Reingelesen (50): Willy Vlautin – Northline

vlautin

„Sie nahm seine Hand und sagte: „Ich denke, die Menschen brauchen einfach einen Ort zum Leben. Das braucht jeder. Es ist schwer, wenn Sachen sich verändern, die man kennt, wenn die Dinge schlimmer werden oder anders und man sich an die Zeiten erinnert, die einfacher waren oder sich wenigstens sicherer angefühlt haben und weniger hektisch. Für mich war es in Las Vegas so. Das alles sich verändert hat, und zwar zum Schlechteren.“
(Willy Flautin, Northline, Der Strip)

“Vlautin has written the American novel that I’ve been hoping to find.”
(George P. Pelecanos)

Willy Flautin – Northline (2010, Berliner Taschenbuch Verlag)

Es ist kein Roman für Ästheten, den Willy Vlautin mit seinem Zweitwerk im englischsprachigen Original 2008 beim Londoner Verlag Faber & Faber veröffentlichte. Er erzählt ohne Schnörkel im Stil des amerikanischen Realismus die Geschichte der jungen Allison Johnson. Aus einem zerrütteten Elternhaus stammend, hält sie sich mit einem Kellnerinnen-Job in Las Vegas mehr schlecht als recht über Wasser und hat neben einem massiven Alkoholproblem einen drogenverseuchten, gewalttätigen, rechtsradikalen Freund an der Backe. Als sie unfreiwillig schwanger wird, verlässt sie überstürzt die Stadt und versucht in Reno/Nevada (der Heimatstadt des Autors), ihre Probleme hinter sich zu lassen. Ihren neugeborenen Sohn gibt sie zur Adoption frei und stürzt dadurch in tiefe Depressionen, die sie bis zur Bewusstlosigkeit im Suff ertränkt.

„Auf dem Tisch hatten sie Knarren ausgelegt. Das Tischtuch war eine scheiß Nazifahne. Wir haben so Bier getrunken und sind ins Reden gekommen, und eigentlich wollten sie nur ein paar Latinos klatschen, mehr nicht. Keine speziellen, einfach rumfahren und auf irgendeinen armen Scheißer einprügeln.“
(Willy Flautin, Northline, Flying J)

In den hoffnungslosesten Momenten klammert sich Allison an imaginäre Zwiesprachen, die sie mit dem von ihr verehrten US-Schauspieler Paul Newman hält, aus den fiktiven Dialogen holt sie sich die Kraft zum Weiterkämpfen in der harten Welt der amerikanischen Low-Budget-Jobs. Dem Leser wird en passant eine Übersicht über die Filme Newmans vermittelt, quasi Bonus und einziger Nebenstrang in einem ansonsten konsequent stringent erzählten Roman.
Mit schlechtbezahlten Bedienungs- und Telefondrücker-Jobs schafft sich die junge Frau ein ausreichendes finanzielles Polster, mit dem sie sich eine eigene Wohnung – wenn auch in einer schäbigen Gegend – und eine überschaubare Grundversorgung im alltäglichen Leben leisten kann. Und ein paar Dollar finden sich auch noch in der Kasse, um den Tintenkünstler zu bezahlen, der das Hackenkreuz-Tattoo übersticht, welches sie von ihrem Rassisten-Ex Jimmy verpasst bekam.
Im weiteren Verlauf findet Allison langsam wieder in das soziale Leben zurück, sie pflegt freundschaftliche Kontakte zu gesellschaftlich Gestrandeten aus ihrem Umfeld wie der fettleibigen, fresssüchtigen Kollegin aus dem Telefonisten-Büro und einem psychisch ebenfalls schwer angeschlagenen Restaurant-Gast, mit dem sich eine Beziehung zum Open-End-Schluss des Romans entwickelt, einer der wenigen hoffnungsfrohen Lichtblicke in dem ansonsten weit von jeglicher Heiterkeit entfernten, harten, oft geradezu schmerzhaft ungeschönt erzählenden Werk, das in seinen deprimierenden Geschichten keinen Gedanken in Richtung Sozialromantik aufkommen lässt. Der American Dream findet schlichtweg nicht statt oder ist längst ausgeträumt, das Leben der Roman-„Heldin“ als New-Economy-Verliererin bleibt bedeutungslos, der vielzitierte White Trash eben, dem Vlautin hier ein literarisches Denkmal setzt. Eine das Lesen lohnende Sozialstudie, die den Bildungsbürger schonungslos daran erinnert, dass auch in den westlichen Gesellschaften gilt, wovon Billy Bragg bereits vor vielen Jahren in seinem Song „Waiting For The Great Leap Forward“ gewarnt hat: „The Third World is just around the corner“

„Ihre Zähne waren braun, und sie hatte sich in diesem Jahr drei ziehen lassen. Sie hatte das Gesicht einer Frau, die jeden Tag trank und dann vergaß, etwas zu essen. Sie nahm eine Marlboro aus der Schachtel auf ihrem Schoß und zündete sie sich an.“
(Willy Flautin, Northline, Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit)

Trailerpark-USA, das Leben der hoffnungslosen Unterschicht, zerstörte Wirtschafts- und Sozial-Strukturen, massive Alkohol- und Drogen-Probleme, Fast Food, Entwurzelung und die triste Atmosphäre von Spielautomaten-Hallen, die Spätfolgen der für die US-Mittelschicht verheerenden Wirtschafts- und Fiskalpolitik der Reagan- und Bush-Jahre bilden den Rahmen für diesen in seiner tendenziellen Schlichtheit doch fulminanten Roman, welchen der Produzent der ausgezeichneten HBO-Serie „The Wire“, Krimi-Schwergewicht George P. Pelecanos, für den wichtigsten der Nuller-Dekade hält.

Der 1967 in Reno/Nevada geborene Autor Willy Vlautin hat bisher vier Romane veröffentlicht, die alle auch ins Deutsche übersetzt wurden. Stilisitisch wird er von Kritikern mit Autoren wie John Steinbeck und Raymond Carver verglichen.
Vlautin ist seit über 20 Jahren Sänger, Gitarrist und Songschreiber der amerikanischen Alternative-Country-Band Richmond Fontaine, die seit 1996 bisher elf von Kritikern und Fans hochgelobte Alben veröffentlichte.

Die englischsprachige Erstausgabe von „Northline“ enthielt als Bonusmaterial eine CD mit Musik von Willy Vlautin und Mitgliedern seiner Band, sie ist nach wie vor bei Bandcamp verfügbar.

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4 Kommentare

    1. Dann wünsch ich Dir anregende Lektüre, wenn’s von der Wunschliste in den Einkaufskorb wechselt ;-)) Liest sich auch schnell, hab’s im Urlaub locker an einem Tag durchgekriegt. War bestimmt nicht das letzte Werk von Vlautin, „Lean On Pete“ liegt schon auf dem Stapel.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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