Reingehört (126)

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„On Music For A New Society, I wanted to do a Marble Index – put the songs down, then write independent arrangements around them. It’s an arranger’s record. The whole thing is based on arrangements. There are melodies there, but some of it even goes outside the realm of that, it’s like the BBC Radiophonic Workshop (…) There were some examples where songs ended up so emaciated they weren’t songs any more (…) New Society was improvised, but it was romantic. Freudian. ‚Tortuous‘ is a good word for it. What I was most interested in was the terror of the moment (…) I mean, the record is so dark, you’ve got to have something optimistic. It’s the most optimistic title any of my records have had.“
(John Cale and Victor Bockris, What’s Welsh For Zen, The Autobiography Of John Cale, The Terror Of The Moment)

Music for a New Society ist Musik für eine neue, eine andere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die es aushalten kann, daß es bis zum Ende der A-Seite einer LP dauern kann, will man einen halbwegs konventionellen Song hören, Close Watch, doch selbst der rauscht, fiepst und britzelt, bis ein Dudelsack und eine Snare das Lied zu einem halbwegs guten Ende bringen. Davor muß jeder für sich durch Cales antarktisches Seeleneis gehen, das diese Gesellschaft mit einer idealistischen Kälte abbildet (…) Cales tiefempfundener Humanismus, gern hinter Psychosen, Impertinenz oder Jovialität versteckt, wird auf keiner seiner LPs deutlicher, genau wie die Bedeutung, die er für Lou Reed hatte: der Fremde, der klügere Bruder aus Europa, der Mensch, der mit einem arroganten Arschloch über den Abgrund balancieren mag. Bis das Arschloch losläßt.“
(Karl Bruckmaier, Soundcheck, „If he’s crying at all, he is crying all the way to the bank…“)

John Cale – Music For A New Society / M:FANS (2016, Domino Records)
Wiederveröffentlichung sowie Neuinterpretation eines Meisterwerks: 1982 hat der persönliche Kulturforums-Gott und Velvet-Underground-Mitbegründer John Cale nach einer Reihe von für seine Verhältnisse konventionellen Rock-Alben inklusive des im New Yorker CBGB’s mitgeschnittenen, intensiven Live-Bebens ‚Sabotage‘ (1979, Spy Records) mit ‚Music For A New Society‘ eines der experimentellsten und spannendsten Alben seiner Jahrzehnte-langen Karriere veröffentlicht.
Lediglich das einzige in voller Bandbesetzung – unter anderem mit dem Blue-Öyster-Cult-Gitarristen Allen Lanier – eingespielte „Changes Made“, das Cale nur auf Druck der Plattenfirma in den Kanon aufnahm, baut eine Brücke zu vergangenen Werken wie ‚Fear‘ (1974) oder ‚Slow Dazzle‘ (1975, beide: Island), ansonsten finden sich auf dem Album die grandiosen, konzertant immer wieder bewährten, großartig-unkonventionellen Balladen „Chinese Envoy“, „If You Where Still Around“, „Thoughtless Kind“, das laut Cale mehr mit Velvet Underground zu tun hat als jeder andere seiner Songs, und die Neuinterpretation des ‚Helen Of Troy‘-Stücks „Close Watch“ aus dem Jahr 1975, des weiteren das fragile „Taking Your Life in Your Hands“ über eine häusliche Gewalttat, bei dem nicht klar wird (und Cale verweigert hierzu auch die Auskunft), ob die Kinder in der erzählten Geschichte am Ende von der verhafteten Mutter ermordet wurden, daneben finden sich gelungene neoklassisch-avantgardistische Experimente wie „Sanctus“, „Damn Life“ und das von Sam Shepard getextete „Risé, Sam and Rimsky-Korsakov“, in denen Cale die Erfahrungen der frühen Experimental-/Art-Rock-Meisterwerke ‚Paris 1919‘ (1973) und ‚The Academy In Peril‘ (1972, beide Reprise) einfließen lässt, diese aber hinsichtlich Auflösung von herkömmlichen Song-Strukturen mutig in neue Klang-Sphären erweitert und das zentrale Thema der Isolation des Individuums in jedem Song akustisch auf beklemmende Weise unterstreicht. Hinsichtlich Konsum verbotener Substanzen mag es John Cale in jener Zeit mitunter bunt getrieben haben, bezüglich musikalischem Output war er vor allem mit ‚Music For A New Society‘ und seinen damals vorgetragenen, legendären Solokonzerten Anfang der achtziger Jahre seiner Zeit weit voraus, zum Nachvollziehen dieser konzertanten Hochämter sei auf die zweite CD der ‚Live At Rockpalast‘-Sammlung (2010, Indigo) verwiesen, die bei seinem Soloauftritt am 6. März 1983 in der Zeche Bochum mitgeschnitten wurde, alternativ hierzu ist die B2-Zündfunk-Aufzeichnung vom Münchner Konzert im Schwabinger Bräu vom 28. Februar im Rahmen der selben Tour auch nicht zu verachten, Exzerpte hieraus möge sich der geneigte Hörer via garageabandonne zu Gemüte führen.
So sehr die Neuauflage des Klassikers inklusive der damals bei der Erstveröffentlichung durch ZE/Island Records nicht enthaltenen Nummer „In The Library Of Force“ zu loben ist: Bei ‚M:FANS‘, der Neubearbeitung des größten Teils der ‚Music For…‘-Stücke, wird dem altgedienten Cale-Fan wie auf aktuelleren Alben des Meisters etliches an Unbill zugemutet. Eröffnet wird das Bonus-Album mit dem Stück „Prelude“, das von einem Telefonat in paranoid-hysterischem Grundton dominiert wird, ähnlich der Eingangssequenz zu „Model Beirut Recital“, seinem Beitrag zum libanesischen Bürgerkrieg vom out-of-print-‚Caribbean Sunset‘-Album (1984, ZE Records), bei „Prelude“ wird der Hörer scheinbar Zeuge eines Privatgesprächs Cales mit seiner Mutter, in walisischer Sprache. Mit den Remixes zu “ If You Were Still Around“ und „Taking Your Life In Your Hands“ bietet Cale wunderbare Übungen in elektronisch unterfüttertem, Stimm-verzerrtem, düsterem Drone-Sound, im Folgenden wird es mühsam, als Cale-Fan die Contenance zu bewahren, was er mit Klassikern wie „Close Watch“, „Thoughtless Kind“ oder „Chinese Envoy“ verbricht, erinnert in seinen wüstesten Momenten an den artifiziellen Deppen-Elektrobeat-Ansatz, mit dem er bereits das Vorgänger-Album ‚Shifty Adventures in Nookie Wood‘ (2012, Double Six) in Richtung Ungenießbarkeit trieb, „Changes Made“ im neuen Gewand ist gar Darkwave in seiner übelsten Ausprägung, Andrew Eldritch und seine Sisters würden sich für derartige Entgleisungen in Grund und Boden schämen. Einen halbwegs versöhnlichen Ausklang nimmt die heterogene Sammlung mit der bisher unveröffentlichten Ballade „Back To The End“, die den Cale-Hörer den Glauben an den Meister wiederfinden lässt, der ihm durch etliches an unausgegorenem Material von ‚M.FANS‘ abhanden zu kommen drohte…
(Music For A New Society ****** / M.FANS * – ****)

