Swans + Anna von Hausswolff @ Hansa39, München, 2016-11-11

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Schöner (auch optisch) kann man kaum an die intensiven Klang-Rituale der Swans herangeführt werden: Am vergangenen Samstagabend eröffnete die zierliche Schwedin Anna von Hausswolff den Hörgewohnheiten-herausfordernden Abend mit ihren Begleitern, zu denen sich im weiteren Verlauf der Aufführung auch der Swans-Slide-Gitarrist Christoph Hahn auf die Bühne gesellte. Nach dezentem, Folk- und Wohlklang-affinen Intro schwenkte von Hausswolff nicht nur ihr wallendes Blondhaar, sondern auch zügig in das dominierende Klangspektrum der Veranstaltung, mit intensivster Keyboard-Bearbeitung in den Gefilden des Prog- und Doom-Rock und der experimentellen Neo-Klassik, unterfüttert von einer treibenden, düsteren Grund-Rhythmik und begleitet von ihrem exzessiven Sirenen-Gesang entwarf die Skandinavierin ihre eigene Sprache hinsichtlich Grenzgang in den Bereichen halluzinierender Avantgarde-Mystik und wuchtiger, pochender, nahezu schwermütiger, im klassisch-repetitiven Minimalismus verhafteter Orgel-Drones. Ein hypnotischer Ausbruch, dem man in der Form gerne auch über die gängige, volle Konzert-Distanz beigewohnt hätte.
(*****)

„I frequently hear music in the heart of the noise“ soll George Gershwin laut Karl Bruckmaiers Doku „The Story Of Pop“ einst zum Besten gegeben haben, ein Umstand, den man den Jüngern der New Yorker No-Wave-Institution Swans nicht weiter erläutern muss, sie wissen seit Jahrzehnten, dass die Schönheit im Auge des Orkans liegt.
Zeremonienmeister Michael Gira zelebrierte mit verändertem Line-Up seine ureigen-charakteristische, nach wie vor bis ins Mark erschütternde Spielart des seit 1982 begeisternden und gleichzeitig fordernden Noise-Rock-/No-Wave-/Experimental-Ansatzes im restlos ausverkauften Hansa39.
Brachial-Perkussionist Thor Harris (Shearwater, Angels Of Light, Bill Callahan u.a.) war in diesem Jahr nicht mit von der Partie, die Konzertreise begleitet derzeit als Gastmusiker Paul Wallfisch, seit Jahrzehnten in der amerikanischen Independent-Musik beheimatet und aktuell Musikalischer Leiter am Schauspiel Dortmund, bereicherte der in Basel geborene Musiker den Sound der Swans mit seinem Spiel am Korg-Keyboard um Psychedelic- und Krautrock-Elemente und reduzierte somit den wuchtigen Brachial-Anteil des Gesamt-Klangbilds nicht unwesentlich. Wo sich die Konzertbesucher früher bei den Swans meditativ im überlauten Noise-Rausch verloren, ist aktuell ein Orientieren an ausgefeilteren Prog-Rock-Klängen möglich.
Freunde des begnadeten, genialen Krachs kommen nach wie vor nicht zu kurz beim New Yorker Experimental-Kollektiv, dafür sorgt alleine schon Bandleader Michael Gira mit seinen in den Nerv bohrenden Gitarrenattacken, die oft viele Minuten lang vom dröhnenden Bass Christopher Pradvicas begleitet mit immer gleichem Akkordanschlag die psychische (Grenz-)Erfahrung noch zu steigern wissen. Wie auch in Aufführungen vergangener Jahre versank Schamane Gira in Trance-artige Zustände und versuchte zudem rein optisch mit seiner einladenden Gestik, die Zuhörer in den überwältigenden Klang-Orkan zu ziehen.
Zweieinhalb Stunden Glücks-Hormone produzierende Soundwände, fünf Ellen-lange Stücke, mehrheitlich gespeist aus dem aktuellen Album „The Glowing Man“ (2016, Young God/Mute), alleine die Eröffnungsnummer ausgedehnte 50 Minuten – ohne in der Spannung abzufallen, das können in der Form nur die Swans, bedauerlicher Weise werden wir es in der Intensität fürderhin leider nicht mehr erleben: Für München soll’s das am vergangenen Freitagabend endgültig gewesen sein mit den Lärm-Mantren und dieser einzigartigen Dekonstruktion aller gängigen Rockmusik-Muster, nach Presseberichten will Meister Michael Gira nach Ende der laufenden Welt-Tournee die Band umformieren und nur noch selten Swans-Konzerte spielen, diese dann auch in völlig anderer Form, Gründungsmitglied und Gitarrist Paul Westberg hat bereits vor der Tour angekündigt, dass es für ihn die Abschieds-Gala sein wird.
Eine Konzert-Ära geht zu Ende, die individuell begleitet wurde von abgebrochenen Konzerten in den Achtzigern in der Münchner Manege, als sich die verzweifelte, Lärm-belästigte Nachbarschaft nur noch durch angeforderten Polizei-Einsatz zu wehren wusste, tagelange, Tinitus-artige Gehörlosigkeit im Nachgang zu diesen exzessiven Klangexplosionen und beglückendem Lärm-/Kunst-Genuss, der jede Swans-Aufführung zu einem herausragenden Ereignis gestaltete. Tiefe Verneigung in immerwährender Dankbarkeit.
(***** ½ – ******)

Very special Thänx an Sabine für die schnelle Hilfe zur Rettung meines Gehörs… ;-))

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5 Kommentare

  1. Tolle inhaltliche und visuelle Zusammenfassung des Abends, es war ein unglaubliches Konzert-Erlebnis und hat großen Spaß gemacht. Ich berichte die Tage noch über meine weiteren Konzerte die ich den letzten beiden Konzert-Marathon-Wochen erlebt habe, diesen Beitrag würde ich für meinen Blog mopsen, so gut hätte ich das nie wiedergeben können. Freu mich schon aufs nächste Konzert auf dem wir uns treffen 🙂

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    1. Liebe Sabine,
      freut mich, dass es Dir auch so gut gefallen hat. Mops Dir den Beitrag gerne ;-)) Und noch mal vielen Dank für den Ersatz für meinen verlorenen Ohrenstöpsel, das hat mir das Gehör für die nächsten Tage gerettet ;-)) Freu mich auch schon auf unseren nächsten gemeinsamen Konzertgang.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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