Soul Family Tree (26): The Soul Of Elvis C.

Die Frage, für was der „man of many talents“ Elvis Costello heutzutage zuforderst bekannt ist, lässt sich wahrscheinlich bei dem weiten musikalischen Spektrum, dass der Londoner mit irischen Wurzeln in seiner jahrzehntelangen Künstler-Karriere beackerte, nicht so ohne weiteres beantworten.
Hits aus der britischen New-Wave-/Punk-Ära der späten Siebziger wie „Oliver’s Army“, „Alison“ oder die Nick-Lowe-Nummer „(What’s So Funny `Bout) Peace, Love, And Understanding“ stehen zu Buche, seine ersten drei Alben finden sich in der Rolling-Stone-Liste „500 Greatest Albums Of All Time“, viele seiner späteren Alternative-, Roots-Rock-, Americana- und Country-Arbeiten waren nicht minder ansprechend; Kollaborationen mit Größen wie Burt Bacharach, Roy Orbison, Allen Toussaint, Bill Frisell oder der schwedischen Klassik-Interpretin Anne Sofie Von Otter unterstreichen, dass Costello mit vielen KollegInnen kann und dementsprechend in vielen Genres unterwegs ist – hier im Rahmen der Black-Music-Reihe eine Auswahl seiner Interpretationen und Kompositionen aus dem Bereich des Soul und Jazz:

1983 engagierte Elvis Costello zu den Aufnahemsessions für sein Stück „Shipbuilding“ den von ihm hochverehrten Bebop-Trompeter Chet Baker, eine der großen tragischen Figuren des amerikanischen Jazz mit ausgedehnter Drogen- und Gefängnis-Vita inklusive etlichen Karriere-Tiefpunkten und bis heute ungeklärtem Unfall-Tod Ende der Achtziger. Jahre später covert Baker den Titel „Almost Blue“, im Original auf dem hochgelobten Costello-Album „Imperial Bedroom“ (1982) zu finden, und nicht wie oft irrtümlich vermutet auf dem Vorgängerwerk „Almost Blue“ von 1981, einer Sammlung von Country-Coverversionen.

„Ich hatte ihm bei der „Shipbuilding“-Session eine Kopie des Songs gegeben, aber keine Ahnung gehabt, ob er sie je angehört oder gar in sein Repertoire aufgenommen hatte. Chets Version stellte kein einfaches Hörvergnügen dar, doch die Filmbilder dazu waren weitaus schmerzvoller: Beim Filmfestival in Cannes kämpft er in einer Bar voller Schmarotzer um Aufmerksamkeit. Die Anstrengung, die Konzentration und der jahrelange Drogenkonsum stehen ihm ins Gesicht geschrieben.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music. Mein Leben, 25, It’s A Wonderful Life)

Chet Baker mit „Almost Blue“, in der langen Studio-Version und in einer zweiten, erschütternden, kurzen Live-Fassung, die der Beschreibung aus Costellos Autobiografie sehr nahe kommt:

Auch die kanadische Jazz-Interpretin Diana Krall, Costellos dritte und derzeit aktuelle Ehegattin, hat 2004 eine Version von „Almost Blue“ eingespielt, die Tantiemen bleiben somit in der Familie:

1986 tritt Chet Baker zusammen mit Elvis Costello und dem spontan hinzugekommenen Van Morrison, den Costello zufällig auf dem Weg zum Gig trifft, im berühmten „Ronnie Scott’s Jazz Club“ im Londoner Stadtteil Soho auf, von den Sessions mit Jazz-Standards gibt es Filmaufnahmen zu einer ausführlichen Dokumentation, hier die Interpretation der Great-American-Songbook-Nummer „You Don’t Know What Love Is“ aus der Feder der Songwriter Don Raye und Gene de Paul, die sie für die 1941er-Kino-Komödie „Keep ‚Em Flying“ komponiert haben, einem Film mit dem zu jener Zeit berühmten US-Komikerduo Abbott and Costello (!!!):

2002 hat Sixties-Soul-Legende Solomon Burke bei Fat Possum ein völlig zu Recht mit herausragenden Kritiken bedachtes, Grammy-bepreistes, von Joe Henry produziertes Comeback-Album ausschließlich mit Fremdkompositionen eingespielt, neben Werken von Größen wie Van Morrison, Tom Waits und dem aktuellen Literaturnobelpreisträger findet sich auch der Titel „The Judgement“ aus der Feder von Elvis Costello und seiner damaligen Frau, der ehemaligen Pogues-Bassistin Cait O’Riordan:

Einige Jahre Jahre später nimmt Costello wie eingangs erwähnt mit New-Orleans-R&B-Legende Allen Toussaint das Album „The River In Reverse“ auf, die Kooperation wird 2006 in der Kategorie „Best Pop Vocal Album“ für den Grammy nominiert. Allen Toussaint galt als „one of popular music´s great backroom figures“, viele seiner Titel wurden durch anderen Interpreten bekannt, „Working In A Cole Mine“ etwa von Lee Dorsey oder „Southern Nights“ von Glen Campbell. Er hat unzählige Alben von Künstlern aus dem Jazz-, Blues- und Soul-Bereich produziert und unter anderem für das großartige The-Band-Live-Album „Rock Of Ages“ die Bläsersätze arrangiert. 2013 hat er von Präsident Obama die National Medal Of Arts erhalten. 2015 ist Allen Toussaint im Rahmen einer Tournee in Madrid im Alter von 77 Jahren gestorben. Hier seine Komposition „Who’s Gonna Help Brother Get Further?“ mit einem größtenteils zum Background-Sänger degradierten und somit kaum nöhlenden Elvis Costello:

Den Rausschmeißer gibt Meister Declan Patrick MacManus aka Elvis Costello selber mit einer Interpretation der R&B/Soul-Nummer „From Head To Toe“ von Tamla-Motown-Star Smokey Robinson aus seiner Zeit mit den Miracles in den Sechzigern und dem Rodgers/Hart-Klassiker „My Funny Valentine“, den er bereits 1979 als B-Seite für seine Single „Oliver’s Army“ einspielte und der sich auch in der Version des Gerry Mulligan Quartet aus dem Jahr 1952 mit einem herausragenden Trompetensolo von Chet Baker großer Beliebtheit erfreut, so schließt sich der Kreis.

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4 Kommentare

  1. Ende der 70er- und in den 80er Jahren war Elvis Costello für Musikfans, die sich für Intellektuelle hielten soetwas wie eine Kultfigur, die für sie das Leben in Gut und Böse, Schwarz und Weiss einteilen konnte. Über ihn sagte David Lee Roth (Van Halen) damals, dass die Musikkritiker Elvis Costello nur darum so liebten, weil sie alle wie Elvis Costello aussahen.

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