Reingelesen (64): Elvis Costello – Unfaithful Music. Mein Leben

„Das Problem mit autobiografischen Schwarten wie dieser hier ist, dass man bei jeder halbwegs unterhaltsamen Anekdote oder kostbaren Erinnerung irgendwann bei diesem Gedanken ankommt: Die ganze Sache ist mir eigentlich schnurz.“
(Elvis Costello)

Elvis Costello – Unfaithful Music. Mein Leben (2015, Berlin Verlag)

Es war ihm eigentlich schnurz. So hat sich’s auch über weite Passagen beim Lesen angefühlt. Declan Patrick MacManus aka Elvis Costello hat in „Unfaithful Music“ seine ersten 60 Jahre Erdendasein Revue passieren lassen, in einem oft völlig unsortierten Konvolut aus Familien-Geschichten, Musiker-Anekdoten, Beobachtungen aus dem Alltag, Anmerkungen zum Entstehungsprozess seiner zahlreichen Alben und zu einer Auswahl seiner von britisch-sarkastischem Humor durchsetzten Songtexte. Den roten Faden in diesem Sammelsurium aus scheinbar wahllos herausgegriffenen und zusammenhanglos aneinander gereihten Schlaglichtern, Meilensteinen und Episoden aus dem Leben des Elvis C. sucht man vergebens, es gibt ihn augenscheinlich nicht.
Sprunghaft gibt Costello Einsichten in die eigene Vita, erzählt neben der Geschichte der eigenen Musikanten-Karriere die seines musizierenden Altvorderen, sinniert über gescheiterte Ehen und gibt Interpretationshilfen zu ausgewählten Songtexten in Bezug auf selbst Erlebtes und Empfundenes, ergeht sich in endlosen Belanglos-Begebenheiten mit berühmten Musiker-KollegInnen, mehrfach als mittlerweile Everybodys Darling im Rock’n’Roll-Zirkus selbstredend mit unvermeidlichem Mainstream-Personal wie Dylan, McCartney oder Springsteen, um hunderte von Seiten später unvermittelt erneut in die Ahnenforschung einzusteigen, in einem Abschnitt des Wälzers, in dem sich die Leserschaft der Hoffnung hingegeben hat, diese weit über Gebühr strapazierte und dem eigenen Interesse zuwiderlaufende Thematik längst final abgehandelt zu haben.
Das Irrlichtern zwischen unterschiedlichsten Ebenen und Inhalten macht die Lektüre zu einer anstrengenden, eine erkennbare Chronologie hätte dem Lesefluss spürbar gut getan. Viele Begebenheiten sind für sich gesehen nette Anekdoten, oft mit dem für Costello typischen, hintergründig-bissigen, typisch britischen Humor gewürzt, sowas funktioniert als Anmoderation oder gewitzte Entertainment-Einlage bei einer konzertanten Aufführung hinlänglich gut, in dieser Autobiografie wirkt das wenig stringente Geblubber zusammenhanglos und willkürlich. Nicht selten bleibt es auch unverständlich, da Costello in seinen eigenen Gedankengängen lebt, oft nur andeutet, nicht ausformuliert oder Wissen voraussetzt, mit dem die Leserschaft nicht dienen kann und somit Schulter-zuckend die kryptische Passage abhackt.

„Ein großer Teil der Popmusik ist dadurch entstanden, dass es Leuten nicht gelang, ihr Vorbild zu kopieren, wobei sie dann unbeabsichtigt etwas Neues schufen. Je näher du deinem Ideal kommst, umso weniger originell ist dein Sound.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music, Don’t start me talking)

Leidlich erklären immerhin seine hinlänglich dokumentierten und immer wieder im Stile des exzessiven Namedroppings ins Feld geführten Bekanntschaften und Arbeitsbeziehungen mit Heulsusen und Langweilern vom Schlage Joni Mitchell, Paul McCartney oder Graham Nash, warum sich im Costello-Œuvre nicht nur über jeden Zweifel erhabene Werke, sondern mitunter auch immer wieder durchwachsener bis ungenießbarer Humbug findet – bei dem zweifelhaften Umgang und diesen Einflüssen ausgesetzt: Alles andere als verwunderlich.

„Kurz vorher war ‚Penny Lane‘ erschienen. Ich weiß nicht, ob er den Song jemals gehört hat, aber ich glaube mich zu erinnern, er hielt die Beatles für einen Haufen Schwuchteln.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music, Almost Liverpool 8)

Zusammengearbeitet hat Elvis Costello aber auch mit weitaus gewichtigeren VertreterInnen der Musikerzunft wie seiner Ehefrau Diana Krall oder Country-Göttin Emmylou Harris, mit Chet Baker, Bill Frisell, Allen Toussaint, Burt Bacharach oder T Bone Burnett, bei Live-Auftritten, in Duett-Arrangements, als Sessionmusiker, Produzent oder Songschreiber, dahingehend hält der Wälzer für die interessierte Leserschaft detaillierte Episoden aus dem Costello-Kosmos parat, wenngleich auch diese wie erwähnt oft völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind und so kaum ein ausgewogenes Gesamtbild ergeben.

Ist es wenigstens für beinharte Costello-Fans eine lohnende Lektüre? Fraglich. Auf viele Alben, davon nicht wenige Meilensteine seiner Karriere, geht er mit keinem Wort ein, warum es zum Bruch mit seiner Stammformation The Attractions für fast eine Dekade im Rahmen der Arbeiten zum hervorragenden „Blood & Chocolate“-Album kam, ist kaum eine Erwähnung wert, dafür ergeht sich Costello seitenweise im Interpretieren und Zitieren eigener Textpassagen, nicht weiter verwerflich, wenn denn die Inspiration oder Begleitumstände zum Verfassen der Lyrics nicht derart nebulös, rudimentär und nicht selten auch unverständlich wie in „Unfaithful Music“ skizziert würden.

„Ich kam in derselben Klinik zur Welt, in der Alexander Fleming das Penicillin entdeckte. Ich entschuldige mich im Voraus dafür, dass ich mich nicht als ein ähnlicher Segen für die Menschheit erwiesen habe.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music, London’s Brilliant Parade)

Weder Bildlegenden zu den zahlreichen Privatfotos noch ein Schlagwort- und Personenregister wurden als notwendige Ergänzung erachtet, ein weiteres Minus, dass die Bad Vibes bei der oft unbefriedigenden Lektüre dieser 780-Seiten-Autobiografie noch verstärkt.
Die begrenzte Lebenszeit sollte man sinnvoller nutzen und alternativ zum Durchackern des unausgegorenen Wälzers lieber mal wieder eine schöne Costello-Scheibe auflegen, Perlen wie das 1986er-Doppelpack „Blood & Chocolate“ und „King Of America“ oder das schwer respektable Frühwerk aus den Endsiebzigern gehen immer gut ins Ohr, spätere Werke wie „Brutal Youth“, „When I Was Cruel“, der aktuellere Americana-/Roots-Rock-Stoff oder ausgewählte, erwähnte Kooperationen mit Größen wie Allen Toussaint oder Bill Frisell nicht minder.
„Unfaithful“ im Sinne von ungenau, der Titel des Costello-Ergusses ist mit das Stimmigste an diesem erratischen Schmöker, dem ein Ghostwriter oder mindestens ein halbwegs fähiges Lektorat gut zu Gesicht gestanden hätte.

Elvis Costello wurde im August 1954 unter dem Namen Declan Patrick MacManus in London geboren. Der junge Declan geriet durch die vom Berufs-musizierenden Vater zwecks Einübung der Songs nach Hause gebrachten, jeweils frisch gepressten und somit brandaktuellen Beatles-Singles ab den frühen sechziger Jahren unter den schädlichen musikalischen Einfluss der Liverpooler Pilzköpfe, in den siebziger Jahren machte er sich in der Londoner Pub-Rock-Szene einen Namen, arbeitet dort mit Musiker-Kollegen wie Nick Lowe zusammen und veröffentlichte 1977 beim Indie-Label Stiff mit dem Pub-/Punk-/Power-Pop-Debüt-Meilenstein „My Aim Is True“ sein von Kritikern wie Hörern gleichsam hochgelobtes Debüt-Album, dem viele gewichtige Alben der britischen New-Wave-Ära folgen sollten.
In den vergangen Jahrzehnten hat sich Costello in allen möglichen musikalischen Genres getummelt, von Soul und Jazz über Alternative Country und Roots Rock bis hin zur klassischen Musik, er hat unter anderem Aufnahmen von den Pogues, den Specials, Squeeze, Nick Lowe und Paul McCartney produziert und mit unterschiedlichsten Künstlern aus den verschiedensten Stilrichtungen zusammengearbeitet. Als Musikant, Songschreiber und Bühnen-Entertainer ist er ein ziemlich dufter Typ, das Bücherschreiben sollte er denen überlassen, die was davon verstehen.

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