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8 Kommentare

  1. bin kein grosser Cale-Kenner. Paris 19irgendwas mag ich und den Song Close Watch find ich auch sensationell superduper. Dieses M: Zeugs ist dann weniger mein Fall. Werde es wohl wieder Kollege da oben machen und mir endlich mals das Original posten.

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    1. ‚Paris 1919‘ halte ich für einen ganz großen Wurf, in meinen Augen seine beste Platte, sehr dicht gefolgt von ‚Music For A New Society‘ und der Live-Scheibe ‚Sabotage‘, die aber wesentlich härter zur Sache geht als viele seiner anderen Alben. Die Solo-Live-CD ‚Fragments Of A Rainy Season‘ kann ich auch schwer empfehlen. Schade, dass er in letzter Zeit auf so einem seltsamen Elektro-Rhythmen-Trip ist…

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  2. Lieber Gerhard,
    zuerst war es die Überschrift, mit der Ankündigung eines neuen Album von John Cale, die mich aufhorchen ließ. Dann das zuerst veröffentliche „Close Watch“ Video welches mich irritierte. Okay, wenn man den Song mehrere Male gehört hat, wird er zwar erträglicher aber nicht besser. Ich halte es für schwierig, wenn man ein großes Album 30 Jahre später wieder neu aufnehmen möchte in dem die Songs in Samples dekonstruiert werden und in einem elektronischen Gemenge nur noch rudimentär etwas vom Original in sich tragen.
    Deine beiden o.a.Alben sind nach wie vor große Momente der Pop-Musik. Hoffen wir, das es eine Laune Cale´s war und nicht das letzte musikalische Zeichen, was wir von ihm gehört haben. Denn John Cale ist einer der ganz Großen in der Musik.
    Never win and never lose
    There’s nothing much to choose
    Between the right and wrong…
    Liebe Grüße,
    Stefan

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    1. Lieber Stefan,
      da gehen wir wieder mal völlig chloroform, wie Helmut Schön so schön sagen würde. Sehe ich ganz genau so.
      Die ersten Stücke fand ich wie gesagt noch ganz ok, aber dann hat mich diese völlige Ratlosigkeit gepackt, wie ich sie bereits bei einigen Stücken der ‚blackAcetate‘-Platte und komplett bei seiner letzten Studio-Platte ‚Shifty Adventures In Nooky Wood‘ verspürt habe, die ich neben der auch völlig verunglückten ‚Walking On Locusts‘-Scheibe für die Schwächste seiner langen Karriere halte.
      Ich hoffe, er kriegt auf seine alten Tage nochmal die Kurve, aber wetten würde ich da momentan nicht drauf.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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      1. Lieber Gerhard,
        auch wenn wir beide vermutlich darauf nicht wetten würden, bleibt die Hoffnung. Aber es scheint fast so, als wenn die Alten Heroen glauben, sie müssen modern klingen. Jetzt bin ich auf das neue Album von Iggy Pop gespannt, was er zusammen mit Josh Homme (Queens Of The Stone Age) aufgenommen hat. Zumindest die erste Single daraus lässt hoffen. Und für John Cale gilt der Griff ins Archiv. Da gibt es nach wie vor vieles zum immer wiederhören.
        Liebe Grüße,
        Stefan

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      2. Lieber Stefan,
        der Griff ins Archiv bei John Cale lohnt immer, da geb ich Dir Recht. Er hat jede Menge überdurchschnittliche Sachen gemacht, da wird’s nicht langweilig. Beim Iggy bin ich gespannt, die Kombination könnte passen. Im Sommer spielt er heuer im Rahmen von ‚Rockavaria‘ im Olympiastadion, zusammen mit jeder Menge Metal-Bands, würde ihn gerne mal wieder sehen, aber das ist mir dann in dem Umfeld doch zu „heavy“.
        Liebe Grüße,
        Gerhard

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