Reingelesen (39)

john_irving_in_einer_person

„Well the coal black sea waits for me me me
The coal black sea waits forever
The waves hit the shore
Crying more more more
But the coal black sea waits forever“
(Lou Reed, Cremation – Ashes To Ashes, Magic And Loss)

„Falls Sie während der Reagan-Jahre (1981-89) nicht miterleben mussten, wie jemand, den Sie kannten, an Aids starb, dann haben Sie an diese Jahre andere Erinnerungen als ich. Was war das für ein Jahrzehnt – und den Großteil dieser Zeit war dieser reitende B-Movie-Schauspieler der Oberboss! (In sieben der acht Jahre seiner Präsidentschaft nahm Reagan den Begriff Aids nicht ein einziges Mal in den Mund.) Die Erinnerung an diese Jahre ist im Laufe der Zeit immer verschwommener geworden, auch weil man – bewusst oder unbewusst – die schlimmsten Details verdrängt.“
(John Irving, In einer Person, Nur noch Epiloge)

John Irving – In einer Person (2012, Diogenes)

Der dreizehnte Roman von John Irving: Ein gelungenes Plädoyer für Toleranz und die Freiheit zu entscheiden, wer man sein will, mit einigen Schwächen. Anfangs latent belangloses Geschwurbel mit den üblichen Irving-Ingredienzien Neuengland, Shakespeare, schwierigen/ungewöhnlichen Familienkonstellationen und dem Ringer-Sport, kennt man aus seinen früheren, zum Teil großartigen Romanen zur Genüge, Wien als Austragungsort darf im weiteren Roman-Verlauf auch nicht fehlen, unvermittelt nimmt die Geschichte vom bisexuellen Schriftsteller und Laienschauspieler William Abbot und seiner mit allerhand skurrilen Figuren bevölkerten Familie dann doch noch ordentlich Fahrt auf, die zum Teil Woody-Allen-artigen Schilderungen sexueller Abenteuer des Ich-Erzählers Abbot entfalten ihren ureigenen Charme und den von Irving gewohnt geistreichen Witz, mit dem er sich im Roman zu den Themen Selbstfindung, Liebe und Sexualität geschickt und vergnüglich über Tradiertes, Normen und Konventionen hinwegsetzt. Wär’s ein Tonträger, würde wohl irgendwas in Richtung „contains lyrics that may offend“ und „parental warning“ auf dem Cover stehen, bei der Schilderung gewisser sexueller Praktiken war John Irving nie der Zimperlichste, so auch hier nicht.

Der Roman hat seine Schwächen, unbestritten, aber in den Abschnitten, in denen sich der Autor mit den tragischen Auswirkungen des HIV-Virus und seinen tödlichen Folgen speziell in den achtziger Jahren auseinandersetzt, ist das ganz großer Irving, großartiges humanistisches Drama wie in den stärksten Passagen seiner literarischen Meilensteine ‚Garp‘, ‚Cider House Rules‘ oder ‚Owen Meany‘, mit den vertrauten Familien- und Coming-of-age-Geschichten und in seinen stärksten Momenten ein ernst zu nehmender Aufruf zu Toleranz und Akzeptanz hinsichtlich der Themen Homo-, Bi-Sexualität und Transgender.

„So wird uns in messbar großen oder unermesslich kleinen Schritten unsere Kindheit gestohlen – nicht immer in einem einzigen dramatischen Augenblick, sondern oft in einer Serie kleiner Diebstähle, deren Endergebnis doch immer derselbe Verlust ist.“
(John Irving, In einer Person, Eine Aktion)

„In einer Person“ hat eingangs und gegen Ende nicht unbedingt die von Irving gewohnte erzählerische und literarische Brillanz, bezüglich seiner unkonventionell-originellen Ideen, der gesellschaftspolitischen Relevanz und der eindringlichen, leisen Töne ist der Roman trotz einiger – letztlich verzeihlicher – Schwächen lesenswert. Der langjährige Irving-Fan mag sich die Frage stellen, warum der Erfolgsautor im fortgeschrittenen Alter das Thema Homosexualität für sich entdeckt, in Bezug auf das Coming-out seines jüngsten Sohns liefert der amerikanische Schriftsteller die Erklärung: „Es gibt zwei Bücher, bei denen ich eine klare Vorstellung vom Leser hatte, einen Adressaten„, so Irving in einem Interview. „„Garp“ ist für meine beiden älteren Söhne geschrieben, „In einer Person“ für meinen jüngeren Sohn Everett.

Irving ist 2013 für den Roman im Rahmen der jährlich für Werke aus dem Bereich LGBT vergebenen Literaturpreise der US-amerikanischen Lambda Literary Foundation sowohl mit dem ‚Bridge Builder Award‘ als auch in der Kategorie ‚Bisexual Literature‘ ausgezeichnet worden.

John Irving wurde 1942 in New Hampshire geboren. Die immer wiederkehrenden Themen in seinen Romanen, der Ringer-Sport und die Stadt Wien, sind in seiner Biografie begründet: Seit seinem 14. Lebensjahr ist Irving aktiver Ringer, in den sechziger Jahren hat er einige Semester in der österreichischen Hauptstadt studiert. Seine größten literarischen Vorbilder sind nach eigener Aussage die Autoren Charles Dickens und der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass. Viele seiner Werke wurden Bestseller, ‚Garp und wie er die Welt sah‘, ‚Hotel New Hampshire‘ und ‚Gottes Werk und Teufels Beitrag‘ wurden erfolgreich verfilmt. Für ‚Garp‘ erhielt er 1980 den National Book Award, für das Drehbuch zu ‚Gottes Werk…‘ im Jahr 2000 den Oscar.
John Irvings aktueller Roman „Avenue of Mysteries“ wird am 23. März 2016 in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Straße der Wunder“ im Diogenes-Verlag erscheinen.

„Dein Gedächtnis ist ein Monstrum; du vergisst – es vergisst nicht. Es packt Erinnerungen einfach weg; es bewahrt Erinnerungen für dich auf, oder es verbirgt sie vor dir. Dein Gedächtnis erweckt nach eigenem Ermessen Erinnerungen wieder zum Leben. Du bist der Ansicht, du hättest ein Gedächtnis, doch dein Gedächtnis hat dich!“
(John Irving, In einer Person, Eine Aktion)

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12 Kommentare

    1. Nö, diesmal keine Bären, oder halt, doch, irgendwie schon: Biertrinkende, Wampen-schiebende, vollbärtige Homosexuelle bezeichnet er als „Bären“ im Roman… Gut, dass wir drüber gesprochen haben 😉
      Doch, kann man gut lesen, fand ich um einiges besser als zuletzt „Twisted River“ oder „Vierte Hand“.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt mir

  1. Zum Glück filtert die Zeit. Wenn ich mich an alles erinnern könnte – dann hätte ich mir mit 30 bereis den Strick genommen …

    „An welche Details wir künftig denken werden ist unmöglich zu prophezeien. Denn jedes Mal, wenn eine Erinnerung aus dem Gedächtnis abgerufen wird, verändert sie sich. Die aktuelle Stimmung drückt ihr einen Stempel auf, stärkt oder schwächt Empfindungen, rückt Details in der Vordergrund und lässt andere verblassen. Die Erinnerung, die danach wieder im Gedächtnis gespeichert wird, ist eine leicht veränderte.“ (Sozialpsychologe Gerald Echterhoff)

    Gefällt 4 Personen

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