Reingelesen (48): Henning Mankell – Die Rückkehr des Tanzlehrers

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„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
(Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui)

Henning Mankell – Die Rückkehr des Tanzlehrers (2002, Paul Zsolnay Verlag)

Mit dem 2000 im Original in seiner skandinavischen Heimat erschienenen Roman ist Henning Mankell eine spannend zu lesende Auseinandersetzung mit dem schwedischen Rechtsextremismus gelungen. Eingebunden in die Rahmenhandlung eines Kriminalromans und ergänzt um den historischen Kontext der Strafverfolgung der deutschen Kriegsverbrecher und ihrer Henkersknechte nach 1945 entwirft der Autor ein erschreckendes, realitätsnahes Bild vom Überleben der nationalsozialistischen Ideale in Kreisen der schwedischen Gesellschaft und in weltweit vernetzten rechtsextremen Untergrundorganisationen.
Der Kriminalbeamte Stefan Lindman als zentrale Figur der Erzählung kämpft im Verlauf der geschilderten Ereignisse an vielen Fronten: mit dem schockierenden ärztlichen Bescheid der eigenen Krebserkrankung, mit dem drohenden Zerbrechen der komplizierten Beziehung zu seiner polnischen Freundin Elena, mit der Aufklärung der grausamen, rituellen Hinrichtung seines ehemaligen Polizei-Kollegen Herbert Molin, in dessen Verlauf unbequeme Wahrheiten nicht nur zur nationalsozialistischen Vergangenheit und Geisteshaltung des ehemaligen Mitarbeiters ans Licht kommen, auch in der eigenen Familiengeschichte liegt dahingehend bei Lindman etliches im Argen.
Molin, der nach der Pensionierung zurückgezogen in den Wäldern Nordschwedens lebt und dort seiner Passion des Tangotanzens nachgeht, wird offensichtlich Opfer einer gezielten und perfekt geplanten Rache-Aktion, der Leser kennt nach circa einem Drittel des Buches den Mörder, der Spannung der Lektüre tut dies keinen Abbruch.
Lindman folgt den Spuren des ehemaligen Kollegen während seiner krankheitsbedingten Arbeitsbefreiung und ermittelt privat, dank gegenseitiger persönlicher Zuneigung zum vor Ort verantwortlichen Hauptermittler Giuseppe Larsen entwickelt sich eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Kriminalistik-Profis. Im weiteren Verlauf der Geschichte ereignet sich ein zweiter Mord, bedingt durch ein völlig anderes Motiv, die Ermittler im Roman und die Leser rätseln über einen möglichen zweiten Täter.

„Er betrat den Speisesaal. Während er seinen Tisch aufsuchte, fragte er sich, warum sie wohl geweint hatte. Aber es ging ihn nichts an. Jeder hat sein eigenes Elend, dachte er. Seine Hundemeute, gegen die er zu kämpfen hatte.“
(Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Teil 1, Härjedalen, Oktober – November 1999, 10)

Der Roman bietet die von Mankell vor allem von den Wallander-Romanen gewohnte, erstklassige Krimi-Kost, die spannende Geschichte zeichnet sich durch die nüchterne und unaufgeregte Sprache, knappe Dialoge, überraschende Wendungen und stringentes, sorgfältiges Erzählen der einzelnen Handlungsstränge aus.
In „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wartet der schwedische Bestsellerautor mit historischen Grundlagen zu nationalsozialistischen Strömungen in bestimmten Kreisen Schwedens während der europäischen Vormachtstellung Hitler-Deutschlands zu Zeiten des zweiten Weltkriegs auf und setzt sich kritisch mit Strömungen in der rechten Szene Skandinaviens auseinander, heute vermutlich noch so aktuell wie bei Erscheinen des Romans vor über fünfzehn Jahren.

„Ich hatte geglaubt, es würde sterben“, sagte die Stimme. „All das Entsetzliche, das damals geschehen ist. Aber die Gedanken, die in Hitlers krankem Gehirn geboren wurden, sind immer noch lebendig. Sie haben andere Namen, aber es sind die gleichen Gedanken. Die gleiche grauenhafte Betrachtungsweise, der zufolge ganze Völker ausgelöscht werden können, wenn es als notwendig erachtet wird. Über diese ganze neue Technik, die Computer, die internationalen Netzwerke, sind alle diese Gruppen eng miteinander verbunden. Heutzutage findet sich alles in den Computern.“
(Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Teil 3, Die Kellerasseln, November 1999, 32)

Im Wesen des jungen Neonazis Magnus Holmström, einer Nebenfigur des Romans, erkennt der Leser unschwer Charakterzüge des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der erst im Juli 2011, elf Jahre nach Veröffentlichung des Krimis, die Bühne der Weltöffentlichkeit betreten wird, in Oslo und auf der Insel Utøya tötet er insgesamt 77 überwiegend junge Menschen in seinem rechtsextremistischen Wahn, wenngleich auch Breivik den Nationalsozialismus wegen seiner radikalen antisemitischen Grundhaltung in seinem Manifest „2083: A European Declaration Of Independence“ ablehnt.
Zur erfolgreichen Wallander-Krimireihe Mankells gibt es im Übrigen eine Querverbindung: Der rechtsradikale Porträtmaler Wetterstedt und Mentor Holmströms ist der Bruder des Justizministers Wetterstedt, der in »Die falsche Fährte« ermordet wird, das Verbrechen wird auch im „Tanzlehrer“ thematisiert.

„Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wurde zweimal für das Fernsehen verfilmt. In der deutsch-österreichischen TV-Produktion aus dem Jahr 2004 waren unter anderem Tobias Moretti als Stefan Lindman  und Maximilian Schell als der Molin-Mörder zu sehen. Aus dem gleichen Jahr stammt die schwedisch-deutsche Verfilmung „Danslärarens återkomst“, die in der ARD unter dem Titel „Die Rache des Tanzlehrers“ zu sehen war.

Henning Mankell wurde 1948 in Stockholm geboren. Er arbeitete als Theaterintendant und Regisseur an Häusern in Schweden und im afrikanischen Mosambik. Einer breiteren Leserschaft wurde er durch seine Kriminalromane um den Ermittler Kurt Wallander bekannt. Neben weiteren Kriminalromanen wie „Der Chinese“ oder „Kennedys Hirn“ veröffentlichte er eine Reihe an Arbeiten, die sich kritisch mit den Lebensbedingungen auf dem afrikanischen Kontinent, seiner zweiten Heimat, auseinandersetzen.
Wie im „Tanzlehrer“ bezog Mankell in seinen Romanen oft Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen.
Im Oktober 2015 ist Henning Mankell an den Folgen seiner Krebserkrankung im Alter von 67 Jahren in Göteborg gestorben.

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