Reingehört (180): The Low Anthem, The Felice Brothers

KULTURFORUM The Felice Brothers @ Strom München 2014-11-11 (41)

The Low Anthem – Eyeland (2016, Razor & Tie/Washington Square)
Nach fünf Jahren ein neues Lebenszeichen der (ehemaligen?) Vorzeige-Folker aus Providence/Rhode Island um den charismatischen Sänger Ben Knox Miller: lange mussten die Fans warten auf neues Low-Anthem-Material, vor allem aufgrund der beiden zurecht hochgelobten Vorgänger-Alben „Oh My God, Charlie Darwin“ (2008, Nonesuch) und „Smart Flesh“ (2011, Bella Union) mit ihrer bezwingend-ästhetischen Spielart des filigranen amerikanischen Folk und ihren eingestreuten schmissigen Americana-/Indie-Folk-Rockern war die Erwartungshaltung groß, mit jedem weiteren Jahr stieg die Spannung – was Miller indes zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Jeff Prystowsky an elf neuen Arbeiten abliefert, dürfte bei dem ein oder anderen langjährigen Freund der Band für gewisse Verstörungsmomente und generelle Ratlosigkeit sorgen.
The Low Anthem bezeichnen ihren hier präsentierten, komplett runderneuerten Sound als „Future Folk“, die weiteren tonalen Beigaben, die in das neue Material gewoben werden, sprengen die Grenzen des Genres immens.
Neben fein gewobenen Folk-Mustern dominieren bisher von der Band ungehörte psychedelische Elemente, ätherisches Easy-Listening-Gedudel und ausgedehnte Ausflüge in den experimentellen Ambient- und Drone-Bereich.
„Her Little Cosmos“ besticht durch eine ungewohnte Science-Fiction-Rhythmik, „Ozzie“ ist großartiger Pop, die Losgeh-Nummer wird jedoch mittig von Beefheart-artiger Sound-Dissonanz zerhackt.
„Wzgddrmtnwrdz“ ist wüstes Experimental-Gefrickel, das „Yellow Submarine“ von den Liverpooler Langweilern ausgiebigst zitiert und „Am I The Dream Or Am I The Dreamer“ lässt weit mehr Reminiszenzen an die kalifornischen Multimedia-Avantgardisten von den Residents erahnen als an irgendwelche Volksmusik-Querverbindungen.
Einzig die Piano-Ballade „Dream Killer“ erinnert in ihrer schlichten Schönheit an frühere Wohltaten vom Schlage „Ghost Woman Blues“, „To Ohio“ oder „This God Damn House“, mehr bleibt auf „Eyeland“ nicht an Würdigung der eigenen Vergangenheit.
Man muss kein Prophet sein, wenn man sich zu der Aussage versteigt, dass die Band mit dem neuen Werk einige neue Freunde gewinnen, im selben Zug aber auch etliche alte verprellen wird.
Wer auch nur einen Funken Nerv für das musikalische Experiment besitzt, zeige keine Scheu, Traditionalisten erfreuen sich hingegen weiter am Frühwerk der Band oder an der Erinnerung an beeindruckende Konzerte wie eben jenes, das The Low Anthem im März 2011 im Rahmen ihrer Smart-Flesh-Tour im Münchner Ampere gaben.
(**** – **** ½)

The Low Anthem @ Ampere, München, 2011-03-30 / archive.org
Setlist: Ghost Woman Blues / Sally Where’d You Get Your Liquor From / Burn / To The Ghosts Who Write History Books / Ticket Taker / Apothecary Love / Home I’ll Never Be / Hey, All You Hippies! / Love And Altar / Evangeline / Matter Of Time / This God Damn House / To Ohio / Flowers In The Mist / Cigarettes, Whiskey & Wild, Wild Women / Boeing 737 / Charlie Darwin / Bird On A Wire > encore break / Smart Flesh

The Felice Brothers – Life In The Dark (2016, Yep Roc Records)
Alles beim Alten hingegen bei den Felice Brothers, die Brüder aus New York zelebrieren auf ihrem neuen Tonträger ihre Honkytonk-/Folk-Schunkler und Alternative-Country-Balladen in gewohnt lakonischer Melancholie, mit ihrem ureigenen Americana-Material besinnt sich das Quintett auf die großen früheren Würfe wie dem selbstbetitelten Album aus dem Jahr 2008 oder „Yonder Is The Clock“ (2009, beide Loose Records), das neue Album atmet die Atmosphäre von authentischen Field Recordings, Musizieren auf der Holzveranda und improvisiertem Spaß in der Scheune. Weitaus mehr Basement Tapes als großer Konzertsaal und darum umso schöner.
“This is an album about living in Dreamsville, USA, playing music with your friends and just letting it come into being like a radio transmitting messages.”
(****)

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6 Kommentare

    1. War anfangs auch etwas ratlos, zumal das in der Form nicht zu erwarten war. Aber irgendwie bewundere ich ihren Mut.
      Und: Ambient + Experiment gehen immer…
      Viele Grüße,
      Gerhard

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    1. Du hast völlig recht, bei den Felice Brothers musste ich schon oft an Dylan denken, vor allem bei ihren frühen Alben „Tonight At The Arizona“ und „Through These Reins And Gone“ (bei letzterem ist sogar was von Bob dem Meister drauf, „Going Going Gone“),
      liebe Grüße,
      Gerhard

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