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1_Bio_Willie_Nelson

„Moritz von Uslar: Gefärbter Bart?
Lemmy Kilmister: Gefärbte Haare. Sonst sähe ich aus wie Willie Nelson.“
(100 Fragen an Lemmy Kilmister, Süddeutsche Zeitung 2003, wiederveröffentlicht 29.12.2015)

„Im Fernsehen wurde ich zur Witzfigur: ‚Kennen Sie schon den, mit Willie Nelson? Als seine Rechnung über 32 Millionen Dollar Steuerschulden mit der Post kam, hat er sie genommen, Gras drübergekrümelt, sich daraus einen Joint gedreht und seine Probleme einfach weggeraucht. Am nächsten Morgen konnte er sich an nichts mehr erinnern.'“
(Willie Nelson, Mein Leben, Erster Teil, Mein Anfang)

Willie Nelson mit David Ritz – Mein Leben: Eine lange Geschichte (2015, Heyne)

Franz Dobler hat vor kurzem im Rahmen der Heyne-Hardcore-Veranstaltung im Münchner Unter Deck so schön daraus vorgelesen, aber auch ohne die feine Veranstaltung zum Anfixen kommt man als alter Country-Verehrer nicht umhin, in die Lebensgeschichte vom alten Willie reinzulunzen. Der mittlerweile 82-jährige ist neben Emmylou Harris, Kris Kristofferson und Merle Haggard einer der letzten großen Country-Ikonen, die sich ungebrochen, stilsicher und mit Vehemenz dem glattpolierten Nashville-Sound verweigern. Bevor der Begriff des ‚Alternative Country‘ geprägt wurde, nannte man das Outlaw-Musik, und in der Rolle des Outsiders hat sich der olle Nelson zeit seines Lebens wohl gefühlt, wovon er auf den knapp 450 Seiten seiner „langen Geschichte“ eindrucksvoll und mit viel Humor und Augenzwinkern Zeugnis ablegt.

„Wieso mich Zekes Draufgängertum so begeisterte? Weil es eine gewisse Gefahr ins Spiel brachte. Weil das Leben dadurch Biss bekam. Weil es das Unberechenbare möglich machte und das Unbekannte willkommen hieß.“
(Willie Nelson, Mein Leben, Erster Teil, Familienbande)

In lockerem Slang erzählt der alte Mann mit dem Zopf seine Geschichte über das Aufwachsen bei den Großeltern während der ‚Großen Depression‘ in Abbott/Texas, das unkonventionelle, aber herzliche Verhältnis zu seinen getrennten Eltern, über seine verflossenen Ehefrauen, seine musikalischen Einflüsse, das schwierige Verhältnis zur Nashville-Country-Industrie, das weniger schwierige Verhältnis zum Hanf-Produkt, für dessen Legalisierung er sich permanent stark macht, und seine lebenslange Freundschaft zum Country-Outlaw Waylon Jennings.
Die bereits eingangs zitierte Auseinandersetzung mit der US-Steuerbehörde IRS, verursacht durch zweifelhaftes Finanzgebaren seines langjährigen Managers Neil Reshen, die Nelson an den Rand des Ruins brachte, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, die Episoden zum Thema sind gespickt mit Willies herzerfrischenden Anekdoten, allein dafür lohnt die Lektüre des Schmökers.

„Doch als der Oberboss von Columbia die Aufnahmen hörte, sagte er: ‚Wieso spielst du mir ein Demo vor?‘ ‚Das ist kein Demo‘, erklärte ich. ‚Das ist das fertige Produkt.'“
(Willie Nelson, Mein Leben, Dritter Teil, Pure Sunshine & Purple Jesus)

Neben seiner bewegten Vita schreibt Nelson über die Entstehungsgeschichten zu zahllosen Songs und ausgewählten Klassikern wie dem Jahrhundertwerk und Billboard-Nummer-1-Album ‚Red Headed Stranger‘ (1975), bei dem sich Columbia Records zuerst sträubte, es in der Form zu veröffentlichen, oder dem ‚Teatro‘-Album (1998, Island), einem seiner atmosphärisch dichtesten Werke, das aus seiner Zusammenarbeit mit dem kanadischen Produzenten Daniel Lanois resultierte. Namedropping kommt bei einem, der seit weit mehr als fünfzig Jahren in vorderster Linie im Musik-Business mitmischt, selbstverständlich nicht zu kurz, allein die Liste derer, die seit 1985 bei den von Willie Nelson mitinitiierten ‚Farm Aid‘-Benefit-Konzerten zur Unterstützung der amerikanischen Kleinbauern auftreten oder über die Jahrzehnte anderweitig mit dem Country-Star zusammenarbeiteten, ist zum Zunge-schnalzen. Kollaborationen wie etwa das Highwaymen-Projekt zusammen mit Johnny Cash, Kris Kristofferson und Waylon Jennings mögen nicht weiter verwundern, dass bei Nelson-Duett-Partnern auch ein spanischer Schmalz-Barde wie Julio Iglesias auftaucht, legt Zeugnis ab von der Unvoreingenommenheit des Texaners gegenüber anderen Musik-Genres – überhaupt ist der alte Mann in seiner ganzen über achtzigjährigen Lebensweisheit ein Ausbund an Toleranz, der dem Leser höchsten Respekt abnötigt.

