Reingelesen (55): Karl Bruckmaier – The Story Of Pop

bruckmaier

„Und schon habe ich es wieder vergessen. Denn die Geschichte der Popmusik setzt sich nicht zusammen aus dem Wissen, wer 1972 bei Jethro Tull Bass gespielt und wer die erste House-Maxi veröffentlicht hat. Die Geschichte der Popmusik stellt für mich ein seit Jahrhunderten aufgeführtes Drama dar, das uns von einem bestimmten Typus Mensch erzählt, von seinen Lebensumständen, von seinen Träumen, von seinen politischen Ansichten und von seinen Unzulänglichkeiten. Ein Drama braucht einen Chor. Vielstimmig muss die Erzählung sein. Und im Rhythmus.“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Vorwort)

„Tür auf, Patti Smith kommt rein, und wir alle sind wie elektrisiert: Welche kosmischen Weisheiten wird sie wohl von sich geben? Und sie kommt her zu mir und fragt, wo man hier ganz schnell Stoff kriegt.“
(Geoff Travis)

Karl Bruckmaier – The Story Of Pop (2015, Heyne)

Er hätte es sich auch leicht machen können, der Karl Bruckmaier, mit seiner Geschichte des Pop. Am Anfang hat Gott Adam und Eva, die Schlange und die Weihnachtslieder in die Welt gesetzt, später brachten die schwarzen Sklaven den Gospel und den Blues auf Amerikas Baumwollfelder, hinzu kommen die üblichen Verdächtigen Elvis, Beatles et cetera und der Jagger/Richards-Ideen-Klau bei Chuck Berry und Muddy Waters, und heute haben wir Madonna, die den US-Wählern bei entsprechender Stimmabgabe für Frau Clinton orale Liebesdienste verspricht, die wir in der detaillierten Beschreibung von Frau Ciccone so genau eigentlich gar nicht wissen wollen.
So einfach hat es sich Bruckmaier Gottlob nicht gemacht. „No Elvis, Beatles or the Rolling Stones in 1977“  haben The Clash vor fast vierzig Jahren als Punk-Postulat herausgehauen, und so hält es der Autor auch weitestgehend in seinem anregenden Schmöker. Die Nummer mit dem Gospel, den Sklaven, mächtigen afrikanischen Gottheiten und dem Blues kommt selbstredend auch vor, ausführlichst, gebührend und in seiner ganzen historischen Grausamkeit, daneben aber eben auch weitaus weniger offensichtliche und unerwartete, abseitige Details zum Thema Popmusik, und diese lesen sich in der nonchalanten, lakonischen Bruckmaier-Diktion weitaus anregender und spannender als die im „Rolling Stone“ (oder in ähnlichen ewig rückwärts gewandten Postillen) zum hundertachtundzwanzigsten Mal aufgewärmten Geschichten vom Hüftschwung des King und den lachhaften Yoga-Übungen der Fab Four im fernen Indien.

„Funk kommt übrigens von lo-fuki, „starker Körpergeruch“, einem Wort aus einer Bantu-Sprache. Seine zweite Bedeutung: spirituelle Stärke. Die Sklaven, die noch in der Neuen Welt ankamen, waren notgedrungen alle ziemlich funky.“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Purgatorium)

Der Leser lernt frühzeitliche persische Popstars im Kalifat Cordoba kennen, erfährt vom Auftauchen der mahgrebinischen Trommel im europäischen Süden im 10. Jahrhundert, bereits auf den ersten Seiten der Essay-artigen Abhandlung wird klar, dass es dem Autor nicht nur um die angloamerikanische Pop-Historie geht, vielmehr werden Querverbindungen und sich gegenseitig befruchtende Einflüsse im Fortgang der Jahrhunderte Kontinent-übergreifend erkennbar.
In New Orleans gilt vor weit über 200 Jahren erstmals die Devise: Rock the City! – der Beat bahnt sich seinen Weg in die Kaschemmen und Straßen der Großstadt.
Auf Bruckmaiers Bühnen treten frühe Popstars wie Louis Moreau Gottschalk auf, der französisch-stämmige US-Komponist und -Pianist war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Superstar auf Never-Ending-Tour und gab sich ähnlich gelangweilt von Konzertbetrieb und Publikum wie dieser Tage der Sinatra-/Literaturnobelpreisträger-Imitator Dylan.
Der Leser lernt unbekannte Ingredienzen und Einflüsse wie die „Sacred Harp“ kennen, Gottes-fürchtige Kirchengesänge, der frühe Pop im amerikanischen Süden. Bert Williams tritt auf, ein bekannter Künstler im Rahmen der Minstrel-Shows, dem Pop-Entertainment der Vaudeville-Ära. Jacques de Vaucanson, ein französischer Erfinder, sorgt im 18. Jahrhundert mit seinen mechanischen Maschinen für die Initialzündung hinsichtlich Grammophon, Volksempfänger, Soundsystems und iPod, die Gerätschaften werden den Pop demokratisieren und privatisieren durch Ausstrahlung in jede Behausung, quasi der endgültige Durchbruch als Massenprodukt.

„… während JFK trotz Schweinebucht und Vietnam von Bob Dylan „a friend of mine“ genannt wird, von demselben Bob, der sich von Barack „Lauschangriff“ Obama einen Orden wird umhängen lassen und der sich auch nicht zu blöd ist, wie der Apotheker Homais aus Madame Bovary und andere Hanswurste das Kreuz der Ehrenlegion entgegenzunehmen. Bob, voice of a generation. Wonder Bob. Mein Bob! Dass Pop aber auch immer so kompliziert sein muss, Herrschaftzeiten!“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Protest)

Je drückender die gesellschaftlichen Verhältnisse und der Drang zur Veränderung, umso zwingender der Wille zum individuellen Ausdruck via Musik, in der „Story Of Pop“ im Prager Frühling bei den Velvet-Underground-beeinflussten Plastic People Of The Universe genauso zu finden wie unter der brasilianischen Militärdiktatur im Tropicalia/Afrosamba von Gilberto Gil und Caetano Veloso oder den APO-durchwirkten Essener Songtagen anno 1968 mit Auftritten der Mothers Of Invention, der Fugs oder deutscher Kraut-Koryphäen wie Tangerine Dream und Amon Düül, da tut kein totgerittenes Zitieren des Woodstock-Mythos Not, der Geist wehte auch woanders frei und Popular-musikalisch brisant. Nicht unerwähnt bleibt, dass Protagonisten wie Václav Havel und Gilberto Gil in ihren Ländern später höchstselbst staatstragend wirken werden.
Das alles und noch viel mehr erzählt uns Karl Bruckmaier, ohne König von Deutschland zu sein, aber dafür kennt er sich aus, beim Punk, beim Jazz, im Country, bei der Britischen Invasion und ihrem überflüssigen Spät-Achtziger-Abklatsch, allem Art-verwandten Pop-Zeugs, das in dem Zusammenhang selbstredend zur Sprache kommen muss.

Und wir treffen die Randfiguren des Pop, an denen der große Reibach und auch das Publikum mehrheitlich vorbeiging, die aber in dem Kontext das sprichwörtliche Salz in der Suppe ausmachen, John Fahey etwa, den Pionier der American Primitve Guitar, der das alte, versteckte Amerika der Aussenseiter in seiner Musik an die Oberfläche holt, wie kein anderer kaum vereinbare Stile wie Folk, Country, Gamelan und Neu-Klassik verwebt und zeitlebens zerrissen wird vom Anspruch, Kunst und Dasein in Einklang zu bringen, prägend für Musiker wie Jim O’Rourke, Sonic Youth, Henry Kaiser, bis heute. Die Kurzgeschichten-Sammlung „Blaugrassmusik“ (2005, Suhrkamp) des begnadeten Vertreters der amerikanischen Outsider-/Experimental-Folk-Musik hat Bruckmaier im Übrigen seinerzeit ins Deutsche übersetzt.
Und einer wie der Kult-Trash-Blues-Barde Alex Chilton hat als 17-jähriger Box-Tops-Sänger via „The Letter“-Nummer-Eins-Hit tatsächlich seine berühmten Warhol’schen 15 Minuten in der Pophistorie abbekommen, auch wenn er vom großen Geldtopf kaum was gesehen hat und später wie von Bruckmaier geschildert im Erdinger Hirschwirt den weitaus spannenderen Stoff vor überschaubarem Publikum ablieferte.

Gut 300 Seiten prall gefüllt mit imaginären Merkzetteln, Randnotizen, Anekdoten und Querverbindungen im opulent wuchernden, tausende Jahre alten Pop-Dschungel, auf den Punkt gebracht, originell und vor allem subjektiv und süddeutsch-barock den Glückshormone-ausschüttenden Momenten Raum gebend. Bruckmaier versteht es glänzend, dem Leser Theoretisches en passant unterzujubeln, dass er sich in wissenschaftlich angelehntem Soziologen-Gewäsch ergeht, welches die Lektüre geistiger Ejakulationen aus der Feder etwa eines Diederich Diederichsen zu einer lustlosen Anstrengung verkommen lässt, ist sein Ding Gottlob nicht.
Herrlich ehrlich auch die Episode, in der er als junger Journalist die große Pop-Ikone Marianne Faithfull in einem Münchner Hotel interviewen durfte, seine Fragen waren unverschämt offensiv und auch nicht grundlegend völlig abseitig, aber eben auch wenig feinfühlig und kaum sensibel, der Stachel über die verkorkste Nummer scheint bis heute tief zu sitzen beim Autor. Shit happens, was soll’s, letztendlich egal, the Beat goes on

„Vielleicht ist Rockmusik das beste Medium, um künstlerischen Unfug Gestalt annehmen zu lassen, die einfachste Art, sich zu verbergen hinter einer Maske des Aufruhrs, die einzig wahre Methode, um mit narrativem Extremismus durchzukommen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.“
(David Thomas, Pere Ubu)

Karl Bruckmaier wurde 1956 in Niederbayern geboren, seit 1978 ist er regelmäßig in den Radiosendungen „Zündfunk“ und „Nachtmix“ des Bayerischen Rundfunk zu hören, seit 1981 schreibt er für die Süddeutsche Zeitung Platten- und Konzert-Kritiken und Anmerkungen zur Pop-Kultur.
Bruckmaier ist Verfasser, Bearbeiter und Regisseur mehrerer, zum Teil mit Preisen ausgezeichneter Hörspiele, die neben seinen eigenen auch Texte von anderen Autoren wie Elfriede Jelinek, Amiri Baraka, Mayo Thompson, Carl-Ludwig Reichert und Alexander Kluge enthalten.
1999 erschien von ihm „Soundcheck: Die 101 wichtigsten Platten der Popgeschichte“ (C.H. Beck Verlag), eine subjektive, amüsant geschriebene und höchst anregende Best-Of-Lieblingsplatten-Auflistung und -Kommentierung des Autors, ein Schmöker, der ergänzend bestens passend neben „The Story Of Pop“ im Bücherregal steht.
Zeitweise betrieb Karl Bruckmaier die Web-Seite „Le Musterkoffer“, die leider schon seit längerem kein Update mehr erfuhr, aber immer noch online im Netz verfügbar ist.

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20 Kommentare

    1. Hallo Erich,
      doch, unbedingte Leseempfehlung, ich denke, Du wirst es nicht bereuen, zumal er ja oft über den Musik-Tellerrand hinausschaut und politische und gesellschaftliche Zusammenhänge aufzeigt. Der Bruckmaier ist schon ein Guter.
      Liebe Grüße,
      Gerhard

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      1. Die Freundin und ihr Text: Erzähl ich dir dann bei Thisell, ok?
        Übrigens hab ich in meiner Devotionalienkiste auch ein paar uralte Bruckmaier-Perlen zum „ollen Bruce“ (wie du ihn mal nanntest und mich dabei gottseidank an einem seelisch stabilen Tag erwischt hast 😉 ) – Spitzen-Rezensionen sind das, werd‘ ich nie wegwerfen.

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      2. Super, freu mich schon.
        Der Bruckmaier kennt sich halt aus. Hab durch ihn vor allem durch den Zündfunk früher auch viele gute Sachen entdeckt. Als Entschuldigung für den „ollen Bruce“ bring ich Dir das Zeitmagazin von letzter Woche mit, da war ein mehrseitiges Interview mit ihm drin (falls Du es noch nicht hast).

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  1. An dem Punkt, an dem Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Über Pop Musik“ erst beginnt, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts nämlich, da hört Bruckmaier fast schon auf. Natürlich sind auch Elvis, Dylan, die Beatles und vieles Neuzeitliche im letzten Drittel dieser „Story of Pop“ drin, aber eben anders, sehr von der Seite. Wichtiger sind Bruckmaier Menschen wie John Hammond oder Louis Moreau Gottschalk, ein gewisser Ziryab aus Bagdad, John Fahey oder gar Hugh Hefner. Und natürlich sind auch, da ist Bruckmaier ganz nah bei Diederichsen, die technischen Neuerungen von enormer Bedeutung, angefangen von den sogenannten Coin-Ups, den Prototypen der Jukebox, über die Grammofone bis hin zum Radio: „Pop braucht die Maschine. Und die Menschen, die Maschinen verkaufen wollen, können Pop gut gebrauchen.“

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    1. Der große Unterschied ist halt, das Bruckmaier einfach schöner und verständlicher schreibt. Um seinen Ausführungen zu folgen, muss man nicht wie bei Diederichsen vorher Soziologie studiert haben, um es mal etwas überspitzt auf den Punkt zu bringen. Bei DD fand ich die Lektüre bereits früher hinsichtlich seiner Spex-Artikel oder seinem Schmöker „Sexbeat“ immer ziemlich Spaß-befreit, auch wenn er in der Sache oft sicher nicht daneben liegt.

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