Reingehört (137)

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Witching Waves – Crystal Cafe (2016, Soft Power Records)
Zweiter Longplayer eines Trios aus London, vervielfältigt beim schottischen Label Soft Power Records in Edinburgh, im Indie-Bereich scheint das United Kingdom noch zu funktionieren. Scheppert ordentlich vor sich hin, flotter Power-Pop-Punk trifft angriffslustigen Riot-Grrrls-Ansatz und munteres C86-Geschrammel, Sonic Youth auf Speed oder ganz einfach ein wunderbarer Beweis dafür, dass die großartigen Shop Assistants seinerzeit doch irgendwo Eindruck hinterlassen haben und der Geist des britisch geprägten Schrammel-Gitarren-Pop bei der Jugend weiter höchst fidel durch den Übungsraum spuckt. Sängerin/Drummerin Emma Wigham ist derzeit die neue Lieblings-Kim-Gordon. Der Sound der Combo wirkt frisch abgepackt, keineswegs wie der nächste runderneuerte Reifen im Indie-Pop, trotz erkennbarer Verweise auf musikalische Vorbilder. Das hat Schmiss, das macht Laune, da kommt ordentlich Druck aus dem Lautsprecher… Hopefully demnächst mal auf Tour, aufm Festland…
(**** ½)

The Shivas – Better Off Dead (2016, K Records)
Beat-Happening-Chef Calvin Johnson hat wie bei den Veröffentlichungen der Band zuvor im hauseigenen Dub Narcotic Studio in Olympia/Washington rumgewerkelt und gemixt, beim 5. Album der Shivas aus Portland/Oregon, das Produkt der gedeihlichen Zusammenarbeit ist ein simpel anmutendes, auf das Wesentliche reduzierte, charmantes LoFi-Indie-Kleinod, im Tempo oft gedrosselt, psychedelisch-schön wie eine bunte Sommerblumen-Wiese, der geneigte Hörer darf sich jedoch nicht täuschen lassen, die sparsamen, Ohrwurm-artigen, Melodie-betonten Pop-Wunderwerke inklusive verschlafenem Vokal-Phlegma hat man so oder mindestens so ähnlich schon mal bei Galaxie 500 oder Mazzy Star gehört, in dem Fall geschenkt, da gäbe es bei weitem wesentlich weniger genehme Anlehnungen…
(****)

Deep Sea Diver – Secrets (2016, High Beam)
Das Quartett aus Seattle/Washington um die leidenschaftlich-betörende Sängerin Jessica Dobson taucht tief ein im krachig-hypnotischen Indie-Rock – streckenweise in allzu bekannten Gewässern – einnehmende, emotionale Momente zuhauf, die in der Form schon bei vielen anderen InterpretInnen erklungen sind, bei der Beschäftigung mit Combos vom Schlag der Deep Sea Diver drängt sich ab und an der Verdacht auf, dass Indie-Rock der neue Mainstream wird – wenn er’s nicht eh schon längst ist…
Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen deutschen Folk-/Songwriter-Band aus Göttingen (oder inzwischen Berlin).
(*** ½)

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8 Kommentare

  1. Witching Waves klingen großartig! Und Deep Sea Diver drücken bei mir den Foals-Knopf, und der zieht immer: Du sagst da natürlich völlig zu Recht, dass das streckenweise allzu bekannt daherkommt, aber gut gemacht ist es – und mir gefällt die Frontfrau 🙂 Viele Grüße, Sonja

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    1. Schon richtig, gut gemacht ist es allemal. Ich hab sowieso das Gefühl, dass es nach 50 – 60 Jahren Pop-Historie immer schwieriger wird, was neues in die Welt zu setzen… Die beiden anderen hier besprochenen Bands haben das Rad natürlich auch nicht neu erfunden, oft geht es nur um Nuancen.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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      1. Das stimmt, aber eben die Nuancen machen es ja aus: Ich frage mich, wie man mit zwanzig Jahren Abstand das, was jetzt aktuell ist, so hören wird – jetzt sagt man vielleicht „alles schon früher mal gehört“ oder „klingt so wie“, aber dann hört man das alles, so in seiner Gesamtheit, vielleicht anders, vielleicht ganz eigenständig und ganz deutlich als totalen 10er-Jahre-Sound?

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      2. Hm, da bin ich mal gespannt. Ich habe das Gefühl, da wird man sich immer schwerer tun, weil die eindeutigen Trends fehlen, so wie früher etwa Punk. Das ist zwar nicht weiter schlimm, weil es immer irgendwo gute Musik geben wird, aber man hat es bereits bei der Retrospektive auf die Nuller-Jahre gesehen, da wurden dann Sachen wie die erste Strokes-Platte repräsentativ rausgezogen, die aber auch wieder „irgendwie geklungen hat wie ….“.
        Egal, solange uns irgendwer den Alltag schön beschallt 😉
        Liebe Grüße,
        Gerhard

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      3. Stimmt – weiter schlimm wär´s natürlich nicht. (Nur für Musikredakteure vielleicht, denen allmählich die griffigen Schlagworte ausgehen dürften 😉 ) Vielleicht sollte man die Nuller- und Zehner-Jahre auch gar nicht trennen, sondern alles zusammengenommen als Doppeljahrzehnt oder Jahrzwanzig des Hipsters bezeichnen, das sich durch die Wiederaufnahme von Retroelementen und Fusionsfreudigkeit der Stile auszeichnet – und dann warten, was das nächste Jahrzwanzig vielleicht Neues bringt? Aber natürlich hast Du Recht: Generell wird´s mit den eindeutigen Unterscheidungen wohl ein Ende nehmen müssen – aber wen juckt das, solange gute Musik gemacht wird 😉 Viele Grüße, Sonja

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