünglich war am Donnerstag vergangener Woche für das Autoren-Gespräch der Schriftsteller, Orientalist und diesjährige Friedenspreis-Träger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani zum B2-Diwan-Autorengespräch im Rahmen des Münchner Literaturfestes geladen gewesen, krankheitsbedingt musste Kermani kurzfristig absagen, Moderator Niels Beintker fand im Theaterautor, Lyriker und Schriftsteller Albert Ostermaier einen würdigen Ersatz.

Ostermaier, der beim diesjährigen Literaturfest das Forum der Autoren „front:text“ kuratiert, berichtete über seine Erfahrungen und Eindrücke im Austausch mit den teilnehmenden Schriftstellern zum Thema Flucht, das in diesem Jahr aufgrund der aktuellen Situation die Diskussionen und Inhalte von Workshops und Projekten beherrschte.
Ziel des Forums ist es, den Dialog mit Flüchtlingen aufzunehmen und ihre Geschichten über Texte und Bilder neu zu vermitteln.
Albert Ostermeier verwies in dem Zusammenhang auch auf seine Reisen in die arabische Welt, dort sei das Thema Flucht längst angekommen und bekannt, im Libanon kämen beispielsweise auf 4 Millionen Einwohner 2 Millionen Flüchtlinge, ein Umstand, den man sich in Deutschland vergegenwärtigen müsse, wenn man über Obergrenzen diskutiert, die Flüchtlingsströme in Richtung Europa seien letztendlich auch die Konsequenz der fehlenden finanziellen Mittel in den libanesischen Camps, dort vor Ort wäre niemand überrascht von den Entwicklungen der letzten Monate.
Literatur könne letztendlich andere Perspektiven schaffen, so Ostermaier, durch ein Projekt auf Lampedusa, wo Flucht seit 25 Jahren ein beherrschendes Thema und Hilfe eine Selbstverständlichkeit ist, sei ihm und anderen Autoren bewusst geworden, dass sich das Schreiben an sich verändert durch andere Blickwinkel.
Er sprach im Interview auch die „Patenschaft der Autoren“ an, einem Münchner Projekt, das Literaten mit geflohenen Menschen zusammenbringt und das nachhaltig auch über den Zeitraum des Autorenforums hinaus Bestand haben soll.
Laut Ostermaier sei die Sprache an sich entscheidend, man müsse sich über deren Wirkungsmacht bewusst sein, wenn Politiker wie Schäuble von „Flüchtlings-Tsunamis“ sprächen, würde der Strom der Asylsuchenden zur Naturkatastrophe in perfider Weise umgedeutet. Für Politiker sei Sprache das tägliche Handwerkszeug, insofern müsse bezüglich Wortwahl vorsichtiger und verantwortungsvoller formuliert werden, den Politikern dürfe von der schreibenden Zunft nicht die Sprach-Hoheit überlassen werden. Die Ursachen der Krise seien auch in der deutschen Politik zu suchen, das Drama habe Echoräume in unserer Gesellschaft.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte Moderator Niels Beintker den neuen Roman Ostermaiers vor, „Lenz im Libanon“ (2015, Suhrkamp), Büchners gleichnamiger Held wird in die aktuelle Wirklichkeit des nahen Ostens versetzt, wie bei Büchner ein Schriftsteller in der Krise, der am Hedonismus der westlichen Welt zu zerbrechen droht, in Beirut stellt er sich irritierenden Situationen, betrachtet so aus veränderter Perspektive und stellt sich Fragen dahingehend, was Literatur heute darstellt und wie sich der Schriftsteller im Rahmen der aktuellen Probleme definiert.
Der Anspruch Ostermaiers ist es, dass Literatur der Wirklichkeit auf Augenhöhe begegnet, Literatur habe so die Chance zur Wahrhaftigkeit und Radikalität. Er selbst habe den Libanon bereist, Schriftsteller leben dort seit Jahrzehnten mit der Gefahr des Terrors. Das Land ist derzeit aufgrund der Situation in Syrien massivst bedroht, die Politik sei mehr gefordert denn je, zumal die unterschiedlichen Religionen in dem Mittelmeerland immer wieder die Rolle des Spaltens in der Gesellschaft spielen.

Albert Ostermaier wies in seiner Funktion als Torhüter der deutschen Autoren-Nationalmannschaft darauf hin, dass das Forum der Autoren auch den Münchner Verein „Bunt kickt gut“ in seiner Fußball-Förderung für Flüchtlingskinder unterstützt, der Fußball sei eine wunderbare Form, wie Menschen ohne gemeinsame Sprache in Kontakt kommen können, frei nach Schiller sei der Mensch erst dann Mensch, wenn er spielt. Ostermaier hatte die Lacher auf seiner Seite, als er anmerkte, die Bedenken gewisser Politiker hinsichtlich der Gefahren der Unterbringung diverser Nationalitäten auf engstem Raum in den Flüchtlingsunterkünften sei absurd, „25 Bayern in einem Raum sind genauso gefährlich.“

Albert Ostermaier wurde 1967 in München geboren, seine zahlreichen Theaterstücke wurden unter anderem im Bayerischen Staatsschauspiel München, an den Münchner Kammerspielen, im Hamburger Thalia Theater, im Nationaltheater Mannheim und im Wiener Burgtheater aufgeführt. Daneben ist er Autor von zahlreichen Romanen, Gedichtbänden, Radiohörspielen und Musiktheaterstücken. Für seine Arbeiten wurde Ostermeier neben anderen Preisverleihungen mit dem Ernst-Toller-Preis, dem Kleist-Preis und dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

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