Das im ‚Hardcore‘-Programm des Heyne-Verlags veröffentlichte Werk ist seit langem eine der sympathischsten Lebens-Beichten aus dem weiten Feld der Musiker-Autobiografien, man kann nur den Cowboy-Hut ziehen vor einem wie Willie Nelson, der sich trotz oft widriger Lebensumstände, drei gescheiterter Ehen, dem frühen Tod seines ersten Sohns Billy und dem ewigen Zirkus mit der amerikanischen Steuerbehörde nie die gute Laune verderben lies und der auch im hohen Alter positiv gestimmt und voller Tatendrang den Blick nach vorne richtet. Der Tod hat für ihn keinen Stachel, glaubt er doch im Sinne einer nie endenden Reise analog zu immerwährenden Zweitligisten-Aufstiegs-Phantasien: „Wir kommen wieder!“, in einem Fall wie seinem selbstredend nur in einer höheren Lebensform, während Garth Brooks, Donald Trump, die Bush-Brut und FC-Bayern-Nachläufer im nächsten Leben maximalst die Stufe von Würmern, Grottenolmen und anderem Ungeziefer erreichen werden, da ihnen der Himmel auf Erden –  ungerechterweise – bereits jetzt zuteil wird.

„Nashville war ein Kampf. Es gab auch gute Momente, aber insgesamt war es mühsam. Ich brachte meine Ware wohl ins Kaufhaus, aber das reichte nicht, um mich durchzusetzen. Angesichts all der Musik, die aus Nashville kam, angesichts der großartigen Musiker und legendären Produzenten, sollte man meinen, dass ich da genau richtig war. War ich aber nie. Ich mache es Nashville nicht zum Vorwurf. Wahrscheinlich bin ich einfach eigen.“
(Willie Nelson, Mein Leben, Zweiter Teil, Das Kaufhaus)

David Ritz verfasste als Co-Autor die Autobiographien unter anderem von B. B. King, Smokey Robinson und Etta James. Zuletzt war er als Co-Autor am Lebensbericht des ex-CBS-Records-Chefs Walter Yetnikoff beteiligt. Er verfasste zudem die von der Kritik gepriesenen Biographien »Divided Soul: The Life of Marvin Gaye« und »Faith in Time: The Life of Jimmy Scott«.

Willie Nelson, geboren 1933 in Abbott, Texas, ist einer der großen amerikanischen Country-Musiker und Songwriter. Er ist außerdem Autor, Lyriker, Schauspieler und Aktivist. 1993 wurde er in die Country Music Hall of Fame aufgewonnen. Mit 22 Nummer-1-Singles, 14 Nummer-1-Alben und 10 Grammy-Auszeichnungen ist er einer der erfolgreichsten Musiker so far. Außerdem war er in fast 40 Film- und Fernsehproduktionen als Schauspieler tätig. Der Rolling Stone wählte ihn auf Platz 77 der 100 besten Gitarristen aller Zeiten.

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10 Kommentare

    1. Ja, der von Uslar ist schon gut, ich lese seine Sachen auch immer gerne. In der ‚Zeit‘ gibt es auch alle paar Wochen eine Kolumne, ‚Auf ein Frühstücks-Ei mit…‘, da geht er mit irgendwelchen Promis in Berlin frühstücken, man merkt bei ihm immer sofort, ob er den Interview-Partner mag oder nicht ;-)) Kennst Du den „Deutschboden“-Film? – ich hab den leider damals völlig verpennt, aber die Kino-Vorschau hat Laune gemacht.
      Viele Grüße,
      Gerhard

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  1. “There are more old drunks than there are old doctors.” (Willie Nelson)
    Lieber Gerhard, ich glaube, das selbst diejenigen die kein Country mögen ihn jedoch als Künstler sehr schätzen, weil er seinen Weg kompromisslos gegangen ist, mit Höhen und diversen Tiefen und er viele verdammt gute Songs geschrieben hat. Die Biografie werde ich mir merken. Möge er und die anderen Heroen noch viel Spaß haben.
    Liebe Grüße,
    Stefan

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    1. Lieber Stefan,
      in der Tat, ich habe ihn in den letzten Jahren als Songwriter auch sehr zu schätzen gelernt. Früher habe ich mich mit seiner Stimme etwas schwer getan, aber inzwischen geht es mir mit ihm wie mit gutem Wein: er wird mit dem Alter immer besser. Wünschen wir ihm noch viele gesunde und kreative Jahre,
      liebe Grüße, hab ein schönes Wochenende,
      Gerhard

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      1. Lieber Gerhard,
        ich denke, er wird sicher noch viel Spaß haben und genug zum rauchen 🙂 Mittlerweile und vielleicht auch wegen seinem Alter verkaufen sich seine Songs besonders in Amerika recht gut. Der Vergleich mit dem Wein ist treffend.Manche setzen Rost an und manche blühen dann wieder auf. Deinen Wünschen schließe ich mich natürlich an.
        Liebe Grüße und aus dem noch kalten Norden und Dir einen guten Start ins Wochenende,
        Stefan

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      2. Lieber Stefan,
        wie hat unser bayrisches Pendant Hans Söllner mal so schön in einem Interview auf die Frage, ob es im Alter mit dem Rauchen weniger wird, geantwortet: „Wenn’s weniger wird, bau ich wieder was an.“ ;-)) Der Willie wird es wohl ähnlich halten, vielleicht kommt sein Langmut, der im Buch irgendwie immer mitschwingt, auch daher… 😉
        Liebe Grüße,
        Gerhard

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