Reingelesen (35)

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„Keith machte das Radio an – Last Christmas. Wenigstens nicht dieser beschissene Band-Aid-Song. Billy hatte im Hotel gemunkelt, das Ganze wäre nur ein Trick der Regierung, um die öffentliche Sympathie von den Bergleuten abzulenken. Damit die Bergleute gierig wirkten neben all den kleinen braunen Babys, die in Afrika verhungerten. Deshalb hätte die BBC all diese Popstars dorthin geschickt.“
(David Peace, GB84, Peter, Sechsundvierzigste Woche, Montag, 14. Januar – Sonntag, 20. Januar 1985)

David Peace – GB84 (2015, Heyne)
Der aus West Yorkshire stammende Autor David Peace fügt seinem Bild vom Norden Englands der siebziger und achtziger Jahre mit dem Roman „GB84“ einen weiteren, literarisch gewichtigen Mosaik-Stein hinzu.
Was durch das im Krimi-Genre neue Maßstäbe setzende „Red Riding Quartett“ mit seinen Romanen „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ (alle: Heyne/Liebeskind) über den Yorkshire Ripper, verschwundene Kinder, korrupte Baulöwen und noch wesentlich korruptere nordenglische Polizei-Beamte seinen furiosen Anfang nahm und durch das meisterhafte, nahezu Shakespeare-artige Züge annehmende Drama „Damned United“ (2011, Heyne) über die turbulenten 44 Tage und das Scheitern des egozentrischen Team-Managers/Fußball-Trainers Brian Clough beim damaligen englischen Spitzenclub Leeds United im Herbst 1974 weitergetragen wurde, findet hier seine Fortsetzung in dem in Großbritannien bereits vor „Damned United“ erschienenen Roman über den britischen Bergarbeiter-Streik in den Jahren 1984 bis 1985.
Der ungewöhnlich lange Arbeitskampf gilt als Meilenstein des marktfundamentalistischen, neoliberalen, Chicago-School geprägten Thatcherismus, die Eiserne Lady fand in Arthur Scargill, dem Vorsitzenden der britischen Bergbaugewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM), einen unerbittlichen politischen Opponenten. Margaret Thatcher sprach in der Zeit des Streiks im Bezug auf die Gewerkschaften vom „enemy within“, ihr erklärtes Zeil war, deren wirtschafts- und innenpolitische Macht zu brechen.

„Ein Mann warf eine Fleischpastete nach dem Präsidenten. Eine alte Frau kippte ihm eine Tasse heißen Tee über das Jacket. Der loyale Len und der Leibwächter versuchten, die Lage zu beruhigen. Joan wischte Pastete und Tee von Anzug und Schlips des Präsidenten –
‚Das wäre nicht passiert, wenn wir erster Klasse gefahren wären‘, meinte Terry.
Der Präsident klaubte sich heiße Pastete aus den Haaren und schüttelte den Kopf. ‚Das wäre nicht passiert‘, entgegnete er, ‚wenn wir die erste Klasse abgeschafft hätten, Genosse.'“
(David Peace, GB84, Achtunddreissigste Woche, Montag, 19. November – Sonntag, 25. November 1984)

