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„Es ist kein Geheimnis, dass, wenn man in seinen Vierzigern oder vielleicht Fünfzigern, bestimmt aber, wenn man in seinen Sechzigern und Siebzigern ankommt, die Welt zu einem Affront gegen die gesamte eigene Existenz wird, und zwar durch die Art und Weise, wie sie sich in Werbung, Sprache, Technologie, Kleidung, Filmen, Musik, Geldangelegenheiten und vor allem auch Umgangsformen darstellt, d.h. die Art, wie Menschen die Straße entlanggehen und „Hallo“ oder „Auf Wiedersehen“ sagen oder sich gar nicht erst die Mühe machen, überhaupt zu reagieren. Man mag an einen Punkt gelangen, wie der Historiker Robert Cantwell so elegant formuliert hat, an dem „das eigene Leben in die Vergangenheit“ verschwindet – dein Leben, oder auch dein ganzes beschissenes Bezugssystem.“
(Greil Marcus, When That Rough God Goes Riding, Teil Vier, Take Me Back. 1991; Jennifer Jason Leigh. 1995)

„Manchmal macht man Fehler. Und manchmal ist einem langweilig.“
(Van Morrison in einem Gespräch mit Dave Marsh 2009 über die Alben mit Georgie Fame, Mose Allison und Linda Gail Lewis)

„Marcus’s quest to understand Van Morrison’s particular genius through the extraordinary and unclassifiable moments in his long career.“
(Brent Thompson, Marcus on Morrison, Birmingham Weekly, 2010-04-29)

Greil Marcus – When That Rough God Goes Riding. Über Van Morrison (2011, Kiepenheuer & Witsch)

Es gehört schon ein großer Geist dazu, die Zusammenhänge und Querverbindungen zu verdeutlichen und auszuleuchten, die Greil Marcus als sorgfältiger Beobachter im Kontext zu ausgewählten Van-Morrison-Songs und -Alben hier auftut. Auch wenn man seinen Ausführungen und Assoziationen nicht immer folgen mag oder sich der Gedankengang nicht auf das Erste erschließt, denkanregend sind die Ergüsse des Amerikaners allemal.

Dem Gegenstand der Betrachtung gebührend läuft Marcus vor allem in seinen Reflexionen zum VM-Meilenstein ‚Astral Weeks‘ (1968, Warner) zu Hochform auf, neben Informativem zu Entstehungsgeschichte, Mitmusikern und Inhalten der einzelnen Songs zeigt er in unnachahmlicher Weise Parallelen vom bedeutungsschwangeren Freestyle-Blues-Folk-Jazz-Wunderwerk zu Martin Scorseses ‚Taxi Driver‘-Gewaltmeditation, zu „Albatros“ vom großen PiL-Wurf ‚Metal Box‘ (1979, Virgin), zu den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre und – besonders originell in der Kernaussage – zum Weltrekord-Weitsprung des amerikanischen Leichtathleten Bob Beamon bei den olympischen Sommerspielen in Mexiko im Erscheinungsjahr von ‚Astral Weeks‘, über die Platte wie den Sprung schreibt Marcus: „Es war ein Ereignis, für das es keine Parallelen und keine Metaphern gibt“, völlig unerwartet, davor und danach nie wieder in der Form so geschehen.

„Von 1935 bis 1968 hatte sich der Weltrekord um 22 Zentimeter erhöht; an diesem Tag verbesserte Bob Beamon den Weltrekord um 55 Zentimeter. Als das Ergebnis auf den Tafeln angezeigt wurde, fiel er auf die Knie und bedeckte schockiert sein Gesicht mit den Händen (…) Was Bob Beamon gelang, fand irgendwie unwiderruflich außerhalb der Geschichte statt und bleibt auch dort (…) So wie ich das Album jetzt höre und wie ich glaube, es damals gehört zu haben, fing ‚Astral Weeks‘ denselben Geist ein (…) Historisch ergab es keinen Sinn“
(Greil Marcus, When That Rough God Goes Riding, Teil Zwei, Die Platte nehm ich mit ins Grab, Astral Weeks: 1968)

Dick aufgetragen, aber der Bedeutung der VM-Jahrhundertplatte durchaus gerecht werdend. An anderer Stelle bleiben die Gedankengänge des amerikanischen Rock-Schreibers weitaus weniger nachvollziehbar, warum er sich beispielsweise seitenlang über den Film „Breakfast on Pluto“ von Neil Jordan auslässt, in dem die ‚Astral Weeks‘-Nummer „Madame George“ gerade mal eine Minute zum Soundtrack beiträgt, erschließt sich dem Leser nicht.
Das Stück „Caravan“ sieht er vor allem im Bezug zur „The Last Waltz“-Setlist, eine Würdigung des Originals im Zusammenhang mit dem nicht minder gelungenen ‚Astral Weeks‘-Nachfolger ‚Moondance‘ (1970, Warner) würde an der Stelle weitaus mehr Sinn machen.
Die Schaffensphase des Ausnahmesängers zwischen 1980 und 1996 schert er analog zur Dylan-Periode zwischen ‚Street Legal‘ und ‚Good As I Been To You‘ über einen Kamm, hier wie dort wird er den Künstlern kaum gerecht, Morrison hat mindestens mit ‚Common One‘ (1980), ‚Beautiful Vision‘ (1982), ‚No Guru, No Method, No Teacher‘ (1986, alle: Mercury) und ‚Enlightenment‘ (1990, Polydor) wie Dylan mit ‚Infidels‘ (1983) und ‚Oh Mercy‘ (1989, beide: Columbia) in einer vermeintlichen und in der Fachpresse mitunter gerne so dargestellten kreativen Durststrecke durchaus Hörenswertes unter das Volk gebracht.

Sehr gelungen dagegen wieder seine Gedanken-Ergüsse zu den Morrison-Glanztaten ‚The Healing Game‘ (1997, Polydor) und ‚Into The Mystic‘ (1979, Warner/Mercury), bei letztgenannter lässt er sich vor allem über das die Aufnahmen prägende Violinen-Spiel der Geigerin Toni Marcus aus, zu ersterer spannt er profund Bögen zum IRA-Terror, der „Anarchy“-Single der Pistols, zu Robert De Niro in seiner Rolle als Vito Corleone und erinnert bezüglich der musikalischen Qualitäten der Platte an die völlig vergessene, in den 30er Jahren strafgefangene Blues-Sängerin Mattie May Thomas, von der nur eine Handvoll Field Recordings existieren.

Allein die Fußnote, die eine Anekdote über das abrupte Scheitern der Beteiligung des Iren am Alan-Parker-Film „The Commitments“ erzählt, ist einen Blick in den schmalen Band wert. Hier zeigt der übellaunige Großmeister in einem einzigen Satz sein ausgeprägtes Talent zum Vernichtend-Boshaften, als Leser mag man das mit entsprechendem Abstand durchaus lustig finden, ist man dem unwilligen Ungustl konzertant ausgeliefert, macht der Spaß wie beim Münchner Tollwood-Auftritt 2002 schnell die Kurve, auf einen Konzertstart weit vor offiziell angekündigter Uhrzeit folgte seinerzeit ausschließlich Material des damals aktuellen, höchst durchschnittlich-belanglosen Albums ‚Down The Road‘ (2002, Universal), selbst mit der einzigen Zugabe des Abends, einem lustlosen „Gloria“, bleib er weit unter einer Stunde Spielzeit, der unsägliche Abend fand sein jähes Ende in einem Orkan fliegender Bierbecher gen verwaister Bühne und hinsichtlich Verhöhnung des Publikums seine Fortführung in der ein paar Tage später verlautbarten Pressemitteilung, Van Morrison wollte an dem Abend noch den letzten Flieger nach Belfast erwischen.

Greil Marcus wurde 1945 in San Francisco/Kalifornien geboren und gilt als einer der profiliertesten amerikanischen Autoren und Journalisten zum Thema Rockmusik. In vielen seiner Abhandlungen versteht er es, Musik über die eigentliche Thematik hinaus in einen umfassenderen kulturellen und/oder politischen Kontext zu stellen. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika“ (1998, Rogner und Bernhard) über die legendären Basement Tapes von Dylan und The Band und „Lipstick Traces“ (1992, Rogner und Bernhard), in dem er einen zugegebenermaßen ziemlich verkopften Zusammenhang zwischen Punk und Dada herstellt.

Den Start der über 50jährigen Karriere von Van The Man dokumentiert im Übrigen eine dieser Tage bei Sony/Legacy erschienene 3-CD-Box ‚The Complete Them: 1964-1967‘, die beide reguläre Alben der Band sowie Singles, Live-Aufnahmen und Demos der nordirischen R&B-Combo um den „Belfast Cowboy“ enthält.

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10 Kommentare

  1. Greil Marcus und Van Morrison sind pures Lese- und Ohrengold. Danke Gerhard. Auch wenn das Spätwerk von „Van The Man“ eher altersmüde ist, so sind seine früheren Alben zeitlos…manche bereits Klassiker. So darf die Weihnachtswoche gern weitergehen.
    Liebe Grüße aus dem milden Norden,
    Stefan

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    1. Da bin ich ganz bei Dir, Stefan. Allein wegen seiner frühen Alben wie ‚Astral Weeks‘, ‚Moondance‘, ‚Hard Nose The Highway‘, der Live-Scheibe ‚It’s Too Late To Stop Now‘ oder auch ‚Beautiful Vision‘ wird er immer ein ganz Großer bleiben. Und wenn er live gut drauf war, war er immer sensationell gut. Leider gab’s das andere Extrem auch ab und an, auch auf Tonträger in den letzten Jahren zunehmend mehr.
      Liebe Grüße, in München herrscht auch eher Grillwetter,
      Gerhard

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      1. Das unterschreibe ich sofort, Gerhard. Auch seine Best-of Alben mit einigem Ausschuss sind mehr als hörenswert. Ich habe ihn mehrere Male Live und in Best-Form erlebt. Wünschen wir ihm, das er durch wen oder was auch immer einen kreativen Anschub bekommt.
        Liebe Grüße aus dem nun regnerischen Hamburg,
        Stefan

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      2. Hab ihn auch ein paar Mal in den 80ern bzw. 90ern in Top-Form gesehen, das letzte Mal aber leider, wie erwähnt, total unterirdisch. Die Platten der mindestens letzten 10 Jahre lassen leider nicht auf ein erwähnenswertes Alterswerk hoffen. Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben… ;-))
        Liebe Grüße und einen schönen Tag,
        Gerhard

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