Reingehört (296): Wire, The Jesus And Mary Chain, Bardo Pond, Boss Hog

Wire – Silver/Lead (2017, Pink Flag / Cargo Records)

Auch im vierzigsten Jahr ihres Bestehens versorgen Wire Herz und Hirn der Postpunk-Gemeinde mit bestem Stoff, das fünfzehnte Studio-Album von Newman, Lewis und Co kommt wie gewohnt im Uptempo, Downtempo und allem möglichen Dazwischen, in der erwartet schlauen Mixtur aus flottem, zackigem Punk-Gitarren-Anschlag und minimalistischem Stoiker-Beat, stringenten Arrangements und dem untrüglichen Gespür für den intelligenten Pop-Moment, wie ihn die Engländer seit Veröffentlichung ihres Kunst-Punk-Meisterwerk-Debüts „Pink Flag“ (Harvest) vor vier Dekaden über die Jahrzehnte in unverminderter Qualität pflegen.
Vermutlich sind Wire mit die letzten Überlebenden der britischen Punk-Ära, die diese Nummer bis zum heutigen Tag mit Würde hinbekommen und dem Musikgeschehen noch heute Vorwärts-gewandt ihren unverkennbaren Stempel mittels neuer Ideen aufdrücken, in der Vergangenheit war noch jede Veröffentlichung einer neuen Wire-Scheibe ein Anlass zur Freude, mit „Silver/Lead“ verhält sich das nicht anders.
(*****)

The Jesus and Mary Chain – Damage And Joy (2017, ADA / Warner)

Die Combo um die schottischen Brüder Jim und William Reid hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht als Veröffentlichungs-Weltmeister hervorgetan, sage und schreibe 19 Jahre sind seit Erscheinen der letzten Studio-Arbeit „Munki“ (Creation / Sub Pop) ins Land gegangen, zwischendurch hat die Band für einige Jahre komplett den Betrieb eingestellt, das aktuelle Lebenszeichen „Damage And Joy“ liefert die erwartete JAMC-Kost, die Band shoegazed sich gefällig in psychedelischer Garagen-Rock-Manier durch ihren von verzerrten, sägenden Gitarren dominierten Düster-Gitarren-Pop, weibliche Sangeskunst wie etwa die der ehemaligen Belle-&-Sebastian-Musikerin Isobel Campbell bewahren das Werk vor allzu viel Gleichklang.
Haben die Misanthropen aus der Gegend South of Glasgow auf dem Band-Meilenstein „Darkslands“ (Blanco Y Negro) vor dreißig Jahren alles schon mal spannender, Ideen-reicher, griffiger und bezwingender eingespielt, aber groß Schaden und Ärgernis richtet der neue Aufguss in den Gehörgängen auch nicht an, in Reminiszenz an alte Zeiten ist das gut abgehangene Gedöns dann doch ein Ohr-leihen wert…
(****)

Bardo Pond – Under The Pines (2017, Fire Records)

Die hier betreiben ihr Geschäft auch nicht erst seit gestern, Bardo Pond aus Philadelphia, seit gut 25 Jahren unterwegs in Sachen schwerer, experimenteller US-Psychedelic-Space-Rock, auf dem neuesten Werk geben sie wie so oft zuvor in der reichhaltigen Bandhistorie in sechs langen bis sehr langen Epen eine eindrucksvolle Demonstration in ausladendem, von verzerrten, ausufernden Fuzz-Gitarren-Soli und feinst eingefangenen Feedback-Orgien dominiertem Prog-, Post- und Stoner-Rock, über den Isobel Sollenberger ihre gespenstischen, verhallten Folk-Vocals singt und ihre feinen Flötentöne haucht, die den Stücken eine entzückende, entrückte Dream-Pop-Note verleihen und die strukturierte Klammer bilden, um die Noise- und Drone-Bude vor dem völligen Ausfransen, Wegdriften und finalen Verabschieden ins Nirvana zu bewahren. Bezwingende Underground-Rock-Arbeit, wieder mal, und Highlight im facettenreichen, exzellenten Œuvre von Bardo Pond.
(**** ½ – *****)

Boss Hog – Brood X (2017, Bronzerat)

Im Jahr 2000 gab’s die grandios-gute „Whiteout“-Scheibe beim damals sehr angesagten City-Slang-Label, seitdem: nix mehr. Ändert sich nun mit „Brood X“, der gemeinsame New Yorker Haushalt des Ehepaars Chistiana Martinez und Jon Spencer knüpft nahtlos dort an, wo er die verzückte Hörerschaft vor einer halben Ewigkeit zurückgelassen hat, Frau Martinez und der Blues-Explosion-Gatte ziehen in Sachen vollgemülltem Blues-Punk, energetischem Indie-Rock-Swamp und schmissigem Großstadt-Trash alle Register, im Vergleich zum rausgeknallten, überdrehten Blues-Trash des ehemaligen Pussy-Galore-Gitarristen Spencer und seiner Hauscombo poltert der Boss-Hog-Sound mit wesentlich mehr unbeschwertem Funk und Hip-Hop-artigen Beats durch die Boxen, wie gehabt unterhält dieses LoFi-Gebräu aus billigen Keyboards, enthemmt-treibendem Mülleimer-Getrommel, übersteuerten Gitarren-Attacken und überdreht-beschwörendem Gesang maximalst und lädt zu heftigem Mitgrooven und Hüftschwenken ein, lange nicht mehr gehört und gleich wieder erkannt und für gut befunden, so muss das sein…
(**** ½ – *****)

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6 Kommentare

    1. Absolut. Hab sie Ende der Achtziger auch mal live gesehen, da hatten sie Gottlob auch Bock zu spielen. Über die volle Konzertdistanz, zwar ohne Gruß und Ansage, aber immerhin. Das kannte man von ihnen auch anders, 20 Minuten Gitarren-Feedback-Lärm und dann Schluss.

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      1. Damals taten The Jesus and Mary Chain ja nichts anderes, als die Hörgewohnheiten einer im Grunde desinteressierten Hörerschaft ein wenig herauszufordern. Das Debut „Psychocandy“ war ein Meisterwerk, das sie nicht mehr überbieten konnten. Leider!

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      2. Auf Platte hat das funktioniert. „Psychocandy“ fand ich auch super, „Darklands“ war auch noch sehr anständig, danach wurde es dann etwas beliebig. Man muss natürlich fairerweise anmerken, dass beispielsweise Velvet Underground auf den ersten Platten bereits mit Feedback und verzerrten Gitarren arbeiteten, was grundlegend Neues war das also auf „Psychocandy“ nicht, aber dieser zuckersüße Pop-Schmalz hat natürlich eine besondere Note reingebracht.

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  1. Lieber Gerhard,
    in der letzen Woche hörte ich ein langes Interview mit The Jesus And Mary Chain im Radio mit vielen Stücken aus ihrem Album und am Wochenende sah ich sie Live beim Glasgow Festival (via Stream). Mir gefiel ihr Konzert wie ich auch finde, dass sie ihren Sound und Stil in die Neuzeit gut übertragen haben. Und das Rolling Stone Magazin vergibt auch vier Sterne. Passt mit Deiner Kritik also gut zusammen.
    Liebe Grüße,
    Stefan

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