Mit brachialer Wucht, der Schwere der Thematik geschuldet, in Stakkato-artigen Sätzen, mitunter nahezu Gedicht-artigen Assoziationen, die viel Raum für Interpretationen lassen und wenig Erklärendes enthalten, prügelt Peace literarisch auf den Leser ein, verschmäht feine Dichtkunst und konventionelle Prosa, und erzählt so neben weiteren parallelen Handlungssträngen die Geschichte vom gescheiterten Kampf des Kommunisten Scargill gegen den rechtskonservativen Wirtschafts-Kurs Margaret Thatchers, gegen Privatisierungen und Schließungen der britischen Zechen, was seinerzeit in den Folge-Jahren in Großbritannien zu schweren gesellschaftpolitischen Verwerfungen führte.
Flankiert wird die historische Dimension des Romans von Geschichten über Intrigen innerhalb der Gewerkschaften, Verrat, Manipulation der Presse und aus dem Ruder gelaufenen Aktionen des Geheimdienstes, die in Mord und Totschlag münden.
Hinter den Kulissen stehen sich der Gewerkschaftssekretär Terry Winters und der Strippenzieher der Regierung, der im Roman permanent als „Jude“ bezeichnete Sir Stephen Sweet im Kampf um die öffentliche Meinung, die Stimmung im Land und im Ringen um politische Siege in tiefempfundener Feindschaft gegenüber, Figuren wie der Hitman David Johnson, der die schmutzigen Jobs für die Regierung erledigt und der Handlanger des „Juden“, Neil Fontaine, tragen ihre Eifersuchts-getriebenen, persönlichen Fehden aus.
Die von Margaret Thatcher in ihrer Autobiografie unterstellten finanziellen Zuwendungen von libyscher, sowjetischer und ostdeutscher Seite an die NUM werden im Roman ebenso thematisiert wie der Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel im südenglischen Seebad Brighton vom 12. Oktober 1984, bei dem fünf prominente Mitglieder der Konservativen Partei ums Leben kamen.
Analog zum Red-Riding-Roman „1980“ wird die Geschichte der Streikenden und der Streikbrecher sozusagen von ganz unten in den „Martin“- und „Peter“-Passagen erzählt, die jedes der 52 Kapitel eröffnen, kleinstgedruckt, mitunter fast Joyce-artig, in freien Assoziationen, immer genau eine Seite und vermehrt einfach im angefangenen Satz endend, auch hier wie in „1980“ eine Zumutung und Herausforderung zugleich für den Peace-Leser.

„Neil mag Dublin nicht. Er mag Irland und die Iren nicht. Ob Süden oder Norden, katholisch oder protestantisch. Es gibt bei denen nur zwei Zustände. Betrunken oder hungrig. Die Katholiken im Norden sind die Schlimmsten. Betrunken und hungrig. Die schlechtesten drei Jahre in einem schlechten Leben.“
(David Peace, GB84, Siebenunddreissigste Woche, Montag, 12. November – Sonntag, 18. November 1984)

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„Damned United“ und „1974“ bleiben die stärksten Werke des nordenglischen Autors, wer sich für die Thatcher-Ära, den Untergang des Kohlebergbaus und in historischen Rahmen eingebettete Kriminalliteratur interessiert und einen unkonventionellen, radikalen Schreibstil nicht scheut, der den jüngsten Romanen vom erklärten Peace-Vorbild James Ellroy nicht unähnlich ist und von der Presse in vergangenen Jahren schon mal mit Samuel Beckett verglichen wurde, der greife hier beherzt zu.
Letztendlich gilt, was Franz Rumpel in der Lyrikwelt über den Autor schrieb: „Peace lesen ist kein Spaziergang, keine nette Abendunterhaltung, kein schlichtes Wer-wars-denn-nun-raten. Seine Bücher sind anstrengend, seine Geschichten dunkel und aufwühlend. Der Autor mutet seinen Lesern einiges zu, erzählt intensiv, direkt, fast ohne Abstand zu seinen Figuren.“

„Und der Jude hatte Recht gehabt. Die Eiserne Lady hatte den Blechgeneral auf den Falklands besiegt. Und auch dieses Mal würde der Jude Recht behalten. Die Eiserne Lady würde den Kohlenkönig vernichten – Es war wieder mal an der Zeit, die Kutsche anzuspannen.“
(David Peace, GB84, Neunzehnte Woche, Montag, 9. Juli – Sonntag, 15. Juli 1984)

Gerhard Mersmann hat in seinem Form7-Blog vor kurzem einen Beitrag über das Ende der letzten Zechen in Nordengland und im Ruhrgebiet gepostet: „Ersäufen wie die Katzen“. Reinlesen lohnt.

Für Interessenten der Geschichte des deutschen Bergbaus ist ein Besuch der Essener Zeche Zollverein empfehlenswert.

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