Reingelesen (51): Thomas Adcock – Hell’s Kitchen

adcock

„Meilenstein des harten Krimis – ein anarchisches Debüt, das sich gegen schnelles Lesen wehrt.“
(Matthias Kühn, Krimi-Couch)

„I’ll take Manhattan in a garbage bag
With Latin written on it that says
„It’s hard to give a shit these days“
(Lou Reed, Romeo had Juliette, 1989, New York)

„Angelo sagte: „Der Bursche ist ein wiehernder Scheißkerl, also hat er natürlich auch die Geschichte seines bescheuerten Lebens in Buchform rausgebracht, und natürlich ist es ein Bestseller. Und außerdem – und das denke ich mir jetzt nicht einfach so aus, Hock – ist dieser Vermieter drauf und dran, öffentlich bekannt zu geben, dass er sich um das Amt des Präsidenten bewerben will.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 17)

Thomas Adcock – Hell’s Kitchen (1993, Haffmans/Heyne)

Adcock revisited, dank/wegen „The Donald“: Da hat die Realität mal wieder die Fiktion eingeholt. 1989 wird wohl mancher Leser der amerikanischen Originalausgabe von Thomas Adcocks fulminantem Krimiserien-Auftakt um den irisch-stämmigen New Yorker Cop Neil „Hock“ Hockaday mindestens ein belustigtes Schmunzeln nicht verdrückt haben, als die mögliche Bewerbung um das US-Präsidentenamt der Romanfigur Daniel „The Dan“ Prescott im Verlauf der Geschichte zur Sprache kam. Der im Krimi gezeichnete Immobilien-Unternehmer Prescott inklusive geschildertem Geschäftsgebaren und dem nach ihm benanntem Wolkenkratzer-Tower ist weitestgehend unverhohlen das fiktive Pendant zum aktuellen Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei Amerikas, dem Immobilienmagnaten-Clown Donald Trump. Nicht nur dieser Bezug zur aktuellen amerikanischen Politik macht das Buch lesenswert, „Hell’s Kitchen“ ragt neben seiner unverhohlenen Sozialkritik und Parteinahme für die Verlierer des Kapitalismus auch als Kriminalroman meilenweit heraus aus dem Sumpf mittelmäßiger, literarisch weitgehend anspruchsloser Publikationen, die heutzutage die Masse der Veröffentlichungen des Genres ausmachen.

Der Protagonist „Hock“ Hockaday kehrt nach gescheiterter Ehe in das Viertel seiner Kindheit zurück, das ehemals vor allem von irischen Einwanderern bevölkerte Hell’s Kitchen im westlichen Teil von Midtown Manhattan (heute bekannter unter dem Namen Clinton) ist in den neunziger Jahren Schauplatz der beginnenden Gentrifizierung des heruntergekommenen New Yorker Stadtviertels, der großstädtische Strukturwandel bildet die thematische Klammer im Roman, dubiose Immobiliengeschäfte und zweifelhafte Praktiken zum Entwohnen sanierungsbedürftiger Objekte inklusive korrupter Verbindungen in die Stadtpolitik führen zu Mord und persönlicher Rache, die Recherche lässt Hockaday tief eintauchen in die eigene und die Vergangenheit des Viertels, die dominiert war vom irischen Katholizismus inklusive Vollrausch, Bordellbesuch und anschließender Beichte, und seiner eigenen Mitgliedschaft in einer Jugendgang.

SCUM-Patrol-Mann Hockaday bezieht eine bezahlbare Wohnung im Viertel seiner Kindheit, kurz darauf werden sein Spitzel und Nachbar Buddy-O und der dubiose Mieteintreiber Griffith unsanft ins Jenseits befördert. Von seinem Vorgesetzten erhält er den Auftrag zum Personenschutz für den anonym bedrohten Harlemer Radioprediger Father Love, der während des ersten Treffens mit Hock von einem Auftragskiller lebensbedrohlich angeschossen wird. Der Lauf der Ermittlungen fördert zutage, dass die Fälle in Verbindung zueinander stehen. Die Fäden laufen im Sumpf dubioser Immobiliengeschäfte zusammen, in einer Zeit, als die Politik Reagans die Unterschicht weiter schwächte und Gestalten wie den Immobilienmakler Donald Trump in Position brachten. Trump konnte noch in den Achtzigern nahezu ausschließlich an weiße Klientel vermieten und damit trotz etlicher Klagen ungeahndet gegen amerikanisches Bürgerrecht verstoßen. Von der Stadt New York wurde er bereits in früheren Jahren protegiert und für ein Bauvorhaben in der Nähe der Grand Central Station für vierzig Jahre von der Grundsteuer befreit, der City Hall gingen dadurch in zehn Jahren an die 60 Millionen US-Dollar verloren, finanzielle Mittel, die für die Sanierung von Schulen und Krankenhäusern in jener Zeit dringend gebraucht wurden.
Mit der Verachtung des Ich-Erzählers Hockaday zur Politik der Neocons transportiert Autor Adcock das Anliegen, dass es ihm mit dem Roman nicht ausschließlich um die Erzählung eines düsteren, harten und stimmigen Krimis ging.

„Ich dachte daran, den Holy Redeemer zu suchen, um mal zu sehen, was er vielleicht über Ereignisse wusste, die zu dem vorzeitigen Tod von Buddy-O geführt hatten. Und ich sah mir King’s Row, meinen Lieblings-Ronald-Reagan-Film, in der Glotze an. Der Film, in dem er in zwei Teile zerschnitten wird.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 2)

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In der Zeit der Handlung des Romans war Hell’s Kitchen ein bezahlbares Viertel für die Unterschicht, Kleinkriminelle, Prostituierte, Kneipenwirte und Arbeitslose konnten sich hier bei günstigen Mietpreisen über Wasser halten, wer durch das soziale Raster fiel, fand eine Bleibe in der kriminellen Anarchie des unterirdischen „Dschungel“, die aufgelassene Eisenbahntrasse zehn Meter unterhalb des Straßenniveaus gab es in der Zeit tatsächlich im Westen Manhattans, sie war Unterkunft für Obdachlose, Junkies und Alkoholiker, ein später begehrtes Areal für Immobilenspekulanten.
Das Trump-Abziehbild Prescott sorgt im Roman mit kriminellen Methoden für massiven Zuzug im „Dschungel“ und erhöht so den sozialen Druck im Viertel, Spekulationsobjekte in der Nachbarschaft werden von Mietern widerwillig geräumt, sie schaffen nach erfolgter Sanierung Platz für die überteuerten Wohnungen der Neureichen.

„Gewisse Familien draußen in Brooklyn verdienten sich mit Auftragsmorden ihre Brötchen, Erpressung war die Domäne der Mitglieder der Social Clubs von der Mulberrry Street, das Glücksspiel war den stets schick gekleideten Typen oben in Harlem vorbehalten, Safes knacken konnte jeder, da es damals wie heute ein Handwerk ist, das großes Geschick erfordert, für Provisionen und Schmiergelder waren das Rathaus und die überzeugten Anhänger unseres Systems des freien Unternehmertums zuständig, und die Wall Street besaß das Monopol für Bankausplünderungen auf Gentlemenart und aalglatte Schwindeleien – was wieder mal beweist, dass sich manche Dinge nie ändern.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 18)

Mit Wucht und einer überraschenden Wendung serviert Adcock den Plot dieses entschleunigten, detailliert erzählten und gut recherchierten, beklemmend-finsteren Kriminalromans, der trotz düsterer Grundstimmung mit feinem Humor aufwartet und mehr als Lust macht auf die Fortsetzungen wie „Feuer und Schwefel“ oder „Der Himmel des Teufels“, die die Geschichte von Detective Hockaday und dem Viertel weitererzählen. Und mit Musik kennt sich Adcock auch aus, bereits auf Seite 8 erklingt „God Bless The Child“ von Billie Holiday, im weiteren Verlauf des Romans ergänzt um Anspielungen und Reminiszenzen an Hank Williams, Ray Charles und das New Yorker Vaudeville-Kabarett.

„Welcher Mann?“
„Das spielt jetzt keine Rolle. Er ist auch tot.“
Lionel lächelte und sah sogar noch trauriger aus. Als wäre auf einmal die Luft aus ihm abgelassen worden.
„Tja, nur die Toten werden dir die Wahrheit sagen“, meinte er.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 8)

In der Print-Ausgabe ist das Werk leider längst vergriffen, immerhin als Kindle-Edition ist es seit Anfang des Jahres unter dem neuen deutschen Titel „Der Dschungel“ in der Übersetzung von Jürgen Bürger wieder verfügbar.
Thomas Adcock hat insgesamt sechs Werke über den New Yorker Cop Hockaday geschrieben, die Folgen zwei bis vier sind seinerzeit beim Haffmans Verlag erschienen und heutzutage nur noch über das Antiquariat erhältlich, die letzten beiden Werke aus der Serie, „Thrown-Away Childs“ (1996) und „Grief Street“ (1998) harren bis heute vergebens der deutschen Übersetzung.

Thomas Adcock wurde 1947 in Detroit/Michigan geboren. Er war als Polizeireporter für diverse Zeitungen in Detroit, Minneapolis und New York tätig.
1984 veröffentlichte Adcock „Precinct 19“, eine Dokumentation über den Polizeialltag im Manhattan Upper East Side Revier, eine Art Vorläufer zu David Simons literarischer Realitiy-Doku „Homicide. A Year On The Killing Street“ über die Baltimore Police Department Homicide Unit, die teilweise als Vorlage für die erfolgreiche HBO-Serie „The Wire“ verwendet wurde.
Thomas Adcocks zweiter Hockaday-Krimi „Dark Maze“ (dt. „Feuer und Schwefel“) wurde 1992 mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet.
Er ist mit der Schauspielerin Kim Sykes verheiratet und lebt mit ihr in Manhattan.

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