Lost & Found (6): Rainer Ptacek

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Den geerdeten Indie-Slide-Gitarren-Blues haben sie nicht erst im Muddy-RootsUmfeld erfunden, man muss im Plattenregal nur ein wenig in der Arizona-Abteilung wühlen, dann stolpert man zwangsläufig über einen Mann, der in dem Bereich bereits vor Jahrzehnten großartige Pionier-Arbeit geleistet hat.

Rainer Ptacek, 1951 in Ost-Berlin als Sohn deutsch-tschechischer Eltern geboren und Mitte der fünfziger Jahre zusammen mit der Mischpoke dem Arbeiter- und Bauern-Paradies in Richtung Chicago/Illinois entflohen, ist in der nordamerikanischen Metropole intensiv mit dem Blues der großen schwarzen Urväter des Genres in Berührung gekommen. In den frühen Siebzigern zieht es ihn in die Wüste nach Tucson/Arizona, wo er sein eigenes Trio Rainer & Das Combo betreibt und zusammen mit Howe Gelb die Combo Giant Sandworms gründet, aus der später Gelb’s Band Giant Sand hervorgehen wird.
Billy Gibbons von ZZ Top und Robert Plant sind schwer beeindruckt von seiner Arbeit, mit dem ex-Zeppelin-Frontmann arbeitet Ptacek später im Rahmen der „Fate Of Nations“-Sessions zusammen.
1996 fällt er vom Fahrrad und erleidet einen Gehirn-Schlaganfall, im Rahmen der medizinischen Untersuchungen wird bei Ptacek ein nicht operabler Gehirntumor entdeckt. Bedingt durch die folgende Chemotherapie muss er das Gitarrenspiel neu erlernen, nach zwischenzeitlicher Erholung verschlechtert sich sein Zustand ab Mitte 1997, am 12. November desselben Jahres stirbt Rainer Ptacek im Alter von 46 Jahren, er hinterlässt in der zeitgenössischen Blues-Musik eine nicht mehr zu schließende Lücke und bleibt ein großer Unvollendeter seines Fachs.

Zur finanziellen Unterstützung der kostspieligen Therapien organisierten befreundete Musiker zwei Tribute-Sampler, auf der von Robert Plant und Howe Gelb initiierten Sammlung „The Inner Flame – A Tribute to Rainer Ptacek“ (1997, Atlantic) interpretieren Größen wie etwa Gelb und Plant selbst, Emmylou Harris, Jonathan Richman oder Evan Dando Rainer-Material, das Album ist 2012 in erweiterter Version bei Fire Records wiederveröffentlicht worden. Herausragend sind das LoFi-Kleinod, das Vic Chesnutt mit seiner Frau Tina beisteuert und der schräge Vaudeville-Kracher von PJ Harvey, John Parish und dem langjährigen Beefheart-Gefährten Eric Drew Feldman, der Glitterhouse-Katalog hat seinerzeit über die Harvey-Bearbeitung von „Losin‘ Ground“ den folgenden Schenkelklopfer rausgehauen: „PJ Havey läßt ihr ich-bin-ja-so-eine-intensive-Frau-Gehabe größtenteils bleiben, was dem Stück nicht schlecht bekommt“ ;-)) Besonders erwähnenswert ist auch die „Life Is Fine“-Interpretation von Madeleine Peyroux, die das Stück als entspannten New-Orleans-Sumpf-Blues bringt, auch in der Version bleibt der Titel eine exzellente Nummer.
Weitaus weniger prominent besetzt, dafür stilistisch stimmiger und homogener gestaltete sich das Fundraising-Tribute „Wood For Rainer – A Wooden Ball Compilation“ (1996, Epiphany) im Geiste des Alternative Country und Folk-Blues (mit einem nicht weiter störenden Soul-Ausreißer), live eingespielt im Club Congress in Tucson/Arizona, mit unter anderem Rainer himself („Top Of The World“, einer seiner größten Würfe, in jedweder Version), Howe Gelb, dem Rich-Hopkins-Spezi Billy Sedlmayr und Szene-Größen wie Al Perry („The Only Thing That Hurts Now Is The Pain“ !!!), Greyhound Soul und Naked Prey.

Rainer & Das Combo – Barefoot Rock With Rainer & Das Combo (1998, Glitterhouse)
Bereits 1986 als LP veröffentlicht, hat das verdiente Beverunger Label Glitterhouse das mit seiner Stamm-Combo eingespielte Rainer-Werk in den Neunzigern mit vier zusätzlichen Bonus-Tracks wieder aufgelegt. Allein schon wegen „Life Is Fine“ im Band-Gewand jeden Cent wert. Das Opus offenbart sich als abgehackte Blues-Feedback-Orgie, hätten Pink Floyd in der Frühphase der Band schlechte Drogen konsumiert (haben sie wahrscheinlich sowieso) und im Bereich der afroamerikanischen Volksmusik weiterexperimentiert, wäre wohl etwas Vergleichbares in der Güte entstanden.
Ansonsten bietet das Album eine launige Sammlung von trashigem Bottleneck-Bluesrock, gestandenen Garagen-Boogie-Stampfern, süffigen Slide-Instrumentals und eine Handvoll psychedelische Prog-Blues-Perlen, die von der charakteristisch-fiebrigen Stimme Rainers gekrönt werden, die seltsamer Weise in etlichen Phrasierungen an Bryan Ferry in der Roxy-Frühphase erinnert, andere Hörer haben vermehrt den Talking Head David Byrne als Vokal-Referenz genannt. Neben Eigenkompositionen Coverversionen zuhauf von Robert Johnson, Willie Dixon, Billy Boy Arnold und anderen Ahnherren des Blues.

Rainer & Das Combo – The Texas Tapes (1996, Glitterhouse)
In Billy Gibbons‘ Gold Star Sound Services Studio abgemischt, aufgepeppt und klangtechnisch exzellent produziert. Seine eingängigste Platte, böse Zungen würden wohl „Mainstream“ und „Gary Moore“ motzen, was Wunder, die Stücke wurden mit den Rauschebärten von ZZ Top als Backing-Band eingespielt, Gibbons und Co durften aber aus rechtlichen Gründen namentlich nicht auf dem Platten-Cover genannt werden.
„Merciful God“ ist allerdings eine großartige Instrumental-Slide-Bluesrock-Ballade, die einer wie Ry Cooder wohl auch gerne eingespielt hätte.
Inklusive dreier Bonus-Tracks in gewohnt erstklassiger Rainer-Solo-/Akustik-Manier, in der Fremdkomposition „Another Man“ verneigt er sich würdig vor einem seiner vermutlich größten Vorbilder, der Delta-Blues-Legende Big Joe Williams.

Rainer – Nocturnes (1998, Glitterhouse)
Sechs Instrumental-Meditationen, mit National Steel Guitar und elektronischen Loops atmosphärisch dicht in Szene gesetzt, der „Paris, Texas“-Soundtrack von Ry Cooder mag ab und an als Bezugspunkt durch’s Hirn zucken, tribalistische Beschwörungs-Töne und Verneigungen vor American-Primitive-Guitar-Größen wie Leo Kottke oder John Fahey runden den Wüsten-Blues zu einem stimmigen Ganzen ab. „Within You, Without You“ vom Beatles-Fußeinschläferer Harrison treibt er in der Instrumental-Version in geradezu spannende Gefilde.
Das Glitterhouse-Label schrieb seinerzeit in der Presse-Info: „Etwa wie Ry Cooder auf schlechtem Acid. Perfekte late night music“, da mag man nicht widersprechen.
Als Bonus-Beigabe gibt es als The-Grid-Remix das extrem entspannte Trance-/Ambient-Stück „Nod To N2O“ als 12-minütigen, sphärisch-meditativen Rausch.

Rainer – Live At The Performance Center (2000, Glitterhouse)
Aufzeichnung des Solo-Konzerts, dass der Ausnahme-Musiker am Vorabend zu seinem 46. Geburtstag (es sollte sein letzter sein) in seiner Wahlheimat Tucson/Arizona gab.
Schwerer, dem angeschlagenen Gesundheitszustand entsprechender Solo-Slide-Blues, 20 ausgewählte Werke auf der National Steel dargereicht, gewichtige eigene Werke und Fremdmaterial aus der Feder von unter anderem Billie Holiday, Willie Nelson und J.B. Lenoir.
Die prägnant-eindringliche Stimme schwebt über dezentem Anschlag, beherztem Akkord-Greifen und dem Spiel mit zwei alten Bandschleifen, mit Hilfe derer Rainer Ptacek oft mehrere Riffs und Licks gleichzeitig gegeneinander oder ein darübergespieltes Solo laufen lässt, ohne je in undefinierbarem Soundgebräu zu scheitern, immer einer klaren Songstruktur verpflichtet. Selten war Akustik-Blues spannender.
Das Album dokumentiert einen vor Leben strotzenden Künstler, der auf der Höhe seines Könnens agiert. Fünf Monate später erliegt er seinem Krebsleiden.

Rainer – Worried Spirits (2000, Glitterhouse)
Wiederveröffentlichung des bereits 1992 in den Staaten erschienenen Solo-Albums, das die Intensität der Live-Auftritte perfekt widerspiegelt. Die Schwere der Einsamkeit und die Weite der Wüste Arizonas, es findet sich alles an Assoziationen auch hier im Existentialisten-Blues des Rainer Ptacek, der seine Slide-Gitarren-Kleinode oft bis auf das blanke Skelett der Songstrukturen freilegt und so diese traditionelle Musik in ihrer reinsten Erscheinungsform zeigt.
Eine intensive Folk-Blues-Messe mit Verweisen auf Roosevelt Sykes, Willie Nelson und Greg Brown. Enthält zudem die Solo-/Akustik-Version seines „Life Is Fine“-Krachers und eine sensationelle Fassung des Traditionals „Long Long Way To The Top Of The World“.
Stilistisch angelehnt an die großen Country-Blues-Solo-Scheiben der alten Helden John Lee Hooker, Big Joe Williams, Lightnin‘ Hopkins und Fred McDowell aus deren Schaffensphase von circa Ende der 50er bis Mitte der 60er-Jahre und somit ganz großer Sport.

Rainer – Alpaca Lips (2000, Glitterhouse)
Posthum veröffentlichte Studioaufnahmen, in denen Rainer größtenteils solistisch unterwegs ist, lediglich auf der sagenhaft intensiven Interpretation der Stevie-Wonder-Nummer „Pastime Paradise“, die er in der Version in Richtung schwerst ergreifende Ballade treibt, wird er von den beiden führenden Calexico-Köpfen John Convertino und Joey Burns optimalst unterstützt.
Das Album bewegt sich stilistisch zwischen instrumentalen Akustik-Drone-Experimenten und klaren Songstrukturen, in beiden Extremen eine gelungene Ergänzung und Erweiterung zu seinen zu Lebzeiten erschienenen Alben. Ambient und der immer zeitgemäße Country-Blues der Vorväter gehen eine gelungene Symbiose ein. Man kann mit diesem Album mehr als nur erahnen, was da noch gekommen wäre…

Rainer – 17 Miracles / The Best Of Rainer (2006, Glitterhouse)
Schöne Best-Of-Compilation des Hauses Glitter mit Schwerpunkt auf die Alben „Alpaca Lips“, „The Farm“ und „Live At The Performance Center“.
Ideale Übersicht als Einstiegspunkt in die wundersame Blues-Welt des Rainer Ptacek.

Rainer with Joey Burns & John Convertino – Roll Back The Years (2011, Bandcamp)
Im Sommer 1997 mit der ehemaligen Giant-Sand-Rhythmusabteilung eingespielt, die hier das Grundgerüst für den Rainer-Wüsten-Blues liefert. Der relaxte „Desert Noir“-Ansatz der beiden Calexico-Vorturner harmoniert perfekt mit dem National-Steel-Anschlag des Ausnahmegitarristen, der hier im Haus von Howe-Gelb-Freund Bill Carter eine der letzten Male für Studioaufnahmen zugange war. Stimmig restauriert, abgemixt und posthum veröffentlicht.

Rainer Live @ The Sound Factory, Tucson/Arizona, 1986-04-08 / KXCI Studios, Tucson/Arizona, 1983-12-05 / archive.org

rainer_ptacek_xx

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