Reingehört (294): Those Who Walk Away

Those Who Walk Away – The Infected Mass (2017, Constellation Records)

Aus Sturm- und Windböen-artigem, verstörendem, geisterhaftem, diffusem weißen Rauschen kristallisieren sich verhallte, wunderschöne Sphärenklänge und Choräle heraus, große Ambient-Momente brechen sich Bahn, der unterschwellig beunruhigende, abstrakte Drone bleibt als konstanter Grundton erhalten, dezenter Neoklassik-Minimalismus und meditative Klang-Anschläge, religiösen Riten gleich, kommen und gehen, Field Recordings in Form von Funk-Durchsagen aus dem Flugzeug-Cockpit, Geräusche aus öffentlichen Räumen, Dialog-Samplings aus dem Alltag unterbrechen den Flow. Sieben ineinander greifende Klangentwürfe, die nur als Gesamtwerk Sinn machen, ihre ganze Erhabenheit entfalten und nur so ihre nicht auf den ersten Blick erkennbare Herrlichkeit offenbaren, nicht für oberflächliches Hören geeignet und ein Hineinversenken einfordernd.
Auf den Weg gebracht wird das Minimal-Requiem vom kanadischen Neuklassik-Komponisten Matthew Patton und seinem neuen Projekt Those Who Walk Away, der Tondichter bedient sich „Ghost Strings“ und eines „Ghost Choir“, bestehend aus klassischen Musikern seiner Heimatstadt Winnipeg und des Iceland Symphony Orchestra aus Reykjavik, die gesampelten Aufnahmen aus dem Cockpit-Funk stammen von einem Flug, der kurz darauf abstürzen wird. Der Komponist Patton selbst hat einen Bruder bei einem Flugzeugunglück verloren.
Das erinnert an den 11. September und die kollabierenden World-Trade-Center-Türme aus der jüngsten Vergangenheit, oder in der Kunstwelt an die Hörspiel-Collage „Crashing Aeroplanes (Fasten Your Seat Belts)“ des Münchner Schriftstellers und Hörspielmachers Andreas Ammer, dass er 2001 zusammen mit dem Einstürzende-Neubauten-Lärmproduzenten FM Einheit unter Einsatz gleicher Mittel produzierte. Der Hörer wird ungewollt zum Voyeur und mag das wahlweise für eine besonders morbide Art der tonalen Umsetzung oder radikale Form der Selbst-Therapie des Komponisten halten, außergewöhnlich, herausragend, irritierend und fordernd bleibt diese vielschichtige Experimental-Arbeit in jedem Fall.
“There is something very genuine and at the same time very wrong in what I am doing. The recordings are very disturbing; as we listen to these cockpit voice recordings, real people are about to die”.
(**** ½ – *****)

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2 Kommentare

  1. Das ist Musik, die man so hört, wie man einen Text liest. Musikalische Verarbeitung, die ähnlich funktioniert wie eine literarische. Ein bestimmter Grundton, ein paar markante Elemente, und schon spielt der Kopf die Bilder dazu wie von selbst ab. Lieben Gruß, Sonja

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