Sean Noonan + Die Jazzpiraten @ Substanz, München, 2016-03-07

jazzpiraten substanz münchen 2016-03-07 --- DSC00515

„Jazz isn´t dead. It just smells funny.“
(Frank Zappa)

Nö, seltsam gerochen hat es nicht, das launige Gejazze im leider sehr spärlich besuchten Substanz am Montagabend, aber lustig war’s allemal, was die Münchner Jazzpiraten im Vorprogramm und der New Yorker Ausnahme-Drummer Sean Noonan im Hauptteil des Abends auf die kleine Bühne des renommierten Indie-Musikclubs in der Münchner Isarvorstadt stellten, Zappa als Zitatgeber passte insofern auch gut, da die Jazzpiraten und zuvorderst ihr Bandleader, der sich selbst so bezeichnende „Kunstsaxophonist“ Harry Saltzmann, ihre Werke als „erotische Balladen und andere Schweinereien“ bezeichnen, und das war ja nun ein weites Feld, auf dem das exzentrische Enfant Terrible der amerikanischen Rockmusik alles andere als zurückhaltend war. Der Tenorsaxophonist verwies bei der Anmoderation der Stücke mit viel Humor auf deren erotischen Gehalt, was er an gefühlvollem und bei Bedarf auch krachig-lautem Gebläse in Verbund mit seinen beiden hochtalentierten Mitmusikern Stephan Treutter und Renè Haderer an Drums bzw. Kontrabass in instrumentales Crossover aus Free- und Bebop-Jazz mit feinen Soul-, Swing- und Dada-artigen Blurt-Punk-Beigaben formte, machte mehr als ordentlich gute Laune. Verlangt nach Wiederholung über die volle Konzertdistanz – und das bei einem, der beim Jazz gerne mal obstinat und null zugänglich ist, wenn’s hart auf hart kommt…
(**** – **** ½)

„Menacingly surreal, often assaultive, a feast for fans of dark, challenging music…it’s a category unto itself – and one of the best in any style of music. Scary Stuff from Sean Noonan.“
(Lucid Culture)

„You think this might be boring?
C’mon man, relax, this is Sean Noonan… it’s like nothing else out there.“
(S. Victor Aaron, Something Else!)

Der Zappa-Vergleich drängte sich erneut vehement auf im Klangbild des Ausnahme-Trommlers Sean Noonan, der Mann aus Brooklyn legte einen wilden Ritt hin in Sachen unkonventionelle Sound-Ideen, vertrackte Rhythmen und halsbrecherische Tempi-Wechsel, das schräge Gebräu konnte es dahingehend allemal mit den herausragendsten Mothers-Scheiben aufnehmen, Noonan bestieg, einem Boxer gleich, im güldenen Mantel gewandet die Bühne und ging von Beginn an ein atemberaubendes Tempo im Vortrag seiner einzigartigen Mixtur, begleitet von seinen auf Augenhöhe agierenden Mitmusikanten Michael Bardon am Bass und Johnny Richards an den Keyboards erzählte Noonan seine skurrilen Geschichten, gab den herausragenden Entertainer des Trios und brillierte wie selbstverständlich mit einer avantgardistisch-experimentellen Drum-Performance, hätten Cecil Taylor oder John Zorn das Schlagzeug als Instrument gewählt, wäre derartiges vielleicht ihre musikalisch-improvisierte Ausdrucksform geworden. Die Freak-Show aus Jazz-Fusion, Weltbeat-Anleihen, eingestreuten Residents-, Half-Japanese- und Trumans-Water-artigen Avantgarde-Pop-Anklängen und vertrackten Hardcore-Bassläufen wurde zusammengehalten vom schweren, sogartigen Keyboard-Georgel des Briten Richards, der junge Mann an den Tasten gab mit seinen Blues-Phrasierungen und Soul-Einschüben den Sound-Gewittern Halt und Struktur, auch dahingehend war der Verweis auf verdiente Zappa/Mothers-Organisten wie Don Preston, Ian Underwood oder George Duke kein von der Hand zu weisender.
Eine konzertante Ausnahme-Aufführung, die die zugewandten HörerInnen permanent forderte und vor allem auch förderte in ihrer Hörgewohnheiten-Entwicklung.
Wenn die Konzertgänger dieser Stadt den Jazzern jedesmal derart die Bude einrennen wie am vergangenen Montag, braucht man sich über den Wahrheitsgehalt des bekannten Musiker-Witzes keine weiteren Gedanken machen: Treffen sich ein Rockmusiker, ein Star-Tenor und ein Jazzer und posen mit ihren Gagen. Der Rockmusiker prahlt: „Mit der verdienten Kohle meiner letzten Tour hab ich mir eine Villa in Beverly Hills gekauft.“ Der Tenor: „Mein Engagement an der Mailänder Scala hat meine letzte Luxus-Jacht finanziert.“ Zuletzt der Jazzer: „Ich hab mir den Strick-Pullover gekauft, den ich grad anhabe.“ Meinen die beiden anderen verdutzt: „Und der Rest?“ „Den Rest?“ erwidert der Jazzer, „den hat mein Vater bezahlt…“
(**** ½ – *****)

Sean Noonan spielt heute im Jazzclub Regensburg, am Freitag im Forum Westtorhalle in Murnau und am Samstag, dem 12. März im Kinocafe in Taufkirchen. Am 6. Mai wird er mit dem Brooklyn Lager Trio beim Uferlos-Festival in Freising auftreten.

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10 Kommentare

      1. So, konnte jetzt in der Mittagspause ein wenig reinhören … also mir sagen die Jazzpiraten natürlich sehr zu …

        Ja, mit Witze-Merken geht es mir wie Dir – ich hab seit 40 Jahren immer dieselben zwei auf der Pfanne.

        Weil es jahreszeitlich so gut passt, einer davon:

        Gott zu Jesus: Was machst Du an Ostern, mein Sohn?
        Jesus: Rumhängen, was sonst?

        Griaß di Gott, Birgit

        Gefällt 3 Personen

      2. OK, dann von mir noch den zweiten, den ich mir merken konnte (das war’s dann aber auch schon !!):
        Bäuerin und Bauer kommen auf den Wochenmarkt, sagt die Bäuerin zum Obststand-Verkäufer: „Ich hätte gerne 1 Kilo von den grünen, haarigen Kartoffeln.“ Sagt der Standl-Betreiber: „Das sind keine Kartoffeln, das sind Kiwi, die werden eingeführt.“ Sagt der Bauer zur Bäuerin: „Schau, und du hättst’es wieder g’fressn!“
        ** Schnell wegduck ** – viele Grüße, Gerhard ;-)))

        Gefällt 1 Person

    1. Ich wollte den schon lange mal sehen, ein Kumpel, der öfter auf Konzerte mitgeht und sich in unkonventioneller Musik gut auskennt, hat mir den bereits vor einigen Jahren empfohlen, er selber hat ihn schon oft gesehen. Die Show von Sean Noonan ist wirklich ein Ereignis.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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  1. Zappa is sowas von right: So wie ich als Mediengestalter nicht am Screen riechen kann und ungeduldig auf den Ausgänger resp. Vorabdruck warte – die dann nämlich analog-haptisch-sensuell erfahrbar sind – so ist es wohl auch mit der Musik: Life statt Konserve !

    Gefällt 1 Person

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