Reingehört (154)

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PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (2016, Island / Universal)
Wie bereits beim Vorgänger-Album ‚Let England Shake‘ (2011, Island) finden sich die Ecken und Kanten des neuen PJ-Harvey-Albums vor allem in den Texten, seinerzeit in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem Heimatland, im aktuell vorliegenden Werk in den Songs über schwierige und gefährliche Lebenswelten in Washington DC, im Kosovo, in Afghanistan oder in namenlosen Flüchtlingslagern dieser Welt, wie bereits vielfach zu lesen war, hat die englische Ausnahmemusikern all diese Orte zusammen mit dem renommierten Kriegsfotografen Seamus Murphy besucht und die gewonnenen Eindrücke in ihrer Song-Lyrik verarbeitet – hinsichtlich thematischer Auseinandersetzung mit sozialer Verwahrlosung und prekären Lebensumständen speziell in den Staaten haben’s da nicht unbedingt auf die Frau Harvey gewartet, dieser Problematik widmeten sich beispielsweise bereits die Musiker aus dem Muddy-Roots-Umfeld ergiebigst und auch Fotografen wie Seph Lawless oder Sebastian Weidenbach in ihrer Kunst, da das Elend dieser Welt ein grenzenloses ist, kann eine weitere Würdigung indes gewiss nicht schaden.
Nachdem Polly Jean Harvey in frühen Werken vor allem ihre persönlichen, dunklen Seiten ausleuchtete, hat sich in den letzten Jahren der Blickwinkel in Richtung Verwerfungen der globalisierten Aussenwelt geändert.
Auf musikalischer Ebene ist auf dem neuen Album hinsichtlich innovativer Perspektive wenig zu vernehmen, der Harvey-Sound stagniert auf hohem Niveau in Referenz zu ihren für die Hörerschaft zugänglichsten Werken wie ‚Stories From The City, Stories From The Sea‘ (2000, Island) oder eben ‚Let England Shake‘, bezüglich Verzweiflung widerspiegelnder Brachial-Ausbrüche und in Ton gefasster Eruptionen, wie sie auf ihrem bis dato besten Album ‚To Bring You My Love‘ (1995, Island) zuhauf zu vernehmen waren, muss sich der Hörer lange gedulden, der Swamp-Blues „The Ministry Of Social Affairs“ erst gegen Ende des Albums bietet dahingehend mit seinem spannenden Free-Jazz-Saxophon-Getröte Erwähnenswertes.
‚The Hope Six Demolition Project‘ weiß als Gesamtwerk durchaus zu gefallen, nach immerhin fünf Jahren Wartezeit seit der letzten Veröffentlichung bleibt die Hoffnung auf musikalische Weiterentwicklung jedoch eine unerfüllte, wenn nicht unterschwellig enttäuschte…
(**** – **** 1/2)

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9 Kommentare

    1. Die letzten beiden Platten gehen gut ins Ohr, unter die Haut bei mir aber eher gar nicht. Da bin ich dann doch eher vom Frühwerk ergriffen – wie auch immer, ich denke, schlechte Platten sind es so oder so nicht.
      Viele Grüße,
      Gerhard

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  1. Lieber Gerhard,
    vom Album kenne ich nur einige Lieder. Doch die Entstehungsgeschichte enthält für mich das Schlüsselwort Kunst. Hope Six/ Hope VI ist der Name eines amerikanischen Rettungsprogrammes. Und sie geht quasi mit dem künstlerischen Hammer dazwischen. Interessant ist auch, dass der Background-Chor nur aus Männern besteht und scheinbar verbindendes Element der „Message“ ist. Das was ich bereits kenne, erinnert mich an künstlerische Postkarten ohne Pathos auf einem wiederholt hohen Niveau. Schließlich ist sie bei Island Records fast 25 Jahre unter Vertrag und bewegt sich heute im Mainstream-Kontext. Für mich schafft sie diesen Spagat zwischen Kommerz und Qualität, was nicht leicht ist.
    Liebe Grüße,
    Stefan

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    1. Lieber Stefan,
      Mainstream-Kontext ist glaub ich genau das Schlüsselwort, sehe ich auch so. Aber Du hast Recht, sie schafft es weiterhin, gute Qualität abzuliefern, auch wenn sie mich mit früheren Alben schon mal mehr gepackt hat.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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  2. letztendlich entscheidet bei der Bewertung der einzelnen Platten dann ja auch immer die individuelle Lebensabschnitt-Komponente….zumindest bei mir 🙂
    „To Bring You My Love“ lief bei mir damals hoch und runter…das hat danach nur noch „Henry Lee“, aber kein Album mehr von der trotzdem sehr geschätzten Polly geschafft

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