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„Die Roma sind wie kein anderes Volk, außer dem der Juden, anhaltender Verfolgung, Benachteiligung und Vernichtung ausgesetzt gewesen. Dieses Unrecht hält bis heute an.“
(Günter Grass)

„Die Besuche bei den bulgarischen Roma glichen Zeitreisen in die Vergangenheit. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert begegneten wir Menschen, die noch nicht einmal im 20. Jahrhundert angekommen schienen und deren rückständige Armut uns ebenso bestürzte wie ihr aufrichtiges Gemüt uns bewegte. Wehmut überkam mich, als die Ahnung zur Gewissheit wurde, das die meisten Zigeuner mit ihren tradierten Berufen im dritten Jahrtausend keinen Platz mehr finden würden. Die Roma, Überlebenskünstler seit ihrer Ankunft in Europa, mussten erfahren, das nicht nur die Macht der Märkte gegen sie war, sondern auch die Natur und die zivilisatorischen Zeichen der Zeit.“
(Rolf Bauerdick, Zigeuner, Kapitel 4, Aus der Zeit gefallen)

Rolf Bauerdick – Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk. Mit einem Nachwort von Rupert Neudeck (2015, Pantheon Verlag)

Um gleich vorneweg dem in diesem Fall falsch verstandenen Diktat der „political correctness“ den Zahn zu ziehen: Aus Sicht der Bezeichneten ist es völlig legitim, den Begriff ‚Zigeuner‘ zu verwenden, es gibt Familien und Zigeuner-Stämme, die sich in keinem Fall als Sinti oder Roma bezeichnen würden, da sie diesen Völkern schlicht nicht zugehörig sind. Der Autor und Fotograf Rolf Bauerdick rückt in der spannend zu lesenden und unkonventionellen Dokumentation viele Standpunkte, Deutungs-Allgemeinplätze, vermeintliche Sprachregelungs-Hoheiten und Vorurteile im Bezug auf die vorwiegend hier gewürdigten osteuropäischen Zigeuner zurecht, sicher letztendlich immer sehr subjektiv, allerdings, und hier liegt der besondere Wert des Buches, aus erster Hand gespeist aus zahlreichen Begegnungen mit Zigeunern, die ihm auf seinen Reisen nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Slowakei, Spanien und Frankreich begegneten.

Bauerdick thematisiert nicht nur ungeschönt die organisierte Kriminalität, er benennt auch die Diskriminierung vor allem durch die osteuropäischen Gesellschaften und die jeweilige Sozial- und Innenpolitik und die dadurch entstandene Randexistenz der ziganen Minderheiten mit all ihren Nebenerscheinungen wie mangelnde Schulbildung und entsprechend fehlende Integrations- und Entwicklungsmöglichkeiten als zentrale Ursache.

Das Moralisieren ist dem Autor fremd wie die Sympathie für den wissenschaftlichen Apparat, der noch nie einen Fuß in Zigeuner-Viertel gesetzt hat, und dem der Begriff der Feldforschung ein Fremdwort ist. Bauerdick entlarvt falsch verstandene Solidarität von Betroffenheits-Literaten wie Heinrich Böll oder Luise Rinser, die in den achtziger Jahren unkritisch, undifferenziert und unreflektiert im für Nachkriegs-Deutschland typischen Schwarz-Weiß-Polarisieren kommunale Maßnahmen im Bezug auf verwahrloste Roma-Unterkünfte anprangerten, und er verwehrt sich vor allem gegen die vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und dessen Vorsitzenden Romani Rose beanspruchte Definitionsmacht und Vertreter-Rolle. Das der Autor mit derartigen Aussagen und Argumenten selbst polarisiert, liegt auf der Hand.

Lesenswert machen das Buch vor allem die vielen geschilderten eigenen Begegnungen des Autors mit Zigeunern, Sinti und Roma, in denen er die Menschen in all ihren Facetten kennen- und auch schätzen lernte, in ihrem oft skurrilen Aberglauben genau so wie in ihrer herzlichen Gastfreundschaft, in ihrer Brutalität, in ihrer kriminellen Energie, die sich oft in der Ausbeutung des eigenen Volkes in Form von Kredit-Wucher, Zwangsprostitution und dem Rekrutieren für organisierte Bettler-Banden äußert, in ihrer Lebensfreude wie in ihrer Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit. Gerade diese reflektierten und zum Nachdenken anregenden Geschichten unterscheiden das Buch von herkömmlichen, stringent durchargumentierten Dokumentationen, auch wenn so für viele geschilderte Probleme letztendlich die Antworten und Vorschläge für Lösungen und Verbesserung der Zustände nur angedeutet oder auch völlig offen bleiben.

„Die Völker Osteuropas hatten das Experiment des Kommunismus beendet und pfiffen die Signale zum letzten Gefecht. Die Weltherrschaft des Proletariats wurde auf unabsehbare Zeit vertagt, eine Ideologie im Übrigen, für die sich Zigeuner nie ereifern konnten. Der reale Sozialismus starb, nachdem er splitternackt dastand und seinen Wesenskern entblößt hatte. Der entpuppte sich als Warten. (…) Im Grunde brach der ganze sozialistische Block zusammen, weil Menschen des Wartens überdrüssig waren.“
(Rolf Bauerdick, Zigeuner, Kapitel 2, Träume und Traumata)

Eine nonkonformistische Dokumentation über ein Volk, das von den Lebensumständen, dem gesellschaftlichen Modell und der Ideologie im sozialistischen Ostblock unbeeindruckt und letztendlich auch freiwillig isoliert blieb, dort aber irgendwo seinen – wenn auch stark reglementierten – Freiraum fand, das im Postkommunistischen Zeitalter durch die wirtschaftsliberalen Entwicklungen aber vollends an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde und dem exemplarisch durch die Überflutung des (ost)europäischen Marktes mit chinesischem Wegwerf-Billig-Blech-Schrott die Erwerbsgrundlage für den tradierten Beruf des Kesselflickers entzogen wurde.

Der Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck kritisiert in seinem knappen Nachwort die Versäumnisse der Integration der Zigeuner im Rahmen des gesamteuropäischen Prozesses, in dem es wichtig gewesen wäre, Beitrittsländer zum Schutz ausgewiesener Minderheiten zu verpflichten und diesen so zu mehr Emanzipation zu verhelfen.
Die Versäumnisse sind in der aktuellen Innen- und Gesellschaftspolitik von Ländern wie Ungarn unübersehbar.
Darüberhinaus weißt er darauf hin, dass der Umgang mit den Zigeunern im Inland bisher nur rein karitativ geprägt oder aufgrund der NS-Vergangenheit rein geschichtspolitisch motiviert war, bezüglich tragfähiger Gestaltungs- und Integrationsansätze bestehen auch hier nach wie vor eklatante Defizite.

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4 Kommentare

  1. Da kann ich mich nur anschließen: Danke für den Tipp. Es gibt eben nicht DEN ZIGEUNER – und sich mit den Menschen ehrlich zu beschäftigen, die direkte Begegnung zu suchen und, nicht zuletzt, sie selbst erzählen zu lassen, bedeutet für mich, dass der Autor diese Menschen ernst nimmt. Genau das ist es, was weder die Verdammung einerseits, noch ihre Verklärung andererseits leistet: sie menschlich ernst zu nehmen. Die Pauschalkeulen zu schwingen, hilft hier, wie immer, niemandem – selten findet sich Einer, der sich die Mühe individueller Erfahrung und möglichst umfassender Dokumentation macht. Liebe Grüße, Sonja

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