Reingelesen (43)

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„Nein, wenn sie einem Mann einen Schlag versetzen wollen, mussten sie etwas haben, was sicherer und präziser als ein Hammer war. Und da entschieden sie sich für elektrischen Strom.“
„Mein Gott, haben die sich nicht überlegt, was das für Schaden anrichten kann? Hat die Öffentlichkeit nicht dagegen protestiert?“
„Ich glaube, Sie verstehen nicht richtig, worum es der Öffentlichkeit geht, mein Freund. Wenn in diesem Land etwas nicht in Ordnung ist, dann ist die schnellste Lösung immer die beste.“
(Ken Kesey, Einer flog über das Kuckucksnest, Zweiter Teil)

Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest (1985, Zweitausendeins)

Kesey Revisited, Teil 1: Einer der wichtigsten amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts hat auch nach weit über 50 Jahren seit Erstveröffentlichung nichts an gesellschaftskritischer Brisanz verloren, er funktioniert nach wie vor als gewichtiges Plädoyer für die Freiheit des Individuums und als Statement gegen die Überwachung und Reglementierung durch Institutionen und staatliche Apparate. Die Geschichte von der psychiatrischen Anstalt, der dort diktierenden und manipulierenden – an Orwell angelehnten – „Großen Schwester“ Mildred Ratched und ihrem Widersacher, dem gegen das System aufbegehrenden, zwangseingewiesenen Strafgefangenen Randle Patrick McMurphy ist ein Drama, das sich wie jede gute Erzählung in mehreren Ebenen entfaltet.

Zum einen ist es die Biografie des Ich-erzählenden Halbindianers Chief Bromden, der den Prozess seiner eigenen, isolierten Passivität und sein Zurückfinden in das gesellschaftliche Leben dokumentiert, ergänzend hierzu bekommt der Leser im Nebenstrang ein Gespür für die Entmündigung der US-amerikanischen Ureinwohner Mitte des 20. Jahrhunderts vermittelt.
Die vom dominierenden realistischen Erzählstil abgehobenen Schilderungen von Wahrnehmungen unter Einfluss von Psychopharmaka verleihen dem Roman ein psychedelisches Element, Kesey ließ hier seine Erfahrungen aus dem CIA-Forschungsprogramm MKULTRA über die Möglichkeiten von Bewusstseinskontrolle durch Verabreichung von halluzinogenen Drogen einfließen, an dem er Ende der fünfziger Jahre freiwillig teilnahm, wie seine Inspiration für den Roman durch seine Tätigkeit als Aushilfe in der psychiatrischen Abteilung des kalifornischen Veterans Hospital Menlo Park verleihen diese persönlichen Eindrücke dem Werk die entsprechende Glaubwürdigkeit. Die Beschreibungen von damals gängigen Behandlungsmethoden wie der Elektroschock-Therapie tun als Schilderungen aus erster Hand ihr übriges.

Zentrales Motiv des Romans ist das Aufbegehren gegen die „Große Schwester“ und ihre absurden Stations-Vorschriften der polternden Spielernatur McMurphy, des nonkonformistischen irischen Raubeins, der sich keinen Normen und Regeln unterwerfen mag und in seinem Drang nach Freiheit die letargischen, sich selbst kasteienden und völlig passiven Insassen zur Rebellion gegen das Establishment  und die herrschenden Zustände in der Klinik anfeuert.

„Niemand beschwerte sich über den vielen Nebel. Ich weiß jetzt auch, warum: So schlimm er ist, man kann sich wenigstens darin verkriechen und in Sicherheit fühlen. Das ist es, was McMurphy nicht begreifen kann: dass wir uns sicher fühlen wollen. Er versucht dauernd, uns aus dem Nebel nach draußen zu ziehen, wo man uns leicht bekommen könnte.“
(Ken Kesey, Einer flog über das Kuckucksnest, Erster Teil)

Zu spät entdeckt der strafgefangene Querulant, der letztendlich der Willkür der Anstaltsleitung ausgeliefert ist, dass er von den freiwilligen Insassen der Heilsanstalt, die jederzeit ein Wahlrecht hinsichtlich ihrer eigenen Entlassung haben, für deren Zwecke manipuliert und missbraucht wird. In diesen Sequenzen zeigt sich auch McMurphys sensible Seite, hervorgerufen durch die Erkenntnis des möglichen Scheiterns.

Die letztendliche Niederlage des Kopfes der Revolution, bedingt durch eine eskalierende Katastrophe zum Finale des Romans, birgt den Sieg der verbleibenden Patienten über eine gebrochene, in ihren Grundfesten erschütterten „Großen Schwester“ und vor allem den Sieg des Indianers Chief Bromden, dem McMurphy den Weg aus der Passivität wies, der sich seiner Stärken bewusst wird und durch einen einzigen, befreienden Kraftakt den Weg in seine angestammte Lebenswelt zurückfindet – No you won’t fool the children of the revolution, wie Marc Bolan seinerzeit so schön sang…

Die flüssig zu lesende und sich vor allem durch geschliffene Dialoge auszeichnende, durch die paranoiden, Medikations-bedingten Phantasien Chief Bromdens und durch detaillierte Schilderungen aus dem psychiatrischen Betrieb bereicherte Erzählung vom Freigeist McMurphy und seinem Aufbegehren dient noch heute als Metapher für den Widerstand gegen kontrollierende und überwachende Institutionen, im Handeln eines Edward Snowden, in seiner individuellen Aktion gegen die NSA in diesen Zeiten der sich verselbstständigenden Überwachungs- und Nachrichtendienste finden sich auch aktuell exemplarische Parallelen zur Erzählung aus der Anstalt.

„Wie hatte er es geschafft, ihnen zu entgehen? Vielleicht war es wie beim alten Pete, und der Apparat verpasste es, ihn rechtzeitig in die Mangel zu nehmen. Vielleicht hat ihn die Schule nie lange halten und bearbeiten können, und er hat sich schon als Junge im ganzen Land herumgetrieben und ist nie länger als ein paar Monate an einem Ort geblieben, und dann hat er sich mal als Holzfäller betätigt, mal als Spieler oder als Anreißer für Glücksräder auf dem Jahrmarkt, immer in Bewegung, so dass der Apparat nie eine Chance hatte, ihm etwas einzubauen.“
(Ken Kesey, Einer flog über das Kuckucksnest, Erster Teil)

„Einer flog über das Kuckucknest“ wurde zweimal ins Deutsche übertragen, 1972 für die deutsche Erstausgabe im März-Verlag von Hans Herrmann (u.a. auch Übersetzer von Werken von John Irving und Richard Ford), und 1985 in einer weiteren Bearbeitung für die Zweitausendeins-Neuausgabe durch den Burroughs-, Bukowski- und Algren-Experten Carl Weissner.
Die Herrmann-Übersetzung ist nach wie vor als Rowohlt-Taschenbuch im Buchhandel erhältlich.

Das Werk wurde 1975 von Miloš Forman mit Jack Nicholson als sensationell aufspielendem McMurphy-Darsteller, Louise Fletscher als Schwester Ratched sowie Will Sampson, Brad Dourif und Danny DeVito in weiteren Hauptrollen kongenial verfilmt, der Streifen gilt bis heute völlig zu Recht als eine der gelungensten Hollywood-Literaturadaptionen, wenngleich Ken Kesey den Film nie selbst gesehen haben soll und insbesondere monierte, das er nicht aus der Sicht des Native Americans Bromden erzählt wird.
Neil-Young- und Willy-DeVille-Spezi Jack Nitzsche hat die Musik zum Film geschrieben.
Die Kesey-Verfilmung erhielt 1975 fünf Oscars für den besten Film, die beste Regie, das beste adaptierte Drehbuch, die beste Hauptdarstellerin und den besten Hauptdarsteller, er ist damit neben „Es geschah in einer Nacht“ (1935, Frank Capra) und „Das Schweigen der Lämmer“ (1991, Jonathan Demme) einer der drei Filme, die bisher bei den Academy Awards alle „Big-Five“-Kategorien gewinnen konnten.

Ken Kesey wurde 1935 in Colorado geboren, ab 1959 studierte er an der kalifornischen Stanford University Kreatives Schreiben. Nach dem Welterfolg von „Einer flog über das Kuckucksnest“ gründete er Anfang der sechziger Jahre zusammen mit anderen Künstlern und LSD-Befürwortern die „Merry Pranksters“, mit denen er durch die USA tourte und „Acid Tests“ genannte LSD-Happenings veranstaltete. Bekanntestes Mitglieder der Pranksters war der Kerouac-Spezi Neal Cassady, dem der Beat-Poet in der Figur des Dean Moriarty in „On The Road“ ein Denkmal setzte. Der Schriftsteller Tom Wolfe verarbeitete seine Erfahrungen mit den Pranksters in seinem Buch „The Electric Kool-Aid Acid Test“ (1968, aktuelle deutsche Ausgabe: 2009, Heyne Verlag).
Die Grateful Dead fungierten in der Zeit, anfangs noch unter dem früheren Bandnamen The Warlocks, als Begleitband der Happenings.
Ken Kesey moderierte das Benefiz-Konzert der Dead für die Springfield Creamery am 27. August 1972 in den Old Renaissance Faire Grounds in der Nähe seiner Farm in Veneta/Oregon, das Konzert gilt bei vielen Deadheads als das Beste in der jahrzehntelangen Karriere der Jam-Band-Institution, nachzuprüfen seit 2013 auf der exzellenten Rhino-4-CD/DVD-Box ‚Sunshine Daydream‘.
1964 veröffentlichte Ken Kesey mit „Manchmal ein großes Verlangen“ (engl.: Sometimes a Great Notion, dt.: 1987, Rowohlt, vergriffen) einen weiteren herausragenden Roman, der 1970 von Paul Newman mit ihm selbst, Henry Fonda und Lee Remick in den Hauptrollen verfilmt wurde, das Werk wurde für zwei Oscars nominiert. Eine Würdigung des Romans ist für die Zukunft an dieser Stelle geplant.
Die 1989 bzw. 1992 veröffentlichten, weitaus weniger erfolgreichen Kesey-Romane „Caverns“ und „Sailor Song“ wurden offensichtlich nie ins Deutsche übersetzt, Gegenteiliges/Korrigierendes hierzu gern in die Kommentarfunktion rein.
In späteren Jahren hat sich Ken Kesey nach etlichen Prozessen wegen Drogenbesitz und einer zwischenzeitlichen Flucht nach Mexiko auf der Familien-Farm in Pleasant Hill/Oregon niedergelassen. 1984 musste er den Tod seines 20-jährigen Sohnes Jed betrauern, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Am 10. November 2001 ist Ken Kesey an den Folgen einer Leberkrebs-Operation in Eugene/Oregon gestorben. Er wurde 66 Jahre alt.

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8 Kommentare

  1. Die Zweitausendeins-Ausgabe halte ich auch in Ehren … klasse, dass du diesen Klassiker hier vorstellst und auch Kesey. Ein wenig wußte ich von seiner Biographie, hab aber nie intensiv recherchiert – und so dass es ein zweites Buch in deutscher Übersetzung gab, entging mir ganz … danke für den Hinweis!
    Und ich freue mich schon auf die versprochene Würdigung!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Birgit. ‚Manchmal ein großes Verlangen‘ ist damals auch als Erstausgabe beim März-Verlag rausgekommen, 21 Jahre nach der amerikanischen Ausgabe, die Rowohlt-Taschenbuchausgabe war eine Weile länger verfügbar. Liegt auf dem Stapel der Bücher, die ich mal wieder lesen will, ganz oben. Beim ersten Mal fand ich’s sehr stark